Friedenspädagoge arbeitet für NS-Gedenkstätte mit Schülern

Wie Kinder über Krieg denken

Krieg, Frieden, Flucht und Heimat: Auf Initiative des kirchlichen Friedenspädagogen Michael Freitag-Parey beschäftigen sich Grundschüler in Kuhstedt mit schwer verdaulichen Themen.
10.05.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Dieter Sell
Wie Kinder über Krieg denken

Diakon Michael Freitag-Parey auf dem Gelände der NS-Gedenkstätte Sandbostel. Er ist der einzige Friedenspädagoge, der im Auftrag der hannoverschen Landeskirche in einer Gedenkstätte arbeitet.

epd-bild/Dieter Sell, epd

Krieg, Frieden, Flucht und Heimat: Auf Initiative des kirchlichen Friedenspädagogen Michael Freitag-Parey beschäftigen sich Grundschüler in Kuhstedt mit schwer verdaulichen Themen.

Das Bild mit den Bundeswehrsoldaten, die am Sarg eines Kameraden salutieren, lässt Said nicht los. „Das erinnert mich an meinen Großvater, der im Krieg gestorben ist“, sagt der Viertklässler, der mit seiner Familie aus Tschetschenien geflohen ist. Krieg, Frieden, Flucht und Heimat: Auf Initiative des kirchlichen Friedenspädagogen Michael Freitag-Parey beschäftigen sich Grundschüler in Kuhstedt (Landkreis Rotenburg) mit schwer verdaulichen Themen. „Die Kinder kriegen mit, wenn über Krieg und Flucht gesprochen wird und suchen nach Antworten“, sagt Freitag-Parey.

Der 45-jährige Diakon ist der einzige Friedenspädagoge, der im Auftrag der hannoverschen Landeskirche an einer NS-Gedenkstätte arbeitet. Zusammen mit Kooperationspartnern organisiert er auf dem Gelände und in der Region des ehemaligen Kriegsgefangenen- und KZ-Auffanglagers Sandbostel Projekte, in denen es um die zentrale Frage geht, wie Gewalt und Krieg überwunden werden können. „Gedenkorte wie das ehemalige Lager geben wichtige Impulse, um dafür Ideen zu entwickeln“, ist Freitag-Parey überzeugt.

Diesmal hat er mit einem Arbeitskreis und in Zusammenarbeit mit vier Grundschulen unter dem Titel „Wir müssen reden...“ ein Projekt entwickelt, das die Kinder schnell elektrisiert. In der Klasse von Grundschullehrerin Leoni Engelmartin breitet er zu Beginn auf dem Boden Bilder aus, zu denen die Kinder ihre Gedanken schildern sollen: flüchtende Menschen vor Ruinen, ein Kampfflugzeug, das Bomben abwirft, Kindersoldaten, eine Kriegsgräberstätte.

Uroma musste auch fliehen

Kaum liegen die Fotos, schnellen auch schon die Finger in die Höhe. „Die Menschen sind auf der Flucht vor dem Krieg“, sagt Lou und berichtet aus ihrer Familie: „Meine Uroma musste auch fliehen und hat erzählt, dass sie sich ganz eng in einen Zug quetschen musste.“ Justin deutet auf ein Bild mit vielen Grabsteinen, die in Reih und Glied stehen. „Im Krieg sterben ganz viele Menschen“, sagt der Zehnjährige. Zum ehemaligen NS-Kriegsgefangenenlager Sandbostel gehört ein Friedhof, auf dem Tausende Opfer bestattet sind. Zwischen 1939 und 1945 durchliefen mehr als 313.000 Kriegsgefangene, Zivil- und Militärinternierte aus mehr als 55 Nationen das Lager. Mindestens 5200 starben durch Hunger, Seuchen, Erschöpfung und Gewalt. Vor dem Hintergrund dieser Geschichte denke er mit Kindern und Jugendlichen darüber nach, wie eine Eskalation von Gewalt verhindert werden könne, erläutert Freitag-Parey.

