„Schutzranzen“ beschäftigt Datenschützer

Wenn Eltern ihre Kinder orten

Ein Wolfsburger Start-up experimentiert mit elektronischen Schülerlotsen: GPS-Tracker im Ranzen sollen Warnsignale an Autofahrer senden. Schul- und Datenschutzbehörden sind skeptisch.
26.01.2018, 21:30
Lesedauer: 4 Min
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Wenn Eltern ihre Kinder orten
Von Justus Randt
Wenn Eltern ihre Kinder orten

Funksender im Ranzen: Das geplante Pilotprojekt, das den Schulweg für Kinder sicherer machen soll, stößt auf Kritik.

dpa

Der Entwickler preist seine „Schutzranzen“-Initiative als „innovative Lösung für eine erhöhte Sicherheit von Kindern“ im Wolfsburger Straßenverkehr. Per GPS-Sender können Kinder auf ihrem Weg in die Schule – wie überall – geortet werden. Kritiker wie der Verein Digitalcourage mit Sitz in Bielefeld, der sich den Schutz der Grundrechte auf die Fahnen schreibt, fordern kurzerhand, das geplante Pilotprojekt zu stoppen. Das ist mittlerweile geschehen. Der Betreiber, das Wolfsburger Start-up-Unternehmen Coodriver GmbH, hat die ­Erprobungsphase in zwei Grundschulen ausgesetzt.

Auch die Landesdatenschutzbehörde hat sich eingeschaltet. „Wir kontrollieren, welche Daten wo gespeichert werden, und ob es zur unerlaubten Nutzung kommt“, sagt Jens Thurow, Sprecher der Landesbeauftragten Barbara Thiel. Dabei spielen weniger die sogenannten Tracker eine Rolle, mit denen Eltern ihre Kinder digital verfolgen können. Die Datenschützer haben vielmehr die Funktion der App als „digitale ­Schutzweste“ im Blick.

Die App signalisiert Autofahrern akustisch, wenn sich Kinder – mit dem dazugehörenden Tracker – in ihrer Nähe befinden. „Auf diese Weise transportieren die Schutzranzen-Lösungen die analogen Warnwesten, Schülerlotsen und Tempo-30-Zonen in die digitale Welt, in der sich der ­abgelenkte Autofahrer befindet, und gewinnen so seine Aufmerksamkeit zurück“, sagt Walter Bobby Hildebrandt über sein Produkt.

Offener Brief auch an VW

Die ursprünglich ab Februar geplante dreimonatige Pilotphase unterstützt die Wolfsburg AG, ein Unternehmen der Volkswagen AG und der Stadt Wolfsburg, mit 15.000 Euro und als Kooperationspartner. „Im Großen und Ganzen“, sagt Wolfsburg-AG-Sprecherin Anke Hummitzsch, „sind wir eine Wirtschaftsförderungsgesellschaft.“

In einem offenen Brief, der sich ausdrücklich auch an VW richtet, fordert Digitalcourage: „Hören Sie auf, an einer Zukunft zu bauen, in der Menschen sich überwachen lassen müssen, wenn sie nicht überfahren werden wollen. Setzen Sie sich für sichere Schulwege ein – nicht für Überwachung von Kindern.“

Die Datenschützer in Hannover haben den Eindruck gewonnen, für das Produkt werde „mit Anonymität geworben“, sagt Jens Thurow. „Die jeweilige IP-Adresse wird aber übertragen, und das ist ein personenbeziehbares Datum – egal, ob statisch oder dynamisch. Deshalb haben wir ein verstärktes Interesse an der Klärung.“ Noch stehe die Behörde aber am Anfang, die Prüfung der Technik und die rechtliche Einschätzung könnten bis Ende Februar dauern.

