Erntezeit in Niedersachsen

Was passiert mit dem Getreide auf den Feldern?

Es ist Erntezeit in Niedersachsen. Silke Looden hat einen Landwirt im Heidekreis beim Mähen begleitet. Nicht alle haben so viel Glück wie er: Viele Felder haben unter dem schlechten Sommer gelitten.
10.08.2017, 20:12
Lesedauer: 4 Min
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Was passiert mit dem Getreide auf den Feldern?
Von Silke Looden
Was passiert mit dem Getreide auf den Feldern?

Der Mähdrescher schiebt sich durch das Gerstenfeld, sein Schneidwerk ist 7,70 Meter breit. Der Korntank der Maschine verfügt über ein Volumen von 9000 Litern.

Christina Kuhaupt

Dirk Gieschen guckt besorgt in den Himmel. Der Landwirt aus Quelkhorn (Landkreis Verden) hofft auf ein Hoch, das nicht kommen will. Der nächste Regen hängt schon in den Wolken. Seine Männer müssen sich sputen, um die Ernte reinzufahren. Der 48-Jährige ist Lohnunternehmer und macht den Mähdrusch nicht nur für sich, sondern auch für andere. Alle sieben Mähdrescher auf dem Jacobs-Hof sind im Einsatz, einen achten hat er dazu gemietet. „Roggen, Weizen, Gerste, alles ist auf einmal reif“, sagt Gieschen, „und kein Wetter.“

Die Maschine ist schon von weitem zu hören. Gierig schiebt sie ihre spitzen Metallzähne in das Gerstenfeld bei Buchholz. Die Ähren stehen in voller Reife. Das 7,70 Meter breite Schneidwerk verschlingt die Frucht des Feldes ohne Mühe. 9000 Liter groß ist der nimmersatte Getreide-Magen des Mähdreschers. Hinten spuckt das Ungetüm die Halme aus und lässt sie auf dem Feld liegen. Wenn sie etwas abgelegen sind, werden sie zu Strohballen gepresst. Doch das kann warten. Erst muss die Ernte rein. Die Wolken werden dunkler.

Landwirt in 13. Generation

Ernte-Reportage - Quelkhorn

Es hat wenig Zweck, das Getreide gleich frühmorgens zu ernten. Im Laufe des Vormittags muss erst der Tau abtrocknen. Geerntete Gerste darf eine Restfeuchtigkeit von maximal 15 Prozent haben, bevor sie verkauft wird.

Foto: Christina Kuhaupt

Malte Oestmann steuert den Claas 660 Lexion über das Feld. Die Maschine hat die Kraft von 300 Pferdestärken und bringt es auf zwölf Tonnen. Mit Schneidwerk mögen es auch 15 Tonnen sein. Der 18-Jährige aus Rethem an der Aller (Landkreis Heidekreis) ist im dritten Lehrjahr. Fachkraft Agrarservice will er werden, und da ist er auf dem Jacobs-Hof genau richtig. Neun Auszubildende hat Dirk Gieschen. „Keine Nachwuchssorgen“, lacht der Landwirt in 13. Generation. Ob seine Kinder den Hof einmal übernehmen werden, weiß der 48-Jährige nicht. Jedenfalls wolle sein Sohn Joost in Göttingen Agrarwirtschaft studieren. Es sieht also ganz danach aus, dass es eine 14. Generation geben wird.

In der Fahrerkabine ist es vergleichsweise leise. Der Lärm bleibt draußen, der herum wirbelnde Staub auch. Drinnen läuft die Klimaanlage. Das Radio spielt Schlager. Obwohl das Soundsystem gut ist, hört Malte nicht hin. Er muss sich konzentrieren. In der linken Hand hält er das Steuer, in der rechten den Joystick, mit dem er das Schneidwerk dirigiert. Seine Augen schauen abwechselnd zum Schneidwerk und zum Monitor, der vor allem ein elektronischer Rückspiegel ist. „Noch weiter rüber“, sagt sein Lehrherr, „diese Kanten mag ich gar nicht.“ Mit den „Kanten“ meint er den kleinen Streifen Gerste, der stehen geblieben ist. Malte soll möglichst alle Halme mitnehmen, und das ist gar nicht so einfach.