Kinder reagieren sensibel und differenziert auf Themen

Dazu hätten Kinder viel beizusteuern, denn auch bei ihnen gebe es Streit, betont der Diakon. „Und auch sie sehen im Fernsehen, in Zeitungen und im Internet Bilder von Tod und Leid. Wir können es uns nicht leisten, ihren Schatz an Gedanken und Ideen brach liegen zu lassen“, begegnet er Argumenten, Fragen rund um Krieg und Frieden seien noch nichts für Grundschüler. Im Gespräch werde schnell deutlich, dass Kinder sensibel und differenziert auf diese Themen reagierten.

Für Konfirmanden und Jugendliche bietet er neben interaktiven Rundgängen in der Gedenkstätte handlungsorientierte Projekte wie Workcamps und Sommerfahrten an, um Zeitzeugen zu besuchen und ganz nebenbei immer wieder über demokratische Prozesse nachzudenken. „Mir geht es um die Erkenntnis: Geschichte hat das Leben meiner Familie verändert – und beeinflusst auch mein Leben.“

Eingebunden ist die Arbeit in das Netzwerk „Frieden und Erinnern“, das die hannoversche Landeskirche mit unterschiedlichen Angeboten für Jugendliche an mehreren Orten organisiert. Was die Arbeit des Friedenspädagogen in Sandbostel angeht, so sieht Gedenkstättenleiter Andreas Ehresmann darin große Chancen. „Wir können mit ihm gut Jüngere ansprechen.“ Es komme darauf an, bei Jugendlichen ein kritisches Geschichtsbewusstsein zu wecken, das Zusammenhänge hinterfrage.


Das Lager Sandbostel
Während des Zweiten Weltkrieges gerieten etwa zehn Millionen Soldaten verschiedener Nationen in deutsche Kriegsgefangenschaft. Im Deutschen Reich wurden für sie etwa 140 Lager eingerichtet. Eines der ersten war das Kriegsgefangenen-Mannschafts-Stammlager (Stalag) XB im niedersächsischen Sandbostel: Ab September 1939 sollten auf einem 35 Hektar großen Gelände mit mehr als 150 Baracken zeitgleich bis zu 30.000 Kriegsgefangene untergebracht werden. Es war damit eines der größten Lager dieser Art der Wehrmacht überhaupt. Bis zur Befreiung durch britische Soldaten am 29. April 1945 kamen nach bisherigen Recherchen 313.000 Kriegsgefangene, Zivil- und Militärinternierte aus mehr als 55 Nationen nach Sandbostel. Seit 2007 erinnert eine Gedenkstätte auf einem Teil des Geländes an ihre Geschichte. Die meisten Gefangenen wurden in mehr als 1.100 Kommandos vor allem in der Landwirtschaft zur Arbeit gezwungen, aber auch in der Industrie und in der Rüstungsproduktion. Mindestens 5.200 Kriegsgefangene starben durch Hunger, Seuchen, Erschöpfung und Gewalt. Wahrscheinlich ist die Zahl der Toten wesentlich höher, doch seriöse Hinweise fehlen bisher. Insbesondere den sowjetischen Kriegsgefangenen versagte die Wehrmacht den Schutz durch das Kriegsvölkerrecht. Noch kurz vor der Befreiung kamen rund 9.500 Häftlinge aus dem Konzentrationslager Neuengamme und seinen Außenlagern nach Sandbostel. Mehr als 3.000 von ihnen starben während des Transports, im Lager und in den ersten Wochen nach der Befreiung. Zur Historie von Sandbostel gehört auch die Nachkriegsgeschichte, die das Prinzip Lager an diesem Ort fortgesetzt hat. Nach der Befreiung errichteten die Briten in Sandbostel ein Internierungslager für Angehörige der Waffen-SS. Später wurde es als Strafgefängnis, als Notaufnahmelager für männliche jugendliche DDR-Flüchtlinge und als Bundeswehrdepot genutzt. 1973 übernahm die Gemeinde Sandbostel das Gelände und wies es als Gewerbegebiet aus, das in Teilen immer noch besteht.
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