Solidarische Landwirtschaft

Wie ein Bauer die Lücke zwischen Land und Stadt schließen will

„Städter und Bauern haben sich entfremdet“, sagt Eike Frahm, „da klafft eine riesige Lücke.“ Er will sie schließen, und Frahm glaubt, ein Modell gefunden zu haben, mit dem das gelingen kann.
20.08.2019, 22:30
Lesedauer: 5 Min
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Wie ein Bauer die Lücke zwischen Land und Stadt schließen will
Von Nico Schnurr

Eine kahle Bühne, Mitte Mai. Gedimmtes Licht, schwere Vorhänge. Davor leuchten rote Buchstaben: Tedx. Die berühmteste Vortragsreihe der Welt, einst in Kalifornien als Ideenkonferenz der Internetelite gestartet, findet erstmals in Oldenburg statt. Gerade hat ein Digitalunternehmer erklärt, wie man innovativ wird. Es sind Begriffe wie Mindset gefallen, dazu einige Klassiker der Motivationssprüche, alles ist möglich, man muss nur an sich glauben, solche Sachen. Start-up-Standardprogramm. Gehört zum guten Ton bei solchen Konferenzen, die ja immer auch eine Mischung aus Popkonzert und Zukunftspredigt sein wollen. Dann wird es ruhig, der nächste Vortrag. Ein Bauer betritt die Bühne. Bitte was? Ein Landwirt zwischen den digitalen Vordenkern? Haben einige im Publikum wohl eher nicht erwartet, dass ihnen nun einer etwas über Gemüse und Ackerbau erzählt. Und da, findet der Bauer auf der Bühne, fängt das Problem ja schon an.

Es klafft eine Lücke

„Städter und Bauern haben sich entfremdet“, sagt Eike Frahm, „da klafft eine riesige Lücke.“ Er will sie schließen, und Frahm glaubt, ein Modell gefunden zu haben, mit dem das gelingen kann: die Solidarische Landwirtschaft. Bloß wie erklärt man, was das ist, wenn man auf einer abgedunkelten Bühne vor hippen Städtern steht, die eigentlich darauf warten, gleich vom nächsten Internetguru erleuchtet zu werden? Frahm, 33 Jahre alt, Kinnbärtchen, helles Hemd zur dunklen Jeans, versucht es mit einem Gedankenspiel.

Die Zuhörer sollen sich eine Wohnstraße in Oldenburg vorstellen. Alle 300 Bewohner der Straße werden von einem Bauernhof versorgt, „ein Garten vor der Stadt, wie bei den Großeltern früher, nur größer“. Die Bewohner bezahlen die Bauern, damit sie den Hof betreiben. Und die Bauern versorgen die Bewohner. Sie bauen an, was in der Region wächst, das Gemüse wechselt mit den Jahreszeiten. Die Bewohner besuchen den Hof, sie haben es ja nicht weit, mal schauen, wie die dort arbeiten. Frahm sagt: „Solidarische Landwirtschaft bedeutet, dass sich die Bauern auf dem Land wieder mit dem Menschen in der Stadt zusammenschließen.“

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Ein Hof hinter Hude, Freitagnachmittag. Über das Kopfsteinpflaster, vorbei an der Backstube rechts, der Heuscheune links, hin zu einer wuchtigen Klinkerhalle, in der sich das Gemüse stapelt. Ein Typ mit Rauschebart und Surfermatte wuchtet Kisten ins Regal, kiloweise Kartoffeln, Tomaten und Zwiebeln. Alles frisch, eben erst geerntet. Gleich kommen die Mitglieder, wie sie hier sagen. Diejenigen, die das Projekt finanzieren. Lehrer, Studenten, Rentner. Sie holen ihren Ernteanteil für diese Woche ab. Dann wird der Hof Grummersort für ein paar Stunden zu einem kleinen Marktplatz. Vorher will Eike Frahm schnell noch über den Gemeinschaftshof führen, den er vor zwei Jahren mit zwei Schulfreunden übernommen hat.

Frahm, der Bauer von der Bühne, kommt aus einer Beamtenfamilie. Kein Hof, den er weiterführen muss. Landwirt will er trotzdem werden. Eine Weile arbeitet Frahm nach seiner Ausbildung bei einem Biobetrieb, glücklich wird er dort nicht. „Es ist immer nur ums Loswerden gegangen“, sagt er, „alles hat sich allein darum gedreht, das Produkt zum bestmöglichen Preis zu verkaufen.“ Frahm fragt sich, ob das nicht auch anders geht. Ob ein Bauer immer verkaufen muss, was er erntet. Gehört das zusammen? Ist ein Landwirt nicht immer auch Geschäftsmann?

