Kleinstadt fürchtet um Touristen Weener jahrelang im Abseits

Weener ist abgeschnitten: Nachdem ein Frachter die Eisenbahnbrücke über die Ems zerstört hat, bang die 15.000-Einwohner-Stadt um Touristen.
11.05.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Weener jahrelang im Abseits
Von Martin Wein

Weener ist abgeschnitten: Nachdem ein Frachter die Eisenbahnbrücke über die Ems zerstört hat, bang die 15.000-Einwohner-Stadt um Touristen.

Idyllisch wie in einer Puppenstube geht es zu in Weener mit seinem alten Hafenbecken aus dem 16. Jahrhundert, den schmucken, bereits niederländisch angehauchten Bürgerhäusern und dem geklinkerten Kaakebogen. Besucher schätzen das Heimatmuseum Rheiderland, das Orga­neum zur Geschichte des ostfriesischen Orgelbaus und das einzige Feuerwehrmuseum im Landkreis Leer. In diesem Jahr allerdings könnte die Idylle in seiner 15.000-Einwohner-Stadt zu viel werden, fürchtet Bürgermeister Ludwig Sonnenberg.

Nachdem der russische 100-Meter-Frachter Emsmoon aus noch immer ungeklärten Umständen am 2. Dezember direkt in die geschlossene Friesenbrücke gesteuert war und die längste Eisenbahnklappbrücke Deutschlands dabei weitgehend zerstört hat, ist die Stadt westlich der Ems noch isolierter als ohnehin.

Nicht nur der kleine Bahnhof von Weener liegt verwaist da, seit die Strecke zwischen Leer und Groningen durch den Unfall unterbrochen wurde. Fahrgäste müssen von Leer bis auf Weiteres in Ersatzbusse umsteigen, die in 55 Minuten nonstop nach Groningen durchfahren. Auch Fußgänger und Radfahrer aus der Nachbargemeinde West­overledingen östlich der Ems können die Geschäfte und das Friesenbad in Weener nicht mehr erreichen.

„Für uns ist das ein tiefer, negativer Einschnitt“

„Für uns ist das ein tiefer, negativer Einschnitt“, sagt Bürgermeister Sonnenberg in seinem kleinen Rathaus unweit des nun ungenutzten Bahnhofs. Die Alten in der Stadt fühlen sich erinnert an die Nachkriegsjahre. Damals war das Rheiderland nur von Haren an der Ems aus erreichbar, nachdem Wehrmachtssoldaten die Brücke noch im ­April 1945 gesprengt hatten. Erst 1951 war der Wiederaufbau abgeschlossen.

Dabei drohen die größten Verluste erst noch. „Die Friesenbrücke ist für Radwanderer ein Knotenpunkt verschiedener Routen, darunter der Dortmund-Ems-Kanal-Route und der Deutschen Fehnroute“, sagt Sonnenberg. Radtouristen müssen nun den rund 30 Kilometer weiten Umweg über das nördlich gelegene Leer nehmen oder die Ems südlich in Papenburg überqueren. Die meisten werden damit Weener kaum noch passieren und die Stadt damit nicht als Etappenziel oder Raststation nutzen.

Profiteur der misslichen Lage ist allerdings die Meyer-Werft, die gleich südlich des Weene­raner Stadtgebiets ihre Kreuzfahrtschiffe zusammenbaut. In der Vergangenheit musste stets ein Kran das Mittelteil der Klappbrücke aus seiner Verankerung heben, damit die dicken Pötte die Engstelle überhaupt passieren konnten. Und dennoch blieb sie ein Nadelöhr. Trotzdem pochen die betroffenen Kommunen beiderseits der Ems auf einen raschen Wiederaufbau. Auch Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) hat sich auf ihre Seite gestellt.

Selbst Bahn-Chef Rüdiger Grube, dessen Konzern die Brücke gehört, plädiert für einen raschen Ersatz. Nachdem aus Kreisen des Staatsunternehmens eine Bauzeit von mindestens fünf Jahren für eine Reparatur und neun Jahren für einen Neubau verlautet waren, versprach Grube jetzt bei einem Krisentreffen mit Vertretern der Region und des Landes im Berliner Bahn-Tower, sich persönlich für eine Beschleunigung einzusetzen. Eine von Grube einberufene Taskforce solle das Projekt angehen. „Wir wirken darauf hin, dass eine neue Verbindung in wesentlich weniger als fünf Jahren steht“, fordert Weeners Bürgermeister Sonnenberg. Doch die Mühlen der Bürokratie haben sich erst langsam in Bewegung gesetzt. Erst im September wollen beauftragte Gutachter klären, ob die angeschlagene 335 Meter breite Brücke überhaupt repariert werden kann oder ob ihre Statik das nicht mehr hergibt.

Teile der Brücke sind immer noch nicht geborgen

Die Bestandsaufnahme sei aufwendig, da unter anderem die weitere Nutzung der
Brückenpfeiler im Strom durch Unterwasser-Sondierungen geprüft werden und die gesamte Brücke detailliert vermessen werden müsse, teilte die Bahn nach dem Treffen mit. Auch habe man das 250 Tonnen schwere Gegengewicht des Klappsegments noch nicht bergen können.

Egal wie das Urteil ausfällt: Die Allgemeinheit könnte am Ende auf hohen Kosten ­sitzenbleiben. Allein der Austausch des ­zerstörten Mittelteils soll nach ersten Schätzungen mindestens 20 Millionen Euro kosten, ein Neubau noch deutlich mehr. Die Haftpflichtversicherung des havarierten Frachters kommt dem Vernehmen nach aber nur für Schäden von maximal vier Millionen Euro auf.

Und die Schuldfrage ist auch ein halbes Jahr nach der Havarie offen, da sowohl der russische Kapitän als auch der Emslotse zu dem Vorfall beharrlich schweigen. Wie die Auswertung des Schiffsschreibers durch die Staatsanwaltschaft Aurich ergab, hatten sie sich vor dem Unglück in einem Kauderwelsch aus Englisch, Deutsch und Russisch unterhalten.

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