Werksbesichtigung in Winsen an der Luhe

Wie Amazon in Achim arbeiten könnte

Das Logistikzentrum von Amazon in Winsen an der Luhe ist in Sachen Manpower und Technik so ausgestattet, wie es das geplante Logistikzentrum in Achim werden soll.
05.04.2018, 17:52
Lesedauer: 6 Min
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Wie Amazon in Achim arbeiten könnte
Von Kai Purschke
Wie Amazon in Achim arbeiten könnte

Das Rauschen der Förderbänder ist im Amazon-Logistikzentrum in Winsen an der Luhe allgegenwärtig. Aber trotz der ganzen Technik sind die menschlichen Arbeitskräfte unentbehrlich.

Fotos: Björn Hake

Das Rauschen der Förderbänder ist allgegenwärtig. Sie transportieren Artikel durch vier der sechs Hallen, die zum Amazon-Logistikzentrum HAM 2 in Winsen an der Luhe gehören. „Wir bieten unseren Mitarbeiterin Ohrstöpsel an, liegen mit dem Lärm aber unter der erlaubten Grenze“, sagt Zentrumsleiter Norbert Brandau, der an diesem Vormittag angemeldete Medienvertreter durch das erste deutsche Amazon-Logistikzentrum führt, in dem Transportroboter zum Einsatz kommen.

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Ganz so, wie sie später auch in Bremens Nachbarstadt Achim Waren bewegen sollen, falls es zur Ansiedlung im Gewerbegebiet Uesener Feld direkt an der Autobahn 27 kommt. Das Logistikzentrum in Winsen, in dem 10,5 Millionen Artikel gelagert und täglich bis zu 50.000 Pakete gepackt werden, ist so etwas wie die Referenz für den in Achim geplanten Bau. Denn die Anzahl der Mitarbeiter von bis zu 2000 außerhalb des Weihnachtsgeschäftes, der Parkplätze, Lkw-Docks und Fahrzeugbewegungen auf dem und zum Grundstück sind vergleichbar.

Viele Regeln

Ein Amazon-Mitarbeiter im Versand muss nicht mehr können, als Deutsch oder Englisch und bis zu 15 Kilogramm heben. So hatte es Amazon-Sprecher Stephan Eichenseher jüngst in Achim erklärt. Brandau fügt noch hinzu: „Sie müssen arbeiten wollen und Spaß daran haben.“ Aber die Amazon-Mitarbeiter müssen auch lesen und Zeichen deuten können, denn Schilder wie „Dieser Bereich wird videoüberwacht“ und Verhaltensregeln etwa an den Schleusen zum Ausgang wollen beachtet werden. Damit die Maschine Amazon gut läuft, muss eben vieles reglementiert werden. Aufkleber an den Treppenstufen, dass man rechts zu gehen und das Geländer anzufassen hat, fallen auf. „Es geht um die Sicherheit unserer Mitarbeiter“, sagt Brandau, der – angesprochen auf die Vielzahl der Sicherheitsleute – auch erklärt, dass natürlich Diebstähle unterbunden werden sollen.

Im Logistiklager werden die Artikel in Plastikkisten zu den Stationen gebracht.

Im Logistiklager werden die Artikel in Plastikkisten zu den Stationen gebracht.

Und er führt auf Nachfrage aus, dass keine Kamera auf einen Arbeitsplatz gerichtet sei. Sämtliche Kameras musste Amazon auflisten, sie alle seien vom Landesdatenschützer geprüft und abgenommen worden. Brandau: „Wir kontrollieren keinen Toilettengang unserer Mitarbeiter, das kann ich garantieren.“ Die 1800 Mitarbeiter, die derzeit in zwei Hauptschichten und zu einem kleinen Teil in einer versetzen Schicht arbeiten, würden daher nicht an ihren Arbeitsstationen erfasst. Demnach lässt sich ihre Arbeitsleistung aber anhand der Scanner, die sie bedienen, kontrollieren. „Natürlich können wir so die Produktivität des einzelnen Mitarbeiters nachvollziehen und wir geben ihm auch ein Feedback“, erklärt Brandau dazu.

Bratwurst und Spiele

45 Minuten Pause hat ein Mitarbeiter während seiner Schicht, er kann auch die betriebseigene Kantine mit offener Küche nutzen. Norbert Brandau: „Wir subventionieren das Essen, es kostet dann zwischen 2,80 und 3,50 Euro.“ So gebe es ein Salatbüffet und Dinge, die jeder gerne esse, Pommes und Bratwurst etwa. Wer möchte, kann sich in der „Spieleecke“, wie Brandau den Bereich in der Kantine nennt, beim Airhockey oder anderen Spielen ablenken.

Menschen aus 50 Nationen arbeiten bei Amazon in Winsen, der Anteil der männlichen Mitarbeiter liegt bei 65 Prozent. Im Mittel sind die Amazon-Beschäftigen dort 36 Jahre alt, 80 von ihnen sind im IT-Bereich tätig und somit höher qualifiziert. Andernfalls bekommen sie zum Einstieg 11,15 Euro die Stunde. „Wir haben eine Anlernkurve“, erläutert Brandau, dessen Sonderstellung im Betrieb auch an seiner zum Teil blauen Warnweste zu erkennen ist. Zwar habe jeder Mitarbeiter eine Schwerpunkttätigkeit, aber es werde darauf Wert gelegt, dass er zwei Aufgaben erfüllen kann. Etwa das Einlagern von Waren und das Herauspicken selbiger. Im Grunde aber gehen die Angestellten während einer Schicht einer Aufgabe nach. Und die wiederholt sich unendlich oft.

