Abluft für 150 Gebäude in Niedersachsen Waffelfabrik versorgt Nachbarn mit Wärme

Was Europas größter Hersteller von Waffeln und Hörnchen macht, ist ein "Leuchtturmprojekt": Die Firma Meyer bei Osnabrück versorgt mit ihrer Abluft knapp 150 Gebäude in dem 3000-Seelen-Dorf Venne mit Wärme.
13.02.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Waffelfabrik versorgt Nachbarn mit Wärme
Von Peter Mlodoch

Was Europas größter Hersteller von Waffeln und Hörnchen macht, ist ein "Leuchtturmprojekt": Die Firma Meyer bei Osnabrück versorgt mit ihrer Abluft knapp 150 Gebäude in dem 3000-Seelen-Dorf Venne mit Wärme.

Auf dem weiten verschneiten Feld im Nordosten von Osnabrück erheben sich im Mittagsdunst ein dunkelgrüner Riesenbottich und ein fensterloses Häuschen. Von der anderen Straßenseite wabert sanft der süße Geruch einer Backstube herüber. Dort in dem eher unscheinbaren Gebäudekomplex befindet sich die Firma Meyer zu Venne, Europas größter Hersteller von Waffeln und Eishörnchen.

Auf mehr als 2,3 Milliarden Stück beläuft sich die Jahresproduktion. Seit neuestem betätigt sich das 1949 gegründete Familienunternehmen auch auf dem Energiemarkt: Die heiße Abluft der 23 Backstraßen heizt knapp 150 Gebäude im 3000-Seelen-Dorf Venne – Wohnhäuser, ein Altenheim mit 92 Plätzen, die Schule, die Kirche, den Supermarkt und die Reithalle.

„Wir greifen die Prozesswärme ab, die früher ungebremst in den Himmel gepustet wurde“, erklärt der ehrenamtliche Vorstand der eigens gegründeten Genossenschaft Venner Energie, Uwe Lachermund. 93,8 Grad meldet ihm der Kontrollbildschirm aus der „Hörnchenhalle“. Wärmetauscher an den riesigen Backöfen wandeln die heiße Luft in fast kochendes Wasser; dieses fließt unter Hochdruck in das Verteilergebäude auf der anderen Seite und weiter – auf dann 70 bis 75 Grad „verdünnt“– in die angeschlossenen Häuser. Dort speist das heiße Nass die Heizungen und erwärmt auch das Brauchwasser zum Duschen und Spülen.

Abnehmer profitieren von günstigem Verbrauchspreis

Überschüssiges Heizwasser pumpt das computer- und sensorgesteuerte System in den Speicher nebenan. 1000 Kubikmeter, also eine Million Liter Wasser, fasst der stark isolierte Bottich. Er soll Produktionspausen in der Waffelfabrik, etwa an Wochenenden, überbrücken. Umgekehrt federn zwei Gas-Heizkessel Bedarfsspitzen an Tagen mit Minusgraden ab. 85 Prozent des gesamten Heizbedarfs soll die Anlage aus der Abluft ziehen, die restlichen 15 Prozent aus den Gasthermen, beschreibt der Genossenschaftschef das Ziel.

Die Kunden mussten sich mit einer einmaligen Anschlussgebühr von 2000 Euro und einem Genossenschaftsanteil von 500 Euro in das Nahwärmenetz einkaufen. „Das ist billiger als eine neue Heizungsanlage“, rechnet Lachermund, der im Hauptberuf bei den Stadtwerken Bremen als Bereichsleiter arbeitet, vor. Außerdem profitieren die Abnehmer nach seinen Worten von einem mit 5,5 Cent pro Kilowattstunde extrem günstigen Verbrauchspreis. Wer seine alte Ölheizung rausgeschmissen habe, könne bis zu 1000 Euro im Jahr sparen.

Insgesamt 400.000 Liter Heizöl verbrauche die Gemeinde Venne weniger, berichtet Ostercappelns Bürgermeister Rainer Ellermann (CDU) stolz. Ein geplantes Neubaugebiet mit 35 Häusern solle seine Wärme ebenfalls aus der Waffelfabrik beziehen, kündigt Ellermann an. „Der Gasnetzbetreiber bleibt draußen.“ Für Seniorchef Wilhelm Meyer zu Fenne lohnt sich das Energie-Engagement ebenfalls.

Waffelfabrik bessert damit ihre CO₂-Bilanz

Die Waffelfabrik kassiert nicht nur eine Vergütung für die Abwärme, sie bessert auch ihre CO₂-Bilanz um 1000 Tonnen pro Jahr auf. „Umweltfreundliches Backen wird auch im Ausland immer mehr nachgefragt“, sagt der Diplom-Ingenieur für Lebensmitteltechnik mit Blick auf Frankreich und Japan.

Mit einer Anschubfinanzierung von jeweils 170.000 Euro hatten der 180-Mitarbeiter-Betrieb und die Gemeinde 2014 die Planung in Gang gesetzt. Im November 2015 ging das 4,5-Millionen-Vorhaben nach viel Überzeugungsarbeit, langwierigen Vertragsverhandlungen und noch mehr praktischem Getüftele in Betrieb. Angesichts der technischen wie hygienischen Erfordernisse an eine millimeterpräzise Produktion der Eishörnchen seien Einbau und Reparaturen der Wärmetauscher in den Backstraßen eine echte Herausforderung gewesen, berichtet Lachermund.

Während die örtlichen Banken das Projekt immer noch misstrauisch beäugen und mit ihren Krediten äußerst zögerlich sind, schwärmen die Grünen von einem „leuchtenden Beispiel“ beim Wärmerecycling. „Alle reden immer nur über Strom, dabei macht die Wärmeversorgung die Hälfte unseres Energieverbrauchs aus“, betont die Lüneburger Bundestagsabgeordnete Julia Verlinden. „Bei Abwärme ist sehr viel Musik drin.“

Umweltministerium würdigt "Leuchtturmprojekt"

Die Kommunen sollten bei Baugebieten künftig eine „Kaskadennutzung“ einplanen, neben einem großen Wärmeerzeuger stufenweise die Wärmenutzer nach ihrem Bedarf setzen, also beispielsweise neben einen energieintensiven Industriebetrieb erst das Schwimmbad, dann den Supermarkt. Bisher existieren in Niedersachsen eher kleinere Projekte, etwa in Jever, wo ein Milchbauer 19 Nachbarn mit Nahwärme aus seiner Biogasanlage versorgt.

„Die große Koalition in Berlin will das riesige Potenzial nicht erkennen“, kritisiert Verlinden. Am Donnerstag behandelt der Bundestag den „Aktionsplan Faire Wärme“ der Grünen-Fraktion (Drucksache 18/10979). Neben Dämmprogrammen und Mieterschutz bei Isoliermaßnahmen gehören vor allem Wärmespeicher und kommunale Nahwärme-Netze zum Forderungskatalog.

Der Osnabrücker Landtagsabgeordnete Volker Bajus (Grüne) verspricht der Energie-Genossenschaft derweil politische Hilfe bei der Bewältigung von bürokratischen Hindernissen und möglichen Liquiditätsproblemen. Immerhin hat das Umweltministerium in Hannover die Abwärme-Anlage bereits als „Leuchtturmprojekt“ mit einem 3000-Euro-Zuschuss gewürdigt.

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