Interview über multiresistente Keime

Wachsende Gefahr aus dem Stall

Der massive Einsatz von Antibiotika in den Ställen macht Keime resistent. Gerd-Ludwig Meyer, ein Facharzt aus Nienburg, zieht mit einem Bündnis von Medizinern dagegen zu Felde. Martin Wein hat mit ihm gesprochen.
09.12.2014, 00:00
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Von Martin Wein

Mediziner schätzen, dass jährlich 15.000 bis 30.000 Menschen an multiresistenten Keimen sterben. Die Massentierhaltung steht im dringenden Verdacht, diese Keime hervorzubringen. Der massive Einsatz von Antibiotika in den Ställen macht die Keime resistent. Gerd-Ludwig Meyer, ein Facharzt aus Nienburg, zieht mit einem Bündnis von Medizinern dagegen zu Felde. Martin Wein hat mit ihm gesprochen.

1453 Tonnen Antibiotika wurden im vergangenen Jahr in Deutschlands Ställen eingesetzt. Sie haben vor einem Jahr mit Kollegen die Initiative „Ärzte gegen Massentierhaltung“ gegründet und dem Medikamenteneinsatz den Kampf angesagt. Man legt sich ja nicht grundlos mit Landvolk und Agrarindustrie an – was hat Sie dazu bewogen?

Gerd-Ludwig Meyer: Als vor einem Jahr die Erweiterung eines Großschlachthofs in Ahlhorn beschlossen wurde, war das für mich der Anlass, als verantwortungsbewusster Mediziner Stellung zu beziehen. Ich bin gelernter Landwirt. Darum möchte ich mich nicht an der pauschalen Verunglimpfung der Landwirtschaft beteiligen. Landwirte verdienen hohen Respekt. Anders allerdings verhält es sich mit der Agrarindustrie. Nach meiner Vermutung setzt die noch weitaus mehr Antibiotika ein, um ihr System am Laufen zu halten. Es gibt da einen großen Schwarzmarkt.

Macht die Massentierhaltung wirklich Menschen krank?

Ja! Wer etwas anderes behauptet, der kann auch sagen, dass der Rhein in die Alpen fließt und nicht in die Nordsee.

Erleben Sie das konkret in Ihrem Praxis-Alltag?

Ich habe früher mehrere Praxen in und um Oldenburg gegründet. Obwohl ich seit 1986 Dialyse-Patienten betreue, hörte ich dort im Jahr 2000 erstmals das Wort MRSA. Inzwischen haben wir ESBL, MRGN und andere. In diesem Jahr habe ich schon vier Menschen betreut, die nach einer Infektion ihrer Herzschrittmacher oder Katheter letztlich an solchen multiresistenten Keimen verstorben sind. Dieses Krankheitsbild gab es vor dem Jahr 2000 nicht. In dieser Zeit hat sich die Gabe von Antibiotika in Ställen mehr als verdoppelt. Unsere wichtigsten sind die Chinolone und Cephalospirine der dritten und vierten Generation. Ausgerechnet deren Verwendung hat in der Tiermast allein im vergangenen Jahr um 60 Prozent zugenommen.

In Niedersachsen leben 6,3 Millionen Puten, 8,7 Millionen Schweine und 64 Millionen Hühner. Kann man diese Massen überhaupt ohne Antibiotika mästen?

Das ist mir ziemlich egal. Wir behandeln Menschen sehr gezielt mit Antibiotika – und in Mastställen kippen wir dasselbe hochwirksame Zeug vorsorglich ins Trinkwasser. So züchten wir die multiresistenten Keime gleich mit. Wir können so weitermachen, aber dann müssen wir alle auch die Verantwortung dafür übernehmen, wenn bald massenhaft Menschen mit Keimen verseucht werden, gegen die wir kein Mittel mehr haben. Und das alles nur für ein bisschen billiges Fleisch.

Sie waren selbst Bauer – haben Sie kein Verständnis für die Landwirte, die sich unter enormem Kostendruck sehen?

Diese Seite der Landwirtschaft kenne ich nicht mehr persönlich. Natürlich haben wir im Schweinestall mit 400 Mastschweinen vereinzelt Antibiotika gegeben, wenn es einen konkreten Anlass dazu gab, so wie beim Menschen – aber doch nicht flächendeckend und kontinuierlich. Das Fleisch ist durch die Massenzucht vollkommen entwertet. Wer ein Huhn für 4,50 Euro kauft, der nimmt Qualzucht und Keimbelastung wissentlich in Kauf.

Welche Reaktionen haben Sie für Ihr Engagement bekommen?

Der zuständige Kreislandwirt hat mich beim Staatsschutz angezeigt. Mein Auto wurde untersucht, als sei ich ein Terrorist. Alle Funktionäre schieben sich bei dem Thema gegenseitig die Schuld zu. Auf meinen Brandbrief an alle Gesundheitsämter in Niedersachsen gab es keine Reaktion. Während man uns hier öffentlich belächelt, wurden wir beispielsweise in der britischen „Royal Society of Medcine“ jüngst als leuchtendes Vorbild vorgestellt.

Immerhin unterstützen inzwischen 500 Ärzte Ihren Aufruf.

Das freut mich natürlich – aber eigentlich bin ich maßlos enttäuscht. Bei den Problemen, die wir hier oben in den Viehzuchtgebieten haben, müssten es 30 000 Ärzte sein. Mindestens 15 000 Menschen sterben jedes Jahr an multiresistenten Keimen. Viele Ärzte haben aber Angst oder kriegen von den Kliniken einen Maulkorb verhängt. Da kenne ich konkrete Fälle. Ein Problem mit MRSA – aber doch nicht bei uns!

Was müsste getan werden, um das Problem zu verringern?

Wir brauchen eine tragfähige Statistik zur Vergabe von Antibiotika bei Mensch und Tier. Wir brauchen verschärfte Kontrollen, um den Schwarzmarkt auszutrocknen. Und die wichtigsten Reserve-Antibiotika müssen in der Tierzucht ganz verboten werden – sofort.

Zur Person: Gerd-Ludwig Meyer (65) ist Facharzt für Nephrologie (Nierenlehre) in Nienburg an der Weser. Vor einem Jahr gründete der gelernte Landwirt die Initiative „Ärzte gegen Massentierhaltung“.

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