Psychologiestudie aus Braunschweig Wer Bier kauft, wird an der Kasse selten vorgelassen

Ein netter Zug, jemanden vorzulassen, der nur mal schnell eine Flasche X besorgen will – während man selbst den Wocheneinkauf auf die Kasse zu schiebt. Mal ist die Bereitschaft da, mal nicht.
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Wer Bier kauft, wird an der Kasse selten vorgelassen
Von Justus Randt

Ein netter Zug, jemanden vorzulassen, der nur mal schnell eine Flasche X besorgen will – während man selbst den Wocheneinkauf auf die Kasse zu schiebt. Mal ist die Bereitschaft da, mal nicht.

Ein netter Zug, jemanden an der Schlange im Supermarkt vorzulassen, der nur mal schnell eine Flasche X besorgen will – während man selbst den Wocheneinkauf auf die Kasse zu schiebt. Mal ist die Bereitschaft da, mal nicht. Wovon sie abhängt, haben zwei Psychologen der Abteilung für Psychologische Methodenlehre und Biopsychologie der Technischen Universität (TU) Braunschweig untersucht, die sich auch schon mit Fragen nach dem Energiesparverhalten oder der Mobilität befasst hat. Die sogenannte Supermarkt-Studie von Florian Lange und Frank Eggert kommt zu dem Ergebnis, dass es darauf ankommt, wofür das X steht, welche Ware jemand in der Hand hat: Geht es um eine Flasche Wasser oder um eine Flasche Bier?

Das Ergebnis fiel eindeutig aus: Wer mit Bier in der Kassenschlange steht, hat geringere Chancen, vorgelassen zu werden, als der Wasserkäufer. In einem Feldversuch schickten die Psychologen zwei junge Männer je 60 Mal mit einer für die anderen Kunden gut erkennbaren Flasche in die Warteschlange vor der Kasse eines Braunschweiger Supermarktes. „Die Probanden waren konstant so neutral und unauffällig wie möglich“, sagt Florian Lange. Jeweils in der Hälfte der Fälle hatten die Käufer eine Flasche Wasser oder eine Flasche Bier in der Hand. Die Reihenfolge, so Lange und Eggert, sei zufällig festgelegt und jeder Vorgang von einem unabhängigen Beobachter überwacht worden.


"Warum sollte man sich die Mühe machen zu helfen?"

„Im Gegensatz zu selbstlosen Handlungen unter Personen, die in einer Beziehung zueinander stehen, sind einmalige Interaktionen zwischen Fremden nicht durch die Aussicht auf eine Gegenleistung motiviert“, von dieser Grundbedingung gingen die Forscher aus und fragten sich: Was bedingt eine Kooperation zwischen genetisch nicht verwandten Personen? Kurz: „Warum sollte man sich die Mühe machen zu helfen?“ Der Supermarkt-Versuch half den Braunschweigern, Licht in „das evolutionäre Rätsel“ zu bringen. Es sind zwei Variablen, die das Handeln bestimmen, lautet die Erkenntnis: Das „Kosten-Nutzen-Verhältnis der hilfreichen Handlung“ spielt ebenso eine Rolle wie der „Eindruck, den potenziell hilfsbereite Kunden von ihrem Gegenüber haben“.

Bewusst sei der immer gleiche Supermarkt Testfeld gewesen, sagt Florian Lange. Möglicherweise hätten unterschiedliche Läden auch ein unterschiedliches Publikum mit differierendem Verhalten aufgewiesen. „Wir wussten auch nicht, ob das Publikum sich Männern gegenüber anders verhalten würde als Frauen, deshalb waren immer dieselben Probanden im Einsatz.“ Die Psychologen stellten fest, dass andere Kunden eine größere Kooperationsbereitschaft zeigten, wenn der Testkäufer durch ihre Hilfe einen deutlichen Zeitgewinn erzielen konnte. Die Forscher erklären „das imageabhängige Modell“ der indirekten Gegenseitigkeit so: Helfer helfen um so lieber, je größer der für den Nutznießer erwartbare Vorteil ist. Im selben Wachstumsverhältnis steigert sich quasi die Dimension der guten Tat.

Die Bereitschaft, jemanden an der Kasse vorgehen zu lassen, habe allerdings „signifikant“ abgenommen, wenn der Testkunde eine Flasche Bier in der Hand gehabt habe. Für Florian Lange ist das Bemerkenswerte an Feldexperimenten wie der Supermarkt-Untersuchung, „dass man direkt an dem alltagswissenschaftlichen Verhaltensphänomen dran ist“. Eine unmittelbare Erklärung lieferte dieser Umstand den Wissenschaftlern allerdings nicht. Dafür zogen sie „andere Studien“ heran, die die Reaktion auf Bierkäufer und vor allem -trinker mit einem eher schwierigen Image begründeten. Die Braunschweiger Psychologen entnehmen dem, „dass die meisten Leute annehmen, dass Biertrinker anderen Personen mit hoher Wahrscheinlichkeit im Gegenzug nicht helfen werden“. Die Folgerung daraus: Die Bereitschaft, anderen zu helfen, hänge größtenteils vom Eindruck ab, den man von seinem Gegenüber hat.

Mit der Wasserflasche geht es schneller

Was genau die Probanden mit den Wasserflaschen sympathischer erscheinen ließ, ist hingegen nicht so eindeutig. Florian Lange sieht sich und seinen Kollegen jedenfalls in der Annahme bestätigt, dass Hilfe unter Fremden auf indirekter Gegenseitigkeit beruhe und die Feldstudie das richtige Instrument sei, dies zu zeigen. „In einem nächsten Schritt könnte man erforschen, was für Produkte welche Reaktionen hervorrufen.“, sagt Lange, der inzwischen Doktorand im Bereich der Neurowissenschaften an der Medizinischen Hochschule Hannover ist. An der Produkt-Reaktionsfrage werde seines Wissens derzeit nicht in der früheren Arbeitsgruppe an der TU Braunschweig geforscht.

Und der Wassertrinker? „Der kauft aus Sicht der Helfer vielleicht, weil er einfach durstig ist“, kann sich Lange vorstellen. „Das wäre eine Alternativ-Erklärung dafür, dass der Proband mit dem Bier nicht vorgelassen wird. Der wirkt möglicherweise entspannter, wie einer, der Zeit hat und es sich gemütlich machen will.“

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