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Das ist zunächst mal im Lagerbereich zu beobachten. Auf insgesamt drei Stockwerken stehen jeweils rund 9300 Regale in der Mitte. Jedes Regal hat eine Grundfläche von etwa ein mal einen Meter und ist gut zwei Meter hoch. Auf jeder Seite lassen sie sich in verschieden großen Fächern bestücken. Flache Roboter, die etwas größer als die bekannten Roboter-Rasenmäher sind, fahren mit 5,5 Kilometern pro Stunde übers Feld und bringen die Regale zu den Mitarbeitern, die selbst nicht durchs Logistikzentrum laufen müssen. Sie scannen erst den Artikel, den sie einlagern wollen, und dann das Fach, in das sie ihn legen. Andererseits gibt es Arbeitsplätze, an denen die Mitarbeiter Artikel für Kundenbestellungen entnehmen müssen und somit erst das Fach scannen, dann den Artikel. So weiß das System jederzeit, wo sich im Gebäude welcher Artikel befindet.

Ohne Menschen geht's nicht

Ohne Menschen funktioniert der Amazon-Apparat nicht. „Wir haben hier schon Roboter im Einsatz und benötigen trotzdem noch unsere 1800 Mitarbeiter“, sagt Werksleiter Brandau. Auch er wisse nicht, was die Zukunft bringt, hält es derzeit aber nicht für denkbar, dass weitere Automatisierungsprozesse anstehen. So habe Amazon in Winsen an der Luhe bewusst auf Verpackungsroboter verzichtet, weil diese nicht mit allen Artikeln und deren Formen funktionieren, wie Brandau es beschreibt. Er weiß allerdings auch, dass es gerade mal 16 Jahre her sei, „dass wir noch mit Papier und Bleistift gearbeitet haben“.

Seit sieben Monaten steht der junge Syrer, der seinen Namen nicht nennen möchte, an einer solchen Regal-Station. „Die Arbeit ist gut“, sagt er und, dass er zufrieden sei, mit dem, was er bei Amazon macht. Angesprochen darf während des Rundgangs jeder Mitarbeiter, fotografiert und gefilmt werden darf bis auf einen sensiblen IT-Bereich in allen Abteilungen. So erzählt Livia von Köller, eine sogenannte Area-Managerin, dass es unter anderem ihre Aufgabe sei, auf Artikel zu achten, du zu weit aus einem der Fächer herausragen. „Das stellt dann eine Gefahr dar“, erzählt sie, während nebenan vorwiegend junge Männer damit beschäftigt sind, Artikel zu scannen.

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Die entnehmen sie schwarzen Kunststoffboxen, die überall im Logistikzentrum zu sehen sind. In ihnen werden die Artikel zu den Stationen gebracht. Was nicht in die Kisten passt, wird auch nicht in Winsen gelagert. Wer aus Bremen seinen neuen, großen Flachfernseher oder ein Trampolin beim Onlineriesen bestellt, wird diese Artikel nicht aus Winsen bekommen. Brandau kennt das Verhalten des Amazon-Kunden nur zu gut: Im Schnitt bestellt dieser 2,3 Artikel bei einem Einkauf und das vor allem sonntags und montags. Je weiter die Woche fortschreitet, desto ruhiger wird es im Logistikzentrum. Auch an diesem Mittwoch sind längst nicht alle Stationen aktiv. Amazon unterscheidet die Einfach- und Mehrfachbestellungen. Ordert ein Kunde nur einen Artikel, verpackt ihn ein Mitarbeiter von Hand in einen passenden Karton. Über seinem Kopf rauschen die Förderbänder – auch vorbei an endlos scheinenden Beständen von Verpackungsmaterial wie Folien, Papier und Kartons. Die Arbeit an den Stationen wirkt eintönig, die Bewegungsabläufe und Handgriffe sind wie auch in anderen Betrieben stets die gleichen. Einzelbestellungen machen laut Brandau einen Anteil von 45 Prozent in Winsen aus.

Ein Fach, ein Kunde

Die Mehrfachbestellungen nehmen einen anderen Weg. Sind die Artikel aus dem Lager gepickt worden, landen sie später an einer Station, an der zwei bis drei Mitarbeiter ein langes Regal mit 160 Fächern bestücken. Jedes Fach steht für einen Kunden. In welches Fach die Arbeiter einen Artikel legen müssen zeigt ihnen ein Licht an. Das leuchtet am entsprechenden Fach, der Artikel wird hineingelegt und dies mit einem Druck auf den Knopf bestätigt. Enthält das Fach alle bestellten Artikel eines Kunden, entnehmen die Kollegen auf der anderen Seite des Regals die zusammengestellten Waren und leiten sie weiter, um sie für den Versand vorzubereiten.

Den übernimmt nicht Amazon, auch wenn das Unternehmen eigene Lkw fahren lässt. Paketdienstleister wie DHL oder Hermes holen die Waren vom Logistikzentrum ab, um sie zu ihren Verteilstationen zu bringen. In Spitzenzeiten, zum Weihnachtsgeschäft, erreichen 150 Lastwagen und Sprinter das Amazon-Gebäude am Tag, ansonsten seien es 80 bis 90, die Waren anliefern und Kundenbestellungen mitnehmen.

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