Landkreis Lüchow-Dannenberg bundesweit Spitzenreiter Waffenhochburg Niedersachsen

Hannover. Jäger, Schützen, Sammler: In Niedersachsen kommt rechnerisch auf fast jeden zwölften Einwohner eine legale Schusswaffe.
23.01.2014, 10:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Waffenhochburg Niedersachsen
Von Stefan Lakeband

Jäger, Schützen, Sammler: In Niedersachsen kommt rechnerisch auf fast jeden zwölften Einwohner eine legale Schusswaffe. Der Kriminologe Christian Pfeiffer spricht von einer Gefahrenquelle, die Betroffenen weisen das entschieden zurück. Sie sehen ganz andere Probleme.

In Niedersachsen kommen auf 1000 Einwohner 85 Waffen. Das ist die fünfthöchste Waffendichte in Deutschland, wie die Wochenzeitung „Die Zeit“ ermittelt hat. Spitzenreiter ist der niedersächsische Landkreis Lüchow-Dannenberg. Nirgendwo in Deutschland haben die Bewohner mehr registrierte Waffen: Dort gibt es pro 1000 Einwohner 168 Pistolen und Gewehre. Ein Mekka für Waffennarren ist der östlichste Kreis Niedersachsens trotzdem nicht. „Die Zahl lässt sich einfach erklären“, sagt Julia Schulz, die Sprecherin des Landkreises. „Hier gibt es wenig Einwohner, viel Wald und deshalb auch viele Jäger.“ Die hätten natürlich alle mindestens eine Waffe.

Das belegen auch offizielle Zahlen. Insgesamt gibt es mehr als 8200 registrierte Waffen in Lüchow-Dannenberg. Mehr als die Hälfte, 5679, entfallen auf die 1037 Jäger. Bei einer Einwohnerzahl von 49000 wirke sich das besonders stark auf die Statistik aus, sagt Schulz.

Und das gilt nicht nur für Lüchow-Dannenberg. Die ländliche Prägung und die hohe Zahl von Jägern sind für ganz Niedersachsen von Bedeutung. Hinzu kommt die lange Tradition von Schützenvereinen. Allein in Wolfsburg gibt es 15, wie die Stadt auf Anfrage mitteilt.

Das könne prinzipiell zur Gefahr werden, sagt Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen in Hannover. „Ein eifersüchtiger Jäger ist genauso gefährlich wie ein eifersüchtiger Müller“, sagt er. „Der Jäger kann aber auf ein Gewehr zurückgreifen.“ Ähnlich sieht er es auch bei den Sportschützen. „Je mehr Waffen es gibt, desto wahrscheinlicher ist es, erschossen zu werden“, sagt Pfeiffer.

Lesen Sie auch

Wie die Wochenzeitung bei ihren Recherchen herausgefunden hat, wurden im vergangenen Jahr 27 Tötungsdelikte mit registrierten Waffen begangen worden – viele davon seien im Besitz von Jägern und Schützen gewesen.

„Das sind Zahlen, um Stimmung gegen Waffen zu machen“, wehrt sich Axel Rott aus Thedinghausen. Der amtierende Präsident des Niedersächsischen Sportschützenverbandes ist früher Kriminaldirektor gewesen. Bei allen Tötungsdelikten, mit denen er zu tun gehabt habe, seien keine registrierten Waffen benutzt worden, sagt Rott. Auch wenn jeder dritte deutsche Schütze – insgesamt 350000 – in Niedersachsen wohnt, habe längst nicht jeder eine eigene Waffe. „Im Regelfall stehen sie in der Waffenkammer des Vereinshauses“, sagt Rott. Wieviel Waffen genau in Schützenhand sind, kann Rott nicht sagen. „Das weiß keiner“, erklärt er. Rott schätzt, dass es pro Verein etwa 15 bis 20 Waffen gibt.

Ähnlich äußert sich auch die Landesjägerschaft Niedersachsen. Die Anzahl der von Jägern benutzten Waffen sei nicht bekannt. „Es gibt aber 60000 Menschen mit Jagdscheinen in Niedersachsen“, sagt Sprecher Florian Rölfing. Wegen der strengen Waffengesetze in Deutschland sei das aber keine Gefahr. Den Vergleich von Kriminologe Pfeiffer kann er nicht nachvollziehen. „Der Müller hat vielleicht kein Gewehr“, sagt Rölfing, „er kann aber immer zum Küchenmesser greifen und zustechen.“

Reformbedarf sieht er bei der offiziellen Verbrechensstatistik. Sie erfasse nicht, ob ein Verbrechen mit einer registrierten oder einer illegal besessenen Waffe begangen wurde. „Gäbe es diese Unterscheidung, könnte man die Debatte um Waffen in Privathand endlich mit Argumenten untermauern“, sagt Rölfing.

Auch wenn Kriminologe Pfeiffer davon ausgeht, dass Menschen mit Waffen potenziell gefährlicher sind als Menschen ohne, so sieht er dennoch eine positive Entwicklung in Deutschland. „Der Gebrauch von Schusswaffen ist in allen Bereichen zurückgegangen“, erklärt er. Das habe einerseits mit der verbesserten Polizeiarbeit zu tun, andererseits aber auch mit einer veränderten Erziehung. „Eine zentrale Frage ist: Wer steht auf Waffen?“, so Pfeiffer. Häufig versuchten Menschen, die in ihrer Kindheit Opfer von häuslicher Gewalt geworden sind, ihren Schmerz im erwachsenen Alter durch Waffen zu kompensieren. In Deutschland werde in der Kindererziehung aber immer seltener zugeschlagen. Daher würden auch weniger Leute eine Waffe haben wollen. Pfeiffer fasst das in einer simplen Formel zusammen: „Je weniger passiert, desto normaler sind die Menschen.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+