Vögel an der Nordsee Vogelkiller Plastik

Untersuchungen belegen: An der Nordsee hat fast jeder Vogel Plastik im Magen. Der Tod kommt schleichend.
22.09.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Vogelkiller Plastik
Von Martin Wein

Mit ihrer Veröffentlichung sorgte die US-National Academy of Science vor Kurzem weltweit für Schlagzeilen. 90 Prozent aller Seevögel weltweit haben bereits Plastikmüll verschluckt, verkündeten die „Proceedings“ – das angesehene Magazin der Akademie – das Ergebnis einer umfangreichen Überblicksstudie. Wissenschaftler hatten dazu Einzelstudien aus den vergangenen 50 Jahren zu 162 Vogelarten ausgewertet und die Ergebnisse auf den aktuellen Verschmutzungsgrad der Weltmeere bezogen.

In der Verwaltung des Nationalparks Niedersächsisches Wattenmeer in Wilhelmshaven verwundert das dramatische Ergebnis niemanden. „Natürlich schauen wir nicht jedem Seevogel in den Magen“, sagt der zuständige Ornithologe Gregor Scheiffarth. Aber schon die Nester der Basstölpel, Löffler oder Kormorane auf Helgoland zeigten, dass die Tiere vor Plastikteilen keineswegs zurückschrecken. Tütenfetzen, Fasern von Fischernetzen, Flaschenverschlüsse oder andere Kunststoffteile werden von den Tieren kunstvoll in ihrem Zuhause verbaut. Und vieles, was oft monatelang verlockend auf den Wellen treibt, wird als ungewünschter „Beifang“ oder aus Versehen auch verschluckt. „Vor zwei Jahren haben wir einen Basstöpel gefunden, dem noch Reste eines Netzes aus dem Schnabel hingen. Der war garantiert daran verreckt“, berichtet Mathias Heckroth, der Geschäftsführer des Mellumrats in Dangast. Die wenigsten toten Tiere würden allerdings angeschwemmt und dann auch geborgen, ist Heckroth überzeugt.

Dass alle Hochseevögel häufig Plastik fressen, wissen die Ornithologen von den Eissturmvögeln. Diese grauen Hochseebewohner tanzen nur knapp über der Wasseroberfläche elegant mit dem Auf und Ab der Wellen und stürzen sich auf alles Verlockende. Das können Krebse, Quallen oder kleine Fische sein, die sich knapp unter der Oberfläche tummeln, aber auch Aas und Abfall.

Seit 2002 dient der Eissturmvogel deshalb international als sogenannter Bio-Indikator für die Verschmutzung der Nordsee. Seine Belastung steht stellvertretend auch für andere Arten der Hochsee. Wenn die Vogelwärter des Mellumrats auf den Vogelschutzinseln Mellum oder Minsener Oldeoog oder auf Wangerooge oder Mitarbeiter des Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) tote Exemplare an Niedersachsens Stränden aufspüren, sammeln sie die Kadaver auf und schicken sie nach Schleswig-Holstein. Die Universität Kiel übernimmt für die deutsche Nordseeküste die Auswertung der Mageninhalte.

Der Magen eines 800 Gramm schweren Vogels ist nicht besonders geräumig

„Man hat sich im Zuge des OSPAR-Abkommens zum Schutz des Nordostatlantiks darauf geeinigt, dass eine Menge von 0,1 Gramm Plastik im Magen eines Vogels eine messbare Schädigung darstellt“, erklärt Scheiffarth. Das klingt wenig, doch Plastik ist leicht und oft in winzige Partikel zersetzt. Und der Magen eines 800 Gramm schweren Vogels ist nicht besonders geräumig.

Als Schutzziel soll maximal jeder zehnte Vogel den Wert überschreiten. Bei den 219 Tieren, die bislang untersucht wurden, waren es indessen 60 Prozent. Und 95 Prozent aller Tiere hatten mindestens ein Plastikteil geschluckt. Im Durchschnitt lag die Belastung bei 33 Partikeln mit einem Gewicht von 0,33 Gramm. Das sei schon eine erhebliche Menge, meint Ornithologe Scheiffarth. „Die wenigsten Tiere sterben sofort daran. Aber je mehr sich der Magen mit Plastik füllt, das allenfalls sehr langsam verdaut wird, desto weniger Platz bleibt für die eigentliche Nahrung.“ Hinzu komme, dass inzwischen jeder dritte Vogel auch Paraffinklumpen geschluckt hat, die durch das immer noch nicht verbotene Auswaschen von Schiffstanks ins Meer gelangen. Die wachsartige Substanz ist per se zwar nicht giftig, verstopft aber ebenfalls den Magen.

Und eine weitere Gefahr gibt es: Kunststoffe und Paraffine enthalten diverse Schadstoffe, die sich im Nordseewasser an ihnen anlagern können. Zusammen mit den Schnipseln gelangen so Schwermetalle oder Weichmacher in die Tiermägen. Die Umweltbelastung der Tiere steige damit stark an. Im Körper können sie Fruchtbarkeitsstörungen oder andere Erkrankungen auslösen. „Einmal habe ich fünf tote Austernfischer gefunden, die von einer durchsichtigen Drachenschnur stranguliert worden waren“, sagt Scheiffarth, „aber viel gefährlicher als diese offensichtlichen Fälle ist die latent wachsende Belastung der Meeresorganismen durch unseren Müll.“

Prognose sieht düster aus

Das OSPAR-Ziel ist also in weite Ferne gerückt. Und die Prognose der weltweiten Studie sieht noch düsterer aus. Im Jahr 2050, so vermuten die Wissenschaftler aufgrund ihrer Hochrechnung, wird es fast keine Seevögel ohne Müll im Magen mehr geben. 95 Prozent von ihnen werden dann mit Plastik im Magen herumfliegen.

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