Mit Tausenden anderer Menschen floh Asuquo Udo vor drei Jahren aus dem kriegsgepeinigten Libyen nach Lampedusa. Seit April lebt er in Hamburg. Während er auf seiner Flucht ums Überleben kämpfte, kämpft er nun gegen Behörden und Gesetze.
Es ist kalt und windig. Wie jeden Tag sitzt Asuquo Udo in dem kleinen weißen Zelt am Steindamm, gleich hinter dem Hamburger Hauptbahnhof. Seit nunmehr 245 Tagen. In Grüppchen stehen andere Afrikaner auf dem kleinen Platz und versuchen sich die Zeit zu vertreiben. Es bleibt ihnen nichts anderes übrig – sie dürfen nicht arbeiten. Im April kam der 48-jährige Nigerianer nach Hamburg, nachdem er vor dem Krieg in Libyen fliehen musste. Früher, in Nigeria, war Asuquo Udo Journalist. In Libyen verlegte er Fliesen. „Mir ging es gut.“ Als er in Deutschland ankam, hatte er nur noch die Kleidung, die er am Leib trug.
Die Geschichte von Asuquo Udo erzählt von Entbehrungen und Schrecken. „Es war nie meine Intention, nach Europa zu kommen“, sagt er. Doch der Krieg in Libyen habe ihm 2011 keine andere Wahl gelassen. Insgesamt mussten 2011 etwa 60000 Menschen aus dem nordafrikanischen Staat nach Europa fliehen. „Überall gab es Schießereien, Massaker, Gewalt. Mir blieb nur noch, mein Leben zu retten.“ Ein Farmer in der Nähe von Tripolis nahm ihn auf, gab ihm Wasser und Essen. Doch dort konnte er nicht bleiben. Zu gefährlich. Er wollte zum Meer. Versteckt in einer Kiste auf der Ladefläche eines Autos ging es an die Küste. „Einen Plan hatte ich nicht. Du planst nicht, wenn Krieg ist“, sagt Udo. „Du vergisst alles. Guckst nicht zurück auf das, was du hinter dir lässt und erlaubst dir keine Träume für die Zukunft.“
Im Mai fand er endlich ein Boot, das ihn aus Libyen wegbringen würde. „Ein paar von uns wurde beigebracht, wie man mit einem Kompass umgeht“, erinnert er sich. Zusammen mit rund 175 anderen Flüchtlingen machten sie sich auf den Weg. Wenn alles gut geht, dauert die Strecke über das Mittelmeer nach Lampedusa 18 Stunden. Asuquo Udo und sein Boot hatten Glück. Nach rund 21 Stunden erreichten sie das italienische Hoheitsgebiet. Von der Küstenwache und Helikoptern wurden sie in Empfang genommen. „In Lampedusa bekamen wir Kleidung, Schuhe und was zu essen. Wir mussten unsere Fingerabdrücke abgeben, und es wurden Formalitäten gemacht“, erzählt er. Dann begann die Odyssee durch italienische Flüchtlingslager fast zwei Jahre lang. Häufig wurden sie in verlassenen Hotels untergebracht. Immer wieder mussten sie den örtlichen Behörden ihre Geschichte erzählen. „Die Stimmung wurde immer schlechter. Wir waren schon so lange Zeit unterwegs – ohne etwas zu tun und ohne zu wissen, wie es weiter geht.“
Das änderte sich Ende 2012. „Sie haben uns Papiere gegeben und gesagt, wir sollen in irgendein Land der Europäischen Union gehen“, sagt Udo. Außerdem erhielt er 500 Euro – einige bekamen mehr Geld, einige weniger. Wieder andere nur eine Fahrkarte. Im April kam der 48-Jährige allein in Hamburg an. Es war kalt, und es lag noch Schnee. Nach ein paar Nächten im Hostel war sein Geld aufgebraucht. Udo saß auf der Straße.
Komplizierte Gesetze
Er suchte Kontakt zu Bürgermeister Olaf Scholz, wollte wissen, was die Politik für ihn und die nach und nach im größer werdende Flüchtlingsgruppe machen könnte. Doch Asuquo Udo merkte schnell, dass die Gesetze in deutschen Städten kompliziert sind. Inzwischen kennt er sich gut aus – er weiß um seine Rechte, wird leidenschaftlich, wenn er von seinem Kampf mit den deutschen Behörden spricht. „Als Kriegsflüchtlinge haben wir das Recht, hier zu
leben und humanitären Schutz zu be-
kommen.“
Zusammen mit den anderen sogenannten Lampedusa-Flüchtlingen fordert er ein Bleiberecht und eine Arbeitserlaubnis für die gesamte Gruppe. Sie misstrauen dem Senat, zweifeln daran, dass tatsächlich jeder Einzelfall objektiv bewertet wird. Die Geschichte der Gruppe „Lampedusa in Hamburg“ stehe für die Widersprüche der europäischen Flüchtlingspolitik und zeige, warum ihre Abschiebung nach Italien nicht die Lösung der Problematik sein kann.
Schließlich öffnete die St.-Pauli-Kirche einigen Flüchtlingen ihre Tore. Monate lang schliefen rund 80 von ihnen im Kirchenschiff an der Elbe. Anwohner spendeten im Überfluss. „Ich wollte nie von jemandem abhängig sein“, sagt Udo. Nun ist es die Hilfe der Hamburger, die ihm das Überleben sichert. „Ich fühle mich inzwischen von der Gesellschaft akzeptiert – aber nicht von der Politik“, sagt er.
Mittlerweile wohnt er mit 23 anderen Afrikanern in beheizten Wohncontainern auf dem Gelände der St.-Pauli-Kirche. Im Kirchenschiff wäre es im Winter zu kalt geworden. Auch Kirchengemeinden in Ottensen und Iserbrook haben Flüchtlinge aufgenommen. Zeigen möchte er seine neue Unterkunft jedoch nicht. „Das ist das erste Mal nach mehr als drei Jahren, dass ich ein bisschen Privatsphäre habe“, sagt er. Die möchte er schützen. „Wir haben jetzt zwar etwas zu essen und ein Dach über dem Kopf, aber der Zugang zum öffentlichen Leben bleibt uns verwehrt“, bedauert er. „Besonders für die jüngeren von uns ist es hart. Die haben so viel Potenzial und dürfen es nicht in die deutsche Gesellschaft einbringen.“ Er selbst möchte irgendwann wieder als Journalist arbeiten. „Das Flüchtlingssystem der EU ist vollkommen kollabiert. Dadurch wird mir noch klarer, wie wichtig es ist, dass unsere Geschichte erzählt und unsere Nachricht verbreitet wird.“
Er fühlt sich auch durch die Demonstranten bestärkt, die für sie auf die Straße gehen. „Wir haben keine andere Wahl, als unseren politischen Kampf weiterzuführen“, sagt Udo. Auch wenn es lange dauern sollte. „Ich habe ein großes Herz und eine dicke Haut. Ich gebe nicht auf.“