Wolfsmanagement in Niedersachsen Nach Kritik entlassen

Das Niedersächsische Umweltministerium entlässt zwei Wolfsberater. Sie hatten Kritik an der Wolfsverordnung des Landes und an „schießfreudigen“ Jägern geübt.
03.02.2021, 21:05
Lesedauer: 4 Min
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Von Reimar Paul

Hannover/Lüneburg. Uwe Martens war mehr als zwölf Jahre Wolfsberater. „Schon 2008 hab‘ ich das gemacht, da war Hans-Heinrich Sander noch niedersächsischer Umweltminister“, sagt Martens. Jetzt ist er das Ehrenamt los. Unfreiwillig.

Es bestünden „Zweifel, dass in Zukunft eine kooperative Zusammenarbeit zwischen Ihnen als Wolfsberater und dem Umweltministerium möglich ist“, heißt es in einem Schreiben an Martens vom vergangenen Mittwoch. „Ich danke Ihnen für die bisher geleistete Arbeit als Wolfsberater und entlasse Sie hiermit aus allen Verpflichtungen, die mit dem Ehrenamt verbunden sind.“

Kritik stieß auf Missfallen

Martens‘ Kollege Ralf Hentschel, der vom Umweltministerium einen ähnlich lautenden Brief erhielt, übte dieses Amt im Kreis Wolfsburg aus. Beide sind seit Längerem auch Vorstandsmitglieder im „Freundeskreis wildlebender Wölfe“. Kritische Stellungnahmen des eingetragenen Vereins zu Jägern, die illegal auf Wölfe schießen, sowie zur neuen niedersächsischen Wolfsverordnung stießen im Ministerium auf Missfallen.

Am 16. November 2020 hatte der Freundeskreis in einer Pressemitteilung darauf hingewiesen, dass unter hohem Schutz stehende Wölfe wiederholt mit Jagdmunition beschossen würden. Kurz zuvor war im Kreis Harburg ein durch Schüsse schwer verwundeter Wolf gefunden worden, das Tier musste aufgrund seiner Verletzungen getötet werden. In den Reihen des Deutschen Jagdverbandes, so die Wolfsfreunde, scheine es „noch immer Jäger zu geben, denen man keine Waffe anvertrauen sollte“. Zwar gingen wohl nicht alle illegalen Abschüsse oder Beschüsse auf das Konto von Jägern. „Dennoch ist es hinlänglich bekannt, dass in unseren Feldfluren niemand sonst Jagdwaffen tragen/führen darf.“

Zehn Tage später nahm der Freundeskreis die Wolfsverordnung des Landes, mit der Umweltminister Olaf Lies (SPD) den Abschuss sogenannter Problemwölfe erleichtern will, aufs Korn. Die gegen vielfache Bedenken durchgepeitschte Verordnung verstoße gegen EU-Recht. Statt Weidetierhaltern durch rasche und unbürokratische Herdenschutzmaßnahmen zu helfen, täusche Lies vor, mehr Wölfe schießen zu können. Der niedersächsische Weg, zum Wohle des Artenschutzes an einem Strang zu ziehen, sei mit der neuen Wolfsverordnung „in weite Ferne gerückt“.

Die ministerielle Rüge ließ nicht lange auf sich warten. Als Wolfsberater hätten sich Hentschel und Martens „dazu verpflichtet, nach außen die fachliche Position des Landes zu vertreten und nicht in Widerspruch zu dieser zu stehen“, heißt es in einem Brief des Umweltministeriums vom 23. Dezember. Im Sinne einer Zusammenarbeit zwischen Wolfsberatern und Ministerium bitte man „um Klarstellung, ob sich Ihre Aussagen bzgl. der Wolfsverordnung und den Jägerinnen und Jägern Ihrer Meinung nach mit den von Ihnen unterzeichneten Grundsätzen im Einklang befinden.“ In seiner Antwort bekräftigte Martens Anfang Januar die Auffassung, dass die niedersächsische Wolfsverordnung noch weiter gefasst sei als das 2020 novellierte Bundesnaturschutzgesetz. In diesem legt Paragraf 45a fest, dass bei anhaltenden Übergriffen auf Nutztiere Wölfe eines Rudels auch dann abgeschossen werden dürfen, wenn die Risse keinem bestimmten Tier zugeordnet werden können. Die EU-Kommission, so Martens, vermute indes bereits hier einen Rechtsbruch.

Ministerium bleibt Erklärung schuldig

Gleichzeitig erneuerte Martens die Kritik an einzelnen Jägern, die verbotenerweise auf Wölfe schießen: „Wir sind der Meinung, dass solche Täter der Jägerschaft keinen Gefallen tun.“ Warum diese Auffassung im Widerspruch zu seiner Tätigkeit als Wolfsberater stehe, müsse das Ministerium erklären.

Eine solche Erklärung bleibt das Ministerium in dem eingangs erwähnten Kündigungsschreiben schuldig. „Ihre Kritik als ehrenamtlicher Wolfsberater an den Entscheidungen des Umweltministeriums ist mit den Grundsätzen für das Verhalten von Wolfsberatern nicht zu vereinbaren“, heißt es dort lapidar. „Auch bei als Privatperson öffentlich gemachten Äußerungen ist es entscheidend, dass nicht der Eindruck entsteht, Wolfsberater stünden dem Thema Wolf nicht mit der gebotenen Neutralität gegenüber.“ Gerade im Sinne einer vertrauensvollen Zusammenarbeit mit den Weidetierhaltern sei wichtig, „dass keine Zweifel an Ihrer Objektivität aufkommen“. Ähnlich äußerte sich das Ministerium auch auf Nachfrage. „Die Ausübung der ehrenamtlichen Tätigkeit als Wolfsberater ist eine besonders wichtige Aufgabe für das Land und erfordert die Einhaltung bestimmter Grundsätze“, sagte eine Sprecherin. Insbesondere eine neutrale Positionierung zum Thema Wolf gegenüber Nutztierhaltern und in der Presse sei Bestandteil dieser Grundsätze, genauso wie eine neutrale Kommunikation zu Entscheidungen des Umweltministeriums.

Mit der Neutralität ist es allerdings so eine Sache. In Niedersachsen ist die Landesjägerschaft (LJN) mit dem Monitoring, also dem Zählen und Dokumentieren der Wölfe im Bundesland, beauftragt. LJN-Präsident ist der CDU-Landtagsabgeordnete Helmut Dammann-Tamke. Er hat sich mehrfach für eine Obergrenze für Wölfe und ihren „regulatorischen Abschuss“ ausgesprochen.

Info

Zur Sache

Das Ehrenamt Wolfsberater

Seit 2007 leben in Niedersachsen wieder Wölfe in freier Wildbahn. Bestätigt sind zurzeit 35 Wolfsrudel und zwei Wolfspaare. Als Ansprechpartner für die Bürger dienen Wolfsberaterinnen und Wolfsberater. Sie nehmen auch Spuren und Sichtungen auf. Die meisten Berater dokumentieren zudem Nutztierrisse, wenn der Verdacht besteht, dass ein Wolf der Verursacher war. Die Wolfsberater werden vom Land ernannt. Derzeit üben 130 Frauen und Männer dieses Ehrenamt aus.

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