Alten Booten droht das Aus Traditionsschiffer in kabbeliger Lage

Neue Sicherheitsvorschriften könnten die Betreiber von Traditionsschiffen in finanzielle Schwierigkeiten bringen. Damit sind zahlreiche Touristenattraktionen entlang der Küste gefährdet.
23.10.2016, 00:00
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Traditionsschiffer in kabbeliger Lage
Von Justus Randt

Neue Sicherheitsvorschriften könnten die Betreiber von Traditionsschiffen in finanzielle Schwierigkeiten bringen. Damit sind zahlreiche Touristenattraktionen entlang der Küste gefährdet.

Segelschiffe, Feuerschiffe, historische Dampfer – Traditionsschiffe sind die Hingucker entlang der Küste. Die meisten von ihnen werden ehrenamtlich von Vereinen betrieben. Die fühlen sich jetzt von einer neuen Sicherheitsrichtlinie, die das Bundesverkehrsministerium entworfen hat, überfordert. Die neue Richtlinie soll ab 2017 neben der seemännischen und medizinischen Qualifikation der Besatzung auch die Beschaffenheit der Schiffe, Brandschutz und Ausrüstung neu regeln. Aber auch wenn Staatssekretär Enak Ferlemann versichert, „wir wollen die Vereine nicht kaputt machen, und die Schiffe nicht an die Kette ­legen“, befürchten die Traditionsschiffer ihren eigenen Untergang.

Die beabsichtigten Forderungen „übertreffen alle bisherigen Sicherheitsmaßnahmen zum Erhalt dieser einmaligen Wasserfahrzeuge, sie sind so allein wegen des personellen und finanziellen Aufwandes der Gefahr einer Vereinsauflösung ausgesetzt“, schreibt eine kürzlich gegründete Arbeitsgemeinschaft (AG) der Trägervereine aller sechs Feuerschiffe zwischen Emden und Lübeck. Die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Museumshäfen (AGDM) hat kürzlich ihre Stellungnahme ans Bundesverkehrsministerium übermittelt: „Sollte der Entwurf in der vorgelegten Fassung erlassen werden, befürchten wir, dass die Traditionsschifffahrt der norddeutschen Kulturlandschaft ver-­loren geht.“

„Verordnung zur Änderung der schiffs-sicherheitsrechtlichen Vorschriften über den Bau und Ausrüstung von Traditionsschiffen und anderen Schiffen, die nicht internationalen Sicherungsregelungen unterliegen“, heißt die Richtlinie – in Kurzform SchSV. Der Entwurf sorgt für beträchtliche Unruhe in Traditionsschifferkreisen: „90 Prozent der Betreiber wissen nicht, wie es weitergehen soll“, sagt Nikolaus Kern, der Vizechef der Gemeinsamen Kommission für historische Wasserfahrzeuge (GSHW), des Dachverbands der deutschen Traditionsschiffe.

Verordnung bringt Traditionsschifffahrt in Gefahr

Rund 120 solcher Schiffe gibt es in Deutschland. In der GSHW sind laut Kern 42 Eigner von insgesamt 60 Schiffen organisiert, die übrigen seien in der AGDM. Die beiden ­Vereine vertreten demnach gemeinsam 90 Prozent der Traditionsschiffseigner.

Kerns Vorstandskollege Hermann Lohse, Chef des Cuxhavener Feuerschiff-Vereins Elbe 1, ist früher selbst zur See gefahren. Er ärgert sich bannig über „die vielen Kosten und den bürokratischen Aufwand durch die Angleichung an die Berufsschifffahrt, der gar nicht leistbar ist“. Und dann die künftig von den ehrenamtlichen Crew-Mitgliedern geforderte Erneuerung des Seediensttauglichkeitszeugnisses alle zwei Jahre: „Das schaffen die gar nicht“, sagt Lohse, „das sind zwar alles ehemalige Seeleute, aber wir ­liegen im Altersdurchschnitt über 70.“ Auch Nikolaus Kern hält die Vorgaben für übertrieben: „Bei keinem gewerblichen Sportboot wird das gefordert.“

Insgesamt kümmern sich rund 2000 Mitglieder von Vereinen um die nach ihrer früheren Position benannten Feuerschiffe Amrumbank/Deutsche Bucht in Emden, Borkumriff (Borkum), Weser in Wilhelmshaven, Elbe 1 in Cuxhaven, Elbe 3 in Övelgönne und Fehmarnbelt in Lübeck. Die AG hat ­beschlossen, sich mit einer Eingabe ans ­Bundesverkehrsministerium zu wenden und zu beantragen, ihre Schiffe aus der Verordnung herauszunehmen. Wenn ausschließlich Traditionsschiffe zum Verkehr zugelassen würden, deren Entwurf vor 1965 datiert, sei die Zukunft der Traditionsschifffahrt in Gefahr.