Frahm versorgt hundert Haushalte

Er will Bauer sein, kein Unternehmer. Nicht mehr dem freien Markt verpflichtet, allein dem Hof und den Leuten, die ihm helfen. Sollen die Gurken krumm und schief werden. Ihm egal, sein Gemüse muss in kein Supermarktregal passen. Reicht, wenn es den Unterstützern schmeckt. Doch die muss man erst einmal finden. Anfangs ist sich Frahm unsicher. Kann er wirklich welche überreden, Verantwortung für einen Bauernhof zu übernehmen und Geld zu zahlen, bevor sie Gemüse, Fleisch und Milch von ihm bekommen? Er kann, das ist inzwischen klar. Hundert Haushalte versorgt Frahm schon mit seiner Solidarischen Landwirtschaft, mit den Äckern, den 28 Kühen und 20 Schweinen. Es könnten noch viel mehr sein, die Straße in Oldenburg, 300 Bewohner, alles möglich. Wäre da nicht diese Lücke, von der er immer wieder spricht.

Ein Rundgang durch die Gewächshäuser. Feuchte Luft, Pflanzen ranken sich bis oben unter die Decke, und unten wühlt der Bauer am Boden. Frahm fährt durch die dunkle Erde und lässt etwas Mulch über seine Finger rieseln. „Hier wird nicht gespritzt“, sagt er, „alles organisch.“ Nur wie vermittelt man das den Leuten? „Viele Städter haben den Bezug zu ihrem Essen verloren“, sagt Frahm, „sie haben kein Gefühl mehr dafür, was Landwirtschaft eigentlich bedeutet.“ Manchmal stellt er das Radio an, hört die Werbung und wundert sich. Supersonderangebot: ein Bund Radieschen für 49 Cent. Frahm fragt sich dann: Glauben die wirklich, das geht, so billig und trotzdem gesund und frisch? Seine Radieschen kosten 1,90 Euro pro Bund, wenn er sie auf dem Markt in Oldenburg verkauft. Ein Nebenverdienst, weil die Solidarische Landwirtschaft allein noch nicht reicht, um den ganzen Hof zu finanzieren. „Die Leute müssen denken, ich wäre ein Halsabschneider“, sagt Frahm, „dabei liegt der Fehler doch woanders.“

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Seitdem er Solidarische Landwirtschaft betreibt, findet man Frahm seltener auf dem Acker als im Büro. Er schreibt jetzt Briefe, Post für die Mitglieder. Frahm berichtet, was auf dem Hof passiert, warum gerade etwas angebaut wird. Die Bauern, glaubt er, müssten besser erklären, was sie da auf den Feldern treiben. Frahm lädt die Städter auch auf den Hof ein, lässt sie Erdbeeren ernten. Danach werden sie die Arbeit der Bauern schon mehr wertschätzen. Hofft er.

Die Klinkerhalle hat sich gefüllt, einige Mitglieder kramen in den Kisten. Anke Fricke, 65 Jahre alt, ist mit dem Rad da, ganz aus Sandkrug. Sie nimmt eine Wäscheklammer vom Tisch und knipst sie an einen Zettel, dorthin, wo ihr Name steht. Dann greift sie eine weitere Klammer. In dieser Woche muss Fricke auch noch den Ernteanteil von Bekannten mitnehmen. Reichen die Taschen am Sattel? Könnte eng werden.

„Zwei schlechte Ernten bedeuten Ende Gelände“

„Das sind immer ziemlich viele Produkte“, sagt Fricke, „alles frisch, das braucht Disziplin, sonst kommt man mit dem Kochen kaum hinterher.“ Fricke ist im Ammerland aufgewachsen, auf einem Bauernhof. Ein paar Pferde, einige Schweine noch, mehr nicht. Lange her, sagt sie. „Diese kleinen Höfe sterben alle aus, einfach nicht rentabel.“ Sie will etwas dagegensetzen. Deshalb unterstützt sie Frahms Hof. Elisa Sagasser, 27 Jahre alt, geht es ähnlich. „Zwei schlechte Ernten bedeuten Ende Gelände, dann muss ein kleiner Biohof bei diesem Preiskampf sofort einpacken“, sagt sie, „das können wir hier einfach aushebeln.“ Eike Frahm steht daneben, hört zu und nickt. Die Mitglieder sind zufrieden, und sie werden mehr, das ist gut, aber reicht das schon, um die Landwirtschaft insgesamt zu verändern?

Auf der abgedunkelten Bühne, bei der Tedx-Konferenz im Mai, rechnet Frahm vor, dass es 500 Gemeinschaftshöfe bräuchte, um ganz Oldenburg zu ernähren. Die Vorträge des Abends kann man sich als Video ansehen, auf Youtube. Der Digitalunternehmer und seine Motivationssprüche stehen bei fast 200 000 Klicks, der Bauer und seine Vision bei 200. „Haben noch gut zu tun“, sagt Frahm, „aber wir fangen ja auch gerade erst an, die Lücke zwischen Stadt und Land zu schließen.“

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