Es gibt noch Klärungsbedarf

Hildebrandt ist überzeugt davon, dass „einige Missverständnisse“ über seinen Schutzranzen-GPS-Tracker bestehen. „Die Hoheit liegt beim Kind, ob die Ortungsfunktion aktiviert wird.” Die Funktion lasse sich auch auf die Übermittlung eines stillen Alarms beschränken. Und was die Warnung der Autofahrer betrifft, „werden nie genaue Aufenthaltsorte, sondern nur Sektoren erfasst” – das seien alle Informationen, die der Autofahrer über das Kind bekomme.

Seinem Unternehmen gehe es darum, mit anonymisierten Daten mehr Sicherheit zu schaffen. In der Autostadt Wolfsburg sei ja nicht zuletzt autonomes Fahren ein wichtiges Forschungsthema – und die Umfelderkennung gehört dazu. Auch die Stadt Wolfsburg, die lediglich „unterstützend bei der Anbahnung“ von Kontakten zwischen künftigen Projektpartnern im Spiel war, „hat den Schulleitungen und dem Anbieter empfohlen, den Start des Projekts entsprechend auszusetzen“, da es noch Klärungsbedarf gebe.

Gleichwohl, wird in einem vorbereiteten Statement unterstrichen, „auf dem Weg zur digitalen Stadt“ begrüße Wolfsburg das Bestreben, Chancen der Digitalisierung zu nutzen. Die Landesschulbehörde sei vom Schulträger über das Projekt informiert worden.

Unklare Datenübermittlung

„Es geht vornehmlich um den Schulweg, den Schülerinnen und Schüler zu bewältigen ­haben. Und das ist der Verantwortungs-­bereich der Erziehungsberechtigten“, teilt Behördensprecherin Bianca Schöneich mit. „Sobald allerdings diese mit GPS-Sendern versehenen Schulranzen auf das Schulgelände gelangen, stellt sich ein datenschutzrechtliches Problem, dessen Ausmaß noch nicht klar herausgearbeitet ist, weil überhaupt nicht klar ist, was dieser Sender alles kann.”

Und der Schulbereich sei für solche versteckten Sendeanlagen tabu, stellt ­Schöneich klar. „Darüber hinaus gibt es keine sinnvolle Einsatzmöglichkeit innerhalb des Schulbereichs.“ Walter Bobby Hildebrandt räumt ein, dass „ein paar Formulierungen vielleicht ein bisschen zu hemdsärmelig“ seien. „Wir halten den Datenschutz ein, müssen das aber besser dokumentieren. Wir sind ein kleines Start-up-Unternehmen mit sechs Leuten.“

Digitalcourage kritisiert unterdessen: „Keiner der am Projekt Beteiligten klärt angemessen darüber auf, wohin die Daten der Kinder übermittelt werden. Weder Grundschulkinder noch ihre Eltern sind in der Lage, informiert zu entscheiden, ob sie sich mit GPS-Tracker und Apps überwachen lassen wollen.“

Jede Menge Gerüchte im Umlauf

„Am Mittwoch wäre eigentlich der Informationsabend gewesen“, sagt Manuela Klinzmann, die Elternratsvorsitzende der Grundschule im Stadtteil Wendschott. Aber da hatte Coodrive schon auf die Bremse getreten. „Wir haben dann per Whatsapp abgesagt. Die Veranstaltung hätte man trotzdem machen sollen, die Teilnahme wäre sowieso freiwillig gewesen“, meint sie. „Jetzt sind jede Menge Gerüchte im Umlauf. Manche Eltern sind gegen das Projekt, andere finden es gut – ohne Genaueres zu wissen.“

Klinzmann findet das Argument interessant, dass sich der Elterntaxiverkehr reduzieren werde, wenn Kinder den Schutzranzen als „digitalen Schulwegbegleiter“ nutzten – und sie, so Hildebrandt, „ihr Kind wieder beruhigter eigenständig zu Schule gehen lassen“ könnten. „Mein Mann hat gesagt, das ginge auch über Handys, aber ich meine, Handys gehören nicht an eine Grundschule“, sagt die Elternratsvorsitzende.

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