2013 hatte der damalige Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) eine zweijährige Bedenkzeit eingeräumt, um die Diskussion über eine Neuregelung zu versachlichen. In der neuen Vorlage wollte er die Ehrenamtlichkeit in der Traditionsschifffahrt berücksichtigt wissen – und die Tatsache, dass die Crews andere fachliche Voraussetzungen haben als die in der Berufsschifffahrt. „Wenn das so gekommen wäre, wäre das hervorragend gewesen“, sagt Nikolaus Kern.

Erste-Hilfe-Kurs reicht nicht mehr

Warum künftig ein regelmäßig aufzu-­frischender Erste-Hilfe-Kursus nicht reicht, sondern „Schulungen für 1400 Euro pro Person in einem Krankenhaus“ belegt werden müssen, versteht Hermann Lohse nicht. Zumal die Unfallstatistik der Bundesstelle für Seeunfalluntersuchung für die Jahre 2005 bis 2014 sieben Verletzte bei Unfällen mit Traditionsschiffen verzeichnet. Sieben in neun Jahren. „Und das waren alles Leichtverletzte“, sagt Lohse. Er fürchtet, „bald für alles einen Zettel und einen Stempel“ zu brauchen. „Dabei dürfen wir sowieso nur höchstens 20 Seemeilen von der Küste entfernt unterwegs sein und nicht bei mehr als fünf Windstärken auslaufen. Und das alles bei einem Schiff, dass bei Windstärke zwölf draußen in der Elbe gelegen hat.“

Holztreppen sollen mit Stahl unterfüttert werden. Dafür müssten die Holztreppen ­herausgerissen werden, sagt Nikolaus Kern. Und das, obwohl es seit 40 Jahren keinen Brand gegeben habe. Mit diesem Entwurf erreiche Berlin das Gegenteil von Bestandsschutz. „Wir wollten Vorschriften haben, auf deren Basis man in die Zukunft investieren kann.“ Die Forderung nach wasserdichten Unterteilungen des Rumpfes ist für Nikolaus Kern ein Unding. „Schotten in ein historisches Holzschiff einzubauen, ist nicht durchführbar“, sagt er. Auch in alten Stahlschiffen sei so etwas nur in Ausnahmen machbar, in jedem Fall aber „wirtschaftlich schwierig“.

Immerhin verspricht das Ministerium, dass auch wie gefordert umgebaute und damit nicht mehr originaltreue Schiffe, „die aber in ihrer Gesamterscheinung einem historischen Schiff entsprechen”, als Traditionsschiffe anerkannt bleiben. „Wir wollen Rechtssicherheit bei der Feststellung der Historizität der Schiffe“, sagt hingegen ­Hermann Lohse. Seine Kommission hat jedenfalls vorgeschlagen, dass darüber ­künftig nicht die Abteilung Schiffssicherheit der Berufsgenossenschaft Verkehr entscheiden sollte, sondern das Deutsche Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven.

Widerstand aus dem Hamburger Parlament

„Ich sage eine wohlwollende Prüfung ­aller Anregungen zu“, bekundet Staatssekretär Enak Ferlemann. „Die Berufsgenossenschaft haben wir bereits rausgenommen, da kann sich jeder einen unabhängigen Gutachter suchen.“ Die Sicherheitsfrage werde bereits seit Jahren diskutiert. „Die bestehenden ­Traditionsschiffe haben weitestgehend Bestandsschutz. Wir machen Ausnahmen, um sie zu erhalten, aber die Sicherheit von Menschen geht vor.“

Was an Kosten zusammenkäme für Umbauten, nautische und Sicherheitsausrüstung, für zusätzliche Schulungen, schätzt Hermann Lohse „allein für unser Schiff auf 50.000 Euro“. Viele der Kosten sind wiederkehrende Posten, beispielsweise die geforderte Wirtschaftsprüfung alle drei Jahre. „Obwohl wir ein gemeinnütziger Verein sind.“ Mit der Elbe 1, deren Schiffsname „Bürgermeister O‘Swald II“ lautet, Fahrten zu unternehmen, wie in diesem Jahr bis nach Danzig, „das wäre dann kaum noch möglich“.

Widerstand regt sich inzwischen auch im Hamburger Parlament: Die Bürgerschaft will die Richtlinie nicht hinnehmen und einen Gutachterausschuss einschalten, der neue Vorschläge machen soll. Die sogenannte Küstengang der SPD-Bundestagsfraktion, der Abgeordnete aus den Anrainerbundesländern angehören, sucht das Gespräch mit den Traditionsschiffern des GSHW, um sich deren Bedenken erläutern zu lassen.

Die Vorgängerin der „Bürgermeister O‘Swald II“ alias Feuerschiff Elbe 1, die als „Bürgermeister O‘Swald I“ auf derselben Position lag, ist vor 80 Jahren in einem ­Orkan vor der Elbmündung gesunken. 15 Besatzungsmitglieder kamen bei dem Unglück am 27. Oktober 1936 ums Leben. Zum ­Jahrestag will die AG Feuerschiffe eine ­Gedenkfeier auf hoher See abhalten. Kein erfreulicher Anlass, aber eine Möglichkeit, für die Vereinscrew, die Leinen ihrer Elbe 1 loszumachen, ehe sie von der Bürokratie geentert wird.,

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