Missbrauch-Skandal

Vor 20 Jahren: Schweigekartell im Emsland

Dies ist eine mahnende Erinnerung an einen vor 20 Jahren ansatzweise aufgedeckten Missbrauch-Skandal in der katholischen Gemeinde des Ortes Haren-Erika im Emsland. Ein Skandal, dessen milde Ahndung fassungslos macht.
25.02.2016, 00:00
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Vor 20 Jahren: Schweigekartell im Emsland
Von Hendrik Werner
Vor 20 Jahren: Schweigekartell im Emsland

St. Marien in Haren-Erika. 1996 wurde dort ein Missbrauchskandal öffentlich.

Willy Rave

Dies ist keine Enthüllungsgeschichte, dies ist eine mahnende Erinnerung: an einen vor 20 Jahren ansatzweise aufgedeckten Missbrauch-Skandal in der katholischen Gemeinde des Ortes Haren-Erika im Emsland. Ein Skandal wohlgemerkt, dessen milde Ahndung kaum weniger fassungslos macht als das ungeheuerliche Delikt selbst: Im August 1996 wurde der ein Jahr zuvor seines Amtes enthobene Pfarrer der Gemeinde St. Marien, Alois B., damals 64, zu zwei Jahren Freiheitsstrafe auf Bewährung und einer ebenfalls geringfügigen Geldstrafe verurteilt.

Alois B. hatte zugegeben, von 1987 bis 1995 insgesamt 14 seiner Schutzbefohlenen – Messdiener und Erstkommunikanten – in 227 Fällen sexuell bedrängt zu haben. Unsittliche Berührungen und Streicheln räumte er ein. Die Anklageschrift ließ indes keinen Zweifel daran, dass die verhandelten Delikte nur die Spitze des Eisbergs waren. Dessen Ausmaß erschöpft sich nicht in der Häufigkeit des Herablassens der Jalousien im Pfarrhaus.

Weich fiel in diesem Fall nur der teilgeständige Täter, nicht nur wegen seiner lässlichen Bestrafung, sondern auch aufgrund der friedvollen Zukunft, die ihm das zuständige Dekanat Emsland, mithin das Bistum Osnabrück, zugedacht hatte. Alois B., ohnehin kurz vor Erreichen der Altersgrenze, wurde pensioniert und brachte seinen Lebensabend, gut alimentiert, im Kloster zu. Es fragt sich, warum er nicht bereits 1982 dorthin geschickt wurde. Denn seine Stelle in Erika ging auf eine Strafversetzung zurück. Schon in seiner vorigen Gemeinde gab es Pädophilievorwürfe gegen ihn.

Ähnlich verstörend wie der zwei hundertfache Missbrauch durch den Priester ist freilich dessen jahrelange Hinnahme und Duldung durch Mitwisser. Im 1974 eingemeindeten Harener Ortsteil Erika mit etwa 1700 Einwohnern waren, folgt man der Anklageschrift des Jahres 1996, sowohl der Alkoholismus als auch Neigung und praktizierte Pädophilie des Seelsorgers bereits Mitte der 80er-Jahre ein offenes Geheimnis.

Dennoch wurden zehn weitere Jahre Kinderseelen verheert, bis sich eine Mutter im Jahr 1995 hilfesuchend an den Meppener Kinderschutzbund wendete. Sie hatte bei ihrem Sohn Pornohefte gefunden, die von Alois B. stammten. Dadurch gelangten die Verdächtigungen in die lokale Zeitung; die erste Veröffentlichung war – endlich – Anstoß für ein Dutzend Kinder und Jugendliche, das anstößige Verhalten des Pfarrers gegenüber der Polizei zu offenbaren.

Dabei hätte es bereits acht Jahre zuvor dringende Gründe für eine zeitnahe Intervention gegeben. Wie die Prozessbeobachter des Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ und des ARD-Formats „Panorama“ übereinstimmend berichteten, war der mit Erikaner Honoratioren bestückte Kirchenvorstand seit April 1987 über die Übergriffe informiert. Der bäuerliche Patriarch Josef B., seinerzeit stellvertretender Vorsitzender des Kirchenvorstandes, wurde damals telefonisch von der Mutter eines Opfers in Kenntnis gesetzt. Der Priester hatte den Achtjährigen gebeten, im Anschluss an den Kommunionsunterricht bei ihm zu bleiben. Er setzte den Jungen auf seinen Schoß, zog ihm die Hose und die Unterhose herunter und fasste seinen Penis an.

Josef B., der später sogar zum Kirchenvorstandsvorsitzenden avancierte und im CDU-Kreisverband Meppen mitmischte, hatte den Eltern in einschüchternder Absicht geraten, im Interesse des Gemeindefriedens von einer Anzeige abzusehen, ergaben Befragungen beim Prozess; auch der Hausarzt der Familie hatte den Missbrauchsfall unter Hinweis auf die angeblich schwierige Nachweisbarkeit kleingeredet. Insofern geriet die „Spiegel“-Unterzeile zum Prozess trefflich: „Wie Dorfhonoratioren einen Kinderschänder deckten“. Auch weitere eingeweihte Gemeindemitglieder suchten ihr Heil im Schweigen. In den Monaten zwischen Auffliegen und Prozessbeginn von Alois B. hatten mehr als ein Dutzend unmittelbar oder indirekt Geschädigte Aussagen gegenüber der Polizei gemacht, später aber kein Interesse mehr an Strafverfolgung – sei es aus Scham, sei es aus Ergebenheit gegenüber der Kirche, die in der römisch-katholischen Diözese zwischen Cloppenburg und Haren, Osnabrück und Aurich einen starken Stand hat.

Immerhin: Seit fünf Jahren entschädigen die deutschen Bistümer ausgewählte Missbrauchsopfer. 17 Anträge wurden im Bistum Osnabrück gestellt, 14 anerkannt. Insgesamt bekamen diese Opfer 66 000 Euro – einschließlich Therapiekosten.

Epilog: In seinem Blog „Tapfer im Nirgendwo“ schrieb der Schauspieler und Regisseur Gerd Buurmann, Jahrgang 1976, vor zwei Wochen: „In meiner Kindheit war ich Messdiener in Haren-Erika. Dort habe ich die komplette katholische Erziehung erhalten: Taufe, Beichte, Kommunion, Firmung, Missbrauch, das volle Programm.“

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