Niedersachsen testet konfessionsloses Fach Werte und Normen an der Grundschule

Das Kultusministerium führt in Niedersachsen ab dem nächsten Schuljahr probeweise das konfessionslose Fach Werte und Normen ein. Für den Landeselternrat ist dies ein längst überfälliger Schritt.
30.05.2017, 20:44
Lesedauer: 3 Min
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Werte und Normen an der Grundschule
Von Peter Mlodoch

Das Kultusministerium führt in Niedersachsen ab dem nächsten Schuljahr probeweise das konfessionslose Fach Werte und Normen ein. Für den Landeselternrat ist dies ein längst überfälliger Schritt.

Der klassische Religionsunterricht bekommt nun auch an den niedersächsischen Grundschulen eine Alternative. Ab dem nächsten Schuljahr führt das Kultusministerium probeweise das konfessionslose Fach Werte und Normen ein. „Das entspricht dem Wunsch vieler Eltern“, sagte Ressortchefin Frauke Heiligenstadt (SPD) in Hannover.

Der einjährige Testlauf soll zunächst an zehn Grundschulen im Lande starten. Danach werde man über eine verpflichtende Einführung in ganz Niedersachsen entscheiden, meinte die Ministerin ungeachtet der Tatsache, dass nach der Landtagswahl im Januar 2018 ein Regierungswechsel möglich ist.

Keine Testphase gewünscht

„Komplett überflüssig“ nannte FDP-Schulexperte die Erprobung. „Die Eltern wollen keine Testphase, sondern endlich eine vernünftige Alternative zum Religionsunterricht.“ Man müsse das Rad in Niedersachsen nicht neu erfinden, meinte der Landtagsabgeordnete mit Blick auf andere Bundesländer wie Bayern, Rheinland-Pfalz oder Sachsen-Anhalt. „Entweder man führt das Fach ein oder man lässt es.“

Der Landeselternrat (LER) verwies auf eine mittlerweile sechs Jahre alte Forderung nach dem neuen Fach. Dieses käme insbesondere Kindern mit Migrationshintergrund bei der Vermittlung von Moral und Werten zugute, erklärte der LER-Vorsitzende Mike Finke. Die bisherigen Ersatzangebote an den Grundschulen böten keinen vollwertigen Unterricht und erschöpften sich teils in einer reinen Betreuung.

Zwei Wochenstunden Glaubenskunde werden an den niedersächsischen Schulen erteilt. Der Religionsunterricht wird angeboten für alevitische, evangelische, katholische, jüdische, muslimische und orthodoxe Kinder. Aber erst ab der fünften Klasse gibt es bislang für Jungen und Mädchen ohne Konfession das Alternativfach Werte und Normen. Dessen Besuch ist allerdings für alle, die den klassischen Religionsunterricht nicht möchten, verpflichtend. Einfach wie früher abmelden, sich zwei Freistunden verschaffen und vielleicht auch schlechte Noten vermeiden, ist dort schon lange nicht mehr möglich.

Hoher Bedarf nach Werte und Normen

Wie hoch der Bedarf nach Werte und Normen ist, zeigen aktuelle Zahlen aus dem Ministerium. Von den rund 450.000 Schülern des Sekundärbereichs I besuchen im laufenden Schuljahr 37,5 Prozent den evangelischen, 7,8 Prozent den katholischen und 22,4 Prozent den kooperativen Religionsunterricht der beiden großen christlichen Kirchen. 28,6 Prozent der Schüler haben dagegen Werte und Normen gewählt.

Von den rund 278.000 Kindern an den 1800 Grundschulen des Landes gehören 72.800 keiner Religionsgemeinschaft an. Damit stellen sie nach den 123.500 evangelischen Jungen und Mädchen die zweitgrößte Gruppe. „Diese hohe Zahl hat mich sehr überrascht“, bekannte Heiligenstadt. Viele dieser Kinder besuchen laut Ministerium freiwillig einen konfessionellen Religionsunterricht. Rund 47.000 Grundschüler sind katholisch, 21.000 gehören den muslimischen Glaubensgruppen an.

Das Fach Werte und Normen, das in den Lehrerkollegien gern auch liebevoll als „Religionsunterricht ohne den lieben Gott“ verspottet wird, soll Fragen nach der Rolle des Menschen und seiner Verantwortung für die Welt kindgerecht aufgreifen sowie moralisch-ethische Wegweiser für das gesellschaftliche Miteinander aufweisen. Gleichzeitig werden dort auch die Grundzüge der großen Weltreligionen vermittelt.

Nach der Testphase

Für die Testphase an den Grundschulen will das Ministerium zunächst die Fachlehrer an den weiterführenden Schulen rekrutieren. Für die Einführung als ordentliches Fach müsse man das Schulgesetz ändern und auch die Studiengänge an den Universitäten entsprechend anpassen, betonte die Ministerin. Anders als beim Religionsunterricht an den Gymnasien herrsche bei Werte und Normen kein Lehrermangel.

Die Konföderation evangelischer Kirchen in Niedersachsen begrüßte die probeweise Einführung von Werte und Normen an den Grundschulen. Ein Alternativfach zum Religionsunterricht sei für alle Schulformen erforderlich, meinte Oberlandeskirchenrätin Kerstin Gäfgen-Track. „Wir sehen darin keine Konkurrenz und freuen uns, dass gut drei Viertel der Schüler am evangelischen oder katholischen Religionsunterricht teilnehmen.“

Der grüne Koalitionspartner sprach von einem „überfälligen ersten Schritt“. Langfristig sei aber ein konfessionsübergreifender Unterricht für alle Kinder wünschenswert, meinte der Abgeordnete Heiner Scholing. „Nur so kann ein Austausch über gemeinsame Normen und Werte stattfinden und der Zusammenhalt in unserer zunehmend heterogenen Gesellschaft gestärkt werden.“

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