Fangen, betäuben und besendern Wer darf dem Wolf ans Fell?

Das Fang, Betäuben und Besendern von Wölfen auf dem Truppenübungsplatz Munster fand offenbar in einer tierschutzrechtlichen Grauzone statt: Die dafür zuständige Behörde hat diesen Tierversuch nicht genehmigt.
02.08.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Lutz Wetzel

Fang, Betäubung und Besenderung der Wölfe auf dem Truppenübungsplatz Munster fand offenbar in einer tierschutzrechtlichen Grauzone statt: Die dafür zuständige Behörde hat diesen Tierversuch nicht genehmigt. Nach einer Woche intensiver Nachfragen bleibt das Umweltministerium die Antworten auf viele Fragen schuldig.

In Niedersachsen gibt es derzeit mehr Wolfsexperten als Wölfe. Um die wieder eingewanderten Beutegreifer hat sich ein neuer, vielfältiger Berufszweig von zumeist selbst ernannten Sachkundigen gebildet. Auch Umweltminister Stefan Wenzel beschäftigt Wolfsexperten. Sie wollen beispielsweise wissen, wo sich gewisse Wölfe aufhalten. Dafür wurden auf dem Truppenübungsplatz Munster zwei der Tiere gefangen, betäubt und mit einem Sender versehen. Das hat der Minister stolz verkündet. Wenn man allerdings wissen will, wie so eine Aktion abläuft und ob die Experten des Ministers sie überhaupt durchführen durften, dann erlischt die Mitteilungsfreude der Behörde, und auf bohrende Fragen erfährt man – fast nichts. Außer, dass die zuständige Landesbehörde die Maßnahme offenbar nicht genehmigt hat, dass sie also illegal war.

Die Wölfe wurden mit einer Spezialfalle namens „Belisle Footsnare“ gefangen, einer Kombination aus Tellereisen und Schlinge, die den Tieren zwar keine größeren körperlichen Schäden zufügt, die ihnen aber sicher Unannehmlichkeiten bereitet, die sie möglicherweise in Panik versetzt und in die man als Spaziergänger nicht tappen möchte. Innerhalb einer möglichst kurzen Zeitspanne müssen die Wölfe betäubt werden, dann werden ihnen Proben entnommen und die Sender ange-

legt, mit deren Hilfe man ihre Wanderbewegungen verfolgen kann. Solche Aktionen sind aus Sicht des Tierschutzes hochbrisant mit einem Gebirge von Vorschriften umgeben und ein Verstoß dagegen ist mindestens eine schwerwiegende Ordnungswidrigkeit.

Das dafür zuständige Niedersächsische Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (LAVES) teilt unter Hinweis auf das Tierschutzgesetz und entsprechende juristische Kommentare mit: „Das Ausstatten von Wildtieren mit einem Sender zur Erforschung der Lebensgewohnheiten ist als genehmigungspflichtiger Tierversuch anzusehen.“ Die Genehmigung eines solchen Tierversuchs erfolgt durch das LAVES, ist eine höchst aufwendige, langwierige und umständliche Angelegenheit und muss ausführlich begründet werden. Beispielsweise soll bei der Aktion ein Tierschutzbeauftragter zugegen sein, dessen Bestellung allein schon das Durcharbeiten eines dreiseitigen Vordrucks erfordert. Das LAVES jedenfalls – das dem Landwirtschaftsminister Christian Meyer untersteht – hat die Besenderung der Wölfe nicht genehmigt, gibt aber den Tipp, mal bei der Bundeswehr nachzufragen, weil der Truppenübungsplatz Munster ja Hoheitsgebiet des Bundes ist.

Der Standortkommandant des Truppenübungsplatzes beantwortet die Anfrage überhaupt nicht. Das angeschriebene Bundesverteidigungsministerium weiß gar nicht, worum es sich handelt und verweist auf das Landeskommando Niedersachsen der Bundeswehr in Hannover. Dort hat man von der Sache ebenfalls noch nichts gehört und glaubt, die dem Finanzminister untergliederte Bundesanstalt für Immobilienaufgaben in Bonn sei für solche Genehmigungen auf dem Truppenübungsplatz zuständig.

