Lohnabzüge in der Fleischindustrie

Wie Firmen beim Mindestlohn tricksen

Zerleger in den Schlachthöfen verdienen weniger als vor der Einführung des Mindestlohns. Laut Gewerkschaft liegt das am sogenannten Messergeld. Die Industrie macht höhere Sozialabgaben verantwortlich.
11.03.2015, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Wie Firmen beim Mindestlohn tricksen
Von Silke Looden
Wie Firmen beim Mindestlohn tricksen

Messergeld nennen Zerleger die abstruse Leihgebühr für das Firmenmesser.

Bernd Thissen, picture alliance / dpa

Zerleger in den Schlachthöfen zahlen nach Gewerkschaftsangaben sogenanntes Messergeld für die Benutzung des Arbeitswerkzeugs. So werde der Mindestlohn umgangen. Der Verband der Ernährungsindustrie macht hingegen höhere Sozialabgaben dafür verantwortlich, dass den Zerlegern am Ende des Monats weniger bleibt als vor der Einführung des Mindestlohns in der Branche.

„Die Fantasie der-jenigen, die das Geld abziehen, wird immer größer“, sagt Bernd Bischoff, Leiter der mobilen Beratungsstelle für Werkvertragsarbeitnehmer in Oldenburg. So zahlen die Zerleger aus Osteuropa nach Angaben der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) in Oldenburg Messergeld für die Benutzung des Arbeitsmaterials im Schlachthof oder auch Wäschegeld für die Reinigung der Arbeitskleidung.

Weitere Kosten zum Beispiel für den Transport von der Unterkunft zum Arbeitsort sowie für die Unterkunft selbst kämen hinzu. Die Übernachtung koste schon lange nicht mehr fünf, sondern inzwischen zehn Euro, so Matthias Brümmer, der Gewerkschaftssekretär für die Region Oldenburg / Ostfriesland.

Nicht selten würde den Arbeitern ein angeblich im Heimatland gewährter Vorschuss nachträglich abgezogen. Lohnabzüge von 100 bis 300 Euro seien üblich. „Das sind keine Einzelfälle“, betont Brümmer, „das ist die systematische Umgehung der Mindestlohns.“

Im vergangenen Jahr hatten Arbeitgeber und Gewerkschaften in der Ernährungsbranche sich nach zähen Verhandlungen auf einen Mindestlohn geeinigt. Gezahlt werden sollten zunächst 7,75 Euro, bis Ende 2016 dann 8,75 Euro. Mit am Verhandlungstisch saß damals Michael Andritzky, der Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Ernährungsindustrie in Niedersachsen, Bremen und Sachsen-Anhalt. Er dementiert die Umgehung des Mindestlohns und verweist auf die Finanzkontrolle Schwarzarbeit beim Zoll. Die Ermittler hätten bei Kontrollen kaum Verstöße festgestellt. Andritzky: „Die Branche zahlt den vereinbarten Tarif.“

"Abgaben Heimatland"

Tatsächlich findet sich auf Lohnzetteln, die über das soziale Netzwerk Facebook gepostet wurden, ein Stundenlohn von 7,95 Euro, auf einem anderen sogar ein Stundenlohn von 9,50 Euro. Am unteren Ende der Abrechnung aber finden sich Posten wie: Hygienehandschuhe 15 Euro, Wäsche 42 Euro, Werkzeug 32 Euro oder auch Abgaben Heimatland 53 Euro, Auszahlung Heimatland 155 Euro, Vorschuss 100 Euro. Diese Art Abrechnungen würden sich seit Einführung des Mindestlohnes häufen, so Brümmer.

„Normalerweise haben wir 60 Klagen pro Jahr vor dem Arbeitsgericht, jetzt haben wir mehr als 60 Klagen in den ersten zwei Monaten dieses Jahres.“ Er schätzt, dass etwa 80 Prozent der Firmen, die Werkvertragsarbeiter beschäftigen, den Mindestlohn umgehen. Einige würde sogar Strafgeld nehmen, wenn einem Arbeiter zum Beispiel Fleisch herunterfalle oder zu viel minderwertige Ware bei der Zerlegung anfalle – sogenanntes Material der Kategorie 3, das für den Verzehr durch den Menschen nicht mehr geeignet und nur noch als Tierfutter verkäuflich ist.

Ein rumänischer Arbeiter, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, berichtet von der gängigen Praxis in einem Oldenburger Schlachthof: „Immer wenn unsere Messer nicht richtig gereinigt waren, mussten wir eine Strafe bezahlen.“ Das habe selbst für Kollegen zugetroffen, die gar nicht mit Messern gearbeitet hätten. Das sei sehr willkürlich gewesen. Auch bei der Miete sei nicht alles rund gelaufen. „Man hat uns gesagt, dass der Arbeitgeber die Wohnung bezahlt“, sagt der 28-Jährige. In Wirklichkeit sei die Miete jedoch direkt vom Lohn abgezogen worden.

Ausbeutung in allen Branchen

„Das Problem ist, dass Rumänen oder Bulgaren die Abrechnung schon wegen mangelnder Sprachkenntnisse nicht nachvollziehen können“, erklärt Bischoff. Meistens würden sie sich nicht beklagen, weil sie hierzulande trotz der Abzüge immer noch fast drei Mal soviel verdienten wie in ihrem Heimatland. Das werde systematisch ausgenutzt, weiß Bischoff. Von Einzelfällen könne nicht die Rede sein. Auch beschränke sich die Ausbeutung nicht nur auf die Fleischbranche. „Es trifft Werkvertragsarbeitnehmer in allen Branchen.“

Andritzky zeigt sich verwundert, will das Wort Messergeld noch nicht gehört haben. Der Arbeitgebervertreter betont: „Die Branche hat einen Verhaltenskodex.“ Darin sei geregelt, dass Arbeiter für das Werkzeug nicht zahlen, dass eine ortsübliche Miete für die Unterkunft genommen werde. Daran werde sich gehalten, betont Andritzky. „Die Fleischindustrie verstößt nicht gegen das Tarifrecht.“

Aber natürlich gebe es immer Leute, die sich ungerecht behandelt fühlten und vor Gericht zögen. Erklären kann er sich die Klagen von Gewerkschaft und Beratungsstelle nur mit den erhöhten Sozialabgaben. Diese würde nicht länger im Heimatland gezahlt, sondern seit Einführung des Mindestlohns in Deutschland. Da könne es schon sein, dass unterm Strich weniger für dem einzelnen Arbeiter bleibe. Das aber hätten nicht die Arbeitgeber zu verantworten.

Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) weiß um den Missbrauch von Werkverträgen. Deshalb hatte das Bundesland Beratungsstellen für Werkvertragsbeschäftigte eingerichtet und nach Berichten über teils katastrophale Wohnverhältnisse Mindeststandards für Unterkünfte eingeführt. „Wir sind noch nicht am Ziel“, sagt Lies. Eine niedersächsische Bundesratsinitiative zur Verbesserung der Situation ist seit 2013 auf dem Weg.

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