"Wir haben alles auf den Beinen, was ernten kann"

Ernte-Reportage - Quelkhorn

Abgeschirmt von Lärm und Staub, dazu Schlagermusik aus dem Radio: Malte Oestmann, Auszubildender zur Fachkraft Agrarservice, sitzt in der Fahrerkabine des zwölf Tonnen schweren Claas-Mähdreschers. Er muss 300 PS unter Kontrolle haben.

Foto: Christina Kuhaupt

„Die Mütze ist voll“, ruft Gieschen und schon fängt der Mähdrescher an zu blinken. „Die Mütze“ ist die Öffnung des Korntanks. Malte fährt das sieben Meter lange Seitenrohr aus. Im Seitenspiegel sieht er den Trecker mit dem mächtigen Anhänger. Mit Tempo, Staub und Getöse werden die Körner auf den Anhänger verladen. Dafür muss Malte nicht einmal anhalten. Er mäht einfach weiter, während das Rohr die frische Ernte ausspuckt und der Trecker nebenher fährt. „Ich wollte schon als kleiner Junge große Erntemaschinen fahren“, verrät Malte. Jetzt darf er und gibt Gas. „Drehzahl erhöhen“, sagt der Chef, wenn die Jungs schneller arbeiten sollen.

20 feste Mitarbeiter hat Dirk Gieschen. In der Erntezeit kommen noch einmal 15 Saisonkräfte dazu. „Wir haben alles auf den Beinen, was ernten kann“, sagt der Lohnunternehmer, der nicht nur zu Hause in Niedersachsen drischt, sondern auch in Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg. Aus dem Ein-Mann-Betrieb von vor 20 Jahren ist ein mittelständisches Unternehmen geworden, das im Winter auch mal den Winterdienst für die Bremer Straßenbahn AG übernimmt.

Ernte-Reportage - Quelkhorn

Dreschen will gelernt sein: Landwirt Dirk Gieschen gibt Lehrling Malte Oestmann Tipps.

Foto: Christina Kuhaupt

Zwölf Stunden Arbeitszeit

Es ist trocken geblieben. Malte fährt die letzte Runde auf diesem Feld. Dann packt er das Mähwerk auf den Schneidwerkswagen. Wieder dirigiert er das große Ungetüm mit dem kleinen Stick in seiner Hand. Es passt perfekt. In voller Breite würde er mit dem Claas nicht über die Straße fahren können. So aber kann er das Werkzeug hinter sich herziehen, bis zum nächsten Feld nur ein paar Kilometer weiter. Zwei Hektar schaffen Malte und der Mähdrescher in einer Stunde. Beide haben noch ein paar Hektar vor sich. „In der Erntezeit sind zwölf Stunden nichts“, weiß der Auszubildende. Früh aufstehen muss er deshalb nicht. „Wir müssen warten, bis der Tau abgetrocknet ist“, erzählt er. Das sei beim Rasenmähen ja auch nicht anders.

Maximal 15 Prozent Feuchtigkeit darf die Gerste haben, wenn sie verkauft wird. Sonst gibt es Abschlag. Dabei dürfte Bauer Gieschen noch Glück haben. Die Felder in Quelkhorn sind einigermaßen trocken. Die Ähren stehen gut. Das große Gerät sackt nicht ein. Nach Angaben des Bauernverbands ist die Qualität und Menge der Ernte in Niedersachsen in diesem Jahr sehr unterschiedlich. In den Hochwassergebieten in Südniedersachsen ist das Getreide teils komplett ertrunken, anderswo haben die Ähren unter dem Dauerregen gelitten. „Morgen geht es hoffentlich weiter“, sagt der Landwirt und wünscht sich nichts mehr als zehn Tage Sonnenschein.

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