Duell der Politiker-Fanclubs Wie Werder aus Gegnern Freunde macht

Hannover. Hans-Werner Schwarz ist als Vizepräsident des Niedersächsischen Landtags für den überparteilichen Frieden im Parlament zuständig und weiß, wie man Gegner vereint: Mit Fußball, sagt der Vorsitzende von Werders einzigem und Deutschlands größtem Politiker-Fanclub.
16.02.2010, 19:14
Lesedauer: 4 Min
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Von Jean-Charles Fays

Hannover. Einen besseren Boss hätte Grün-Weiß Leineschloss nicht kriegen können. Hans-Werner Schwarz ist als Vizepräsident des Niedersächsischen Landtags für den überparteilichen Frieden im Parlament zuständig und weiß, wie man verfeindete Lager wieder vereint: 'Wenn die Abgeordneten von Linke, Grünen, SPD bis hin zur CDU und FDP mal Luft ablassen wollen, dann reden wir einfach über Fußball', sagt der Vorsitzende von Werders einzigem und Deutschlands größtem Politiker-Fanclub.

'Werder ist nach manch hitziger Debatte ein gutes Ventil. In diesem Thema sind sich alle einig.' Alle, damit meint Schwarz jedoch nur die rund 40 Mitglieder von Grün-Weiß Leineschloss. Mit den kleineren Politiker-Fanclubs von Hamburger SV und Hannover 96 werden die Debatten manchmal auch noch außerhalb des Parlamentsgebäudes im Leineschloss fortgesetzt. Grün-Weiß Leineschloss gründete sich zwar schon im Sommer 2008, aber erst am Mittwochabend wollen die Abgeordneten die Club-Satzung beschließen. Laut Schwarz ist das Voraussetzung, um sich im Dach-Verband der Fanclubs zu registrieren und damit auch offiziell zur Werder-Familie zu gehören.

Beim Nordderby am Wochenende zeigte sich, dass die Mitglieder von Grün-Weiß Leineschloss emotional schon längst reif dafür sind. Denn so wie sie in der AWD-Arena gegen den Abgeordneten-Fanclub von Hannover 96 anschrien, zeigten sich die sonst eher unterkühlt wirkenden Politiker wie verwandelt.

'Der Naldo steht ja in der Luft!'

Der Alterspräsident des Niedersächsischen Landtags, Lothar Koch, der beim Derby zwei Sitze neben Landtagsvizepräsident Schwarz sitzt, hat den Zwist nicht nur auf der Arbeit, sondern auch in der eigenen Familie. Deshalb ist er aus dem heimischen Duderstadt nicht gemeinsam mit dem Hannover 96 zugeneigten Sohn, sondern in einem späteren Zug alleine angereist. Für das Derby verzichten beide sogar auf den Geburtstagskaffee der Mutter oder der Ehefrau. Bereits nach elf Spielminuten weiß zumindest Lothar Koch, dass das Spiel die Reise wert ist. Nach Peter Niemeyers 1:0 reißt der CDU-Abgeordnete seine Werder-Schirmmütze vom Kopf, wedelt damit hektisch durch die Luft, hüpft so hoch es seine 70 Jahre zulassen und klatscht Schwarz ab.

'Toooor! Niemeyer - Super!', brüllt auch der Club-Präsident, der wenige Minuten zuvor ein 2:1 für Werder nach schwerem Kampf prognostiziert hat. Womit er den Drittletzten der Tabelle anscheinend überschätzt hat, denn nur acht Minuten später klatscht das Duo sich schon wieder in die Hände. Der 63-Jährige springt nach Naldos Kopfballtreffer auf, reckt beide Fäuste in die Luft und jubelt Koch beim Abklatschen zu: 'Hast du das gesehen? Der Naldo stand ja in der Luft! Traumhaft!'

Der CDU- und der FDP-Abgeordnete sind heute mit acht anderen Mitgliedern von Grün-Weiß Leineschloss in der AWD-Arena und bestehen darauf, dass sie hier behandelt werden wie jeder andere auch. 'Für uns gibt?s keine VIP-Karten', sagt Schwarz. Ein Spiel in der Loge sei sowieso nicht zu vergleichen mit einem Spiel unter normalen Zuschauern. 'Mich nervt es auch, wenn die in der Loge ständig zum Bier holen aufstehen, selbst wenn auf dem Platz ein Elfer gepfiffen wird'. Auf gewöhnlichen Sitzplätzen sei das anders. 'Die Atmosphäre ist hier besser, denn hier sitzen die wahren Fans.' Der ehemalige Diepholzer Bürgermeister hat die Worte noch nicht ganz ausgesprochen, da reißt ihm Koch am Arm und schreit schon wieder 'TOR!' Wieder springt Schwarz auf und herzt seinen Nebenmann. Freudetrunken sagt der Liberale: '3:0 nach 25 Minuten. Das hätte ich nicht gedacht! Unglaublich!'

Dem 96-Fanclub des Landtags geht es auf der Gegengeraden derweil wahrscheinlich wie dem 96-Fan, der zur linken von Schwarz sitzt und sich in Galgenhumor flüchtet: 'Man kann das ja hochrechnen. Wenn?s nach 25 Minuten 0:3 steht, wird?s am Ende vielleicht ein 0:9.'

Bewegende Momente

 

Der Zwischenstand kurz vor dem Pausenpfiff erinnert Schwarz an einen der Momente, die ihm als Werder-Fan am meisten unter die Haut gingen. 'Im Europapokal gegen den RSC Anderlecht lag Werder im eigenen Stadion auch einmal mit 0:3 zurück und hat das Spiel noch mit 5:3 gedreht', sagt der Familienvater mahnend. Doch die Moral, die Werder 1993 auszeichnete, kommt Hannover 96 heute völlig abhanden. Eine Minute vor der Halbzeit fällt das 4:0 und zerstreut auch die letzten Siegeszweifel. 'Das habe ich ja noch nie gesehen', stellt Schwarz kopfschüttelnd fest und resümiert mit Blick auf den 96-Fan neben sich: 'Es wäre schade, wenn Hannover absteigen würde, aber in dieser Form sehe ich keine Chance auf den Klassenerhalt.'

Daran ändert auch der Anschlusstreffer des Ex-Bremers Christian Schulz in der zweiten Halbzeit nichts. Zwar flucht Schwarz daraufhin: 'Das darf nicht passieren. Da fehlt es an Aggressivität in der Defensivarbeit', doch viel wichtiger ist ihm einige Minuten später das Zwischenergebnis aus Stuttgart: 'Jawohl, der Ausgleich gegen den HSV! Die dürfen am Ende der Saison auf keinen Fall vor uns stehen.' Das Schwarz-Motto lautet: 'Lieber drei Punkte in Hamburg als drei Punkte in Flensburg.'

Als Pizarro 20 Minuten vor Schluss auch noch das 5:1 macht, ist die grün-weiße Glückseligkeit perfekt. Kochs Tonsur glänzt, als er mit seiner grünen Kappe zum Jubeln auf- und abwedelt und die Hände klatschen wieder, als sie sich über den Köpfen treffen. Während sich die schwarz-gelbe Fan-Koalition unter den Grün-Weißen verfestigt hat, steht dem Hannoveraner Politiker-Fanclub eine ganz schwere Parlamentswoche bevor. Der Hannover-Fan neben Schwarz jedenfalls würde am liebsten im Erdboden versinken.

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