Verkehrswende in Niedersachsen

Der lange Abschied von den Dieselloks

Die Bahnunternehmen in Niedersachsen setzen weitgehend immer noch auf Dieselzüge. Dabei hat die Bundesregierung sich eine Elektro-Quote von 70 Prozent des Schienennetzes bis 2025 zum Ziel gesetzt.
27.10.2020, 14:50
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Der lange Abschied von den Dieselloks
Von Peter Mlodoch

Alternative Antriebe ohne Chance? Die DB Regio AG setzt in Niedersachsen weitgehend immer noch auf Dieselzüge. Das Verkehrsunternehmen lässt derzeit 40 Dieseltriebwagen in ihrem hiesigen Nahverkehrsnetz rollen. Drei dieser Züge vom Typ VT 640 des Herstellers Alstom wurden erst im vergangenen Jahr als Reserve beschafft. Das ergibt sich auch einer Antwort des Bundesverkehrsministeriums auf eine Parlamentsanfrage des Grünen-Abgeordneten Sven-Christian Kindler aus Hannover. Das Verkehrsunternehmen selbst lobt seine neuen Fahrzeuge als „verbrauchsarme Leichtgewichte unter den Nahverkehrszügen der DB“.

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Die Grünen warnen vor einem Stillstand beim Klimaschutz. „Wenn wir die Verkehrswende in Niedersachsen schaffen wollen, dann müssen endlich alle alten schmutzigen Dieselloks aufs Abstellgleis“, fordert Kindler im Gespräch mit unserer Zeitung. „Das Schienennetz in Niedersachsen muss viel schneller und umfassender elektrifiziert werden.“ Die Bundesregierung habe sich eine Elektro-Quote von 70 Prozent des Schienennetzes bis 2025 zum Ziel gesetzt. Aber Niedersachsen hinke deutlich hinterher. Bis 2023 würden hier nur 62 Prozent des Schienennetzes elektrifiziert sein. „Das ist ein Armutszeugnis“, schimpft der Abgeordnete. Diese zeige das mangelnde Interesse von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) für die Bahn im Allgemeinen und für den Norden im Besonderen.

Wo eine Elektrifizierung weder sinnvoll noch wirtschaftlich sei, müsse man für andere alternative Antriebe die Weichen stellen. Diese dürften bei Ausschreibungen für Verkehrsleistungen nicht deshalb ausscheiden, weil sie preislich etwas teurer seien, meint Kindler. „Saubere Luft hat eben auch einen hohen Wert.“ Zudem gelte es, die infrastrukturellen Voraussetzungen für eine Antriebswende im Schienenverkehr zu schaffen: durch den Bau von Oberleitungen und von Wasserstoff-Tankstellen.

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Dies passiert derzeit immerhin im Netz der Eisenbahn- und Verkehrsbetriebe Elbe-Weser (EVB) mit seiner Hauptlinie Bremerhaven-Bremervörde-Buxtehude. Beim Sitz des Unternehmens am Bremervörder Bahnhof entsteht die weltweit erste stationäre Wasserstoff-Tankstelle für Passagierzüge. Bis Ende 2022 wollen die EVB mit Hilfe der LNVG ihre komplette Dieselflotte durch 14 Wasserstoff-Züge vom Typ Corodia iLint des Schienenfahrzeugherstellers Alstom ersetzen.

Nach dem Willen der Grünen soll dieses emissionsfreien Mobilitätsexperiment schnell auf ganz Niedersachsen ausgedehnt werden. „Hierfür ist insbesondere der Bund in der Pflicht. Er muss den Ausbau von Lade- und Tankinfrastrukturen im Bereich des Schienenverkehrs gezielt fördern und seine bestehenden Förderungen ausweiten und vereinfachen“, verlangt Kindler. Auftraggeber wie die LNVG müssten ihre Transportdienstleister verpflichten, ihre Dieselloks zeitnah durch alternative Antriebe zu ersetzen. „Bestehende Verträge können auch nachverhandelt werden.“

Die Landesnahverkehrsgesellschaft selbst schafft keine neuen Dieselloks mehr an; in ihren neuen Ausschreibungen für die Transportunternehmen sind diese Antriebe mittlerweile ausgeschlossen. Die Metronom Eisenbahngesellschaft stellt gerade zwei neue Elektrolokomotiven vom Typ 147.5 des Herstellers Bombardier für ihr Hansenetz mit den Strecken Hamburg-Bremen sowie Hamburg-Uelzen und weiter nach Göttingen in den Dienst. Diese Fahrzeuge, die die LNVG gekauft und an Metronom weitervermietet hat, sind als Reserve bei kurzfristigen Zug-Ausfällen gedacht. „Die Loks sind energieeffizienter und haben niedrigere Instandhaltungskosten“, beschreibt LNVG-Manager Thomas Nawrocki den Unterschied zu den bisherigen, seit 2003 eingesetzten Fahrzeugen.

Der Auftraggeber für Zugleistungen im Land fordert unterdessen, dass der Bund deutlich mehr Geld in Bahnanlagen investieren müsse, um die Züge pünktlicher fahren zu lassen. „Es fehlen Weichen, Ausweichgleise und Streckenkapazitäten“, erklärt LNVG-Geschäftsführerin Carmen Schwabl. In den ersten Corona-Monaten habe sich die Pünktlichkeit der Nahverkehrszüge erstaunlich verbessert – vor allem deshalb, weil erheblich weniger Güter- und Fernverkehrszüge unterwegs gewesen seien. „Da ist noch mal sehr deutlich geworden: Der Nahverkehr leidet unter fehlender oder nicht ausreichend leistungsfähiger Infrastruktur“, meint Schwabl. „Der Bund muss das dringend anfassen.“

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