Die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben reicht die Anfrage an den Wolfsexperten auf dem Truppenübungsplatz weiter, einen Förster. Der Wolfsexperte antwortet sehr freundlich, teilt aber mit, die Genehmigung sei weder eine Sache des Truppenübungsplatzkommandanten noch des Bundesforstbetriebs Lüneburger Heide, sondern sei unter Federführung von Umweltminister Stefan Wenzel von der Fachbehörde des Landes, dem Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) erfolgt. Die Bundesforsten und der Kommandant des Truppenübungsplatzes seien aber an der Aktion beteiligt gewesen, wegen des Hausrechts und aus Sicherheitsgründen. Tags darauf ergibt eine ausgedehnte Recherche: Das Kommando Sanitätsdienst der Bundeswehr in Koblenz ist zuständig für die Genehmigung von Tierversuchen auf dem Militärgelände.

Das Kommando Sanitätsdienst in Koblenz bestätigt, dass es zuständig ist, aber nichts davon gewusst und dementsprechend auch nichts genehmigt hat. Der Umweltminister in Hannover habe den Fang, die Betäubung und die Besenderung sich als „Maßnahme der Gefahrenabwehr“ nämlich selbst gestattet. Gefahrenabwehr? „Dem besenderten Tier können Abläufe und Verhaltensweisen zugeordnet werden“, sagte der Minister und spricht von einem „möglicherweise auffälligen Verhalten“ der Tiere. Von Gefahren erzählt er nichts.

Wenig später gibt es klärende Zeilen einer Sprecherin des Umweltministeriums. Die Erlaubnis für Fang und Besenderung sei mit Hilfe einer „artenschutzrechtlichen Ausnahmegenehmigung“ durch das hauseigene NLWKN erfolgt. Das NLWKN, so ergeben zahlreiche Nachfragen, darf aber Tierversuche wie die Wolfsbesenderung nicht genehmigen. Deshalb erfolgt eine Anfrage an die Behörde, womit sie die Ausnahmegenehmigung begründet und ob sie die artenschutzrechtliche Genehmigung bei den zuständigen Landkreisen eingeholt hat. Antwort: Keine.

Mit der kostenintensiven Wolfsbesenderung auf dem Truppenübungsplatz wurden sächsische Wolfsexperten des Büros „Lupus“ in Spreewitz beauftragt. Es sei „das einzige Institut, das. . . Erfahrungen mit wilden Wölfen hat“, schreibt das Umweltministerium. Allerdings gibt es vor seiner Haustür eine mindestens ebenso gut geeignete Einrichtung: Das Institut für Wildtierforschung der Tierärztlichen Hochschule in Hannover hat langjährige Erfahrung mit dem Fang und der Besenderung von wild lebenden Tieren aller Art und mit der Leiterin Britta Habbe eine ausgewiesene Wolfsexpertin. Der Unterschied zum sächsischen Wolfsbüro ist zudem, dass in der Tierärztlichen Hochschule wissenschaftlich gearbeitet und publiziert wird; ein Attribut, das man auf Nachfrage dem sächsischen Wolfsbüro nur bedingt vergibt. Dort wird demnach eher engagiert und mit einer gewissen Erfahrung, aber eben nur auf der Woge der allgemeinen Wolfsbegeisterung und ohne die wissenschaftliche Distanz gearbeitet. Fragen nach den tierschutzrechtlichen Hintergründen werden von dem sächsischen Büro übrigens nicht beantwortet.

Warum hat das Umweltministerium sich die brisante Fangaktion selbst genehmigt? Warum wurde die tierärztliche Hochschule nicht beauftragt? Gab es den vorgeschriebenen Tierschutzbeauftragten bei Fang und Betäubung der Wölfe? Wie begründet das NLWKN seine Genehmigung für den Tierversuch? Warum hat man die zuständigen Behörden übergangen? Hat man die Hoheitsrechte der Bundeswehr berücksichtigt? Zahlreiche Mails und Telefonate mit Dienststellen und Beamten. „Ihre weiteren Fragen sind bei uns noch in Bearbeitung“, schreibt das Umweltministerium und verfällt danach in Schweigen. Und das NLWKN teilt nach gut einer Woche und mehrfacher Nachfrage mit: „Die Abstimmung in dieser Frage läuft noch.“

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