Etablissement in Diepholz

"Wir müssen arbeiten, egal wo und was" - was Putzen im Bordell bedeutet

Ordnung und Sauberkeit sind für Ioana Petrova, die in einem Bordell putzt, wichtig. Ähnlich geht es ihr mit Entscheidungen, die jeder für sich treffen können sollte – ohne verurteilt zu werden.
11.11.2017, 19:51
Lesedauer: 3 Min
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Von Maria Sandig
"Wir müssen arbeiten, egal wo und was" - was Putzen im Bordell bedeutet

Empfindet ihren Job keineswegs als ekelig: Ioana Petrova putzt eines der kleinen Zimmer in einem Bordell in Diepholz.

Maria Sandig

Das schummrige rote Licht zieht sich durch alle Räume. Das ebenerdige Haus ist verwinkelt. In die Lounge fallen ein paar Sonnenstrahlen. Die Fenster in den Zimmern sind entweder mit Vorhängen verdunkelt oder mit Klebefolie von der Außenwelt abgeschirmt. Überall liegen Teppiche auf den kühlen Fliesen des Flures. Es riecht nach ­Zigaretten und Putzmittel.

Ioana Petrova (Name von der Redaktion geändert) ist zum ersten Mal allein im Bordell in Diepholz. Es ist die zweite Woche für sie. Ioana Petrova kommt aus Bulgarien und lebt seit zwei Jahren in Deutschland. Bevor sie ihre Heimat verließ, arbeitete sie als Kellnerin in Varna, ihrem Geburtsort. Sie ist 30 Jahre alt, vom Sternzeichen Jungfrau.

„Jungfrauen sind reinliche und saubere Menschen“, sagt sie. In der vergangenen Woche wurde sie von ihrer Kollegin während ihrer Arbeit beäugt, nun wischt sie die Flure und Zimmer im Bordell allein. Ein leichter Rauchnebel steht in den Räumen. Konzentriert fängt sie an, die Toiletten zu putzen. Ihre blauen Putzhandschuhe passen farblich zur Jeans. „Hier ist es immer sehr sauber, kaum Arbeit“, sagt sie mit bulgarischem Akzent und geht zu den Waschbecken.

Für die 30-Jährige ist es weder komisch, als Reinigungskraft in einem Bordell zu arbeiten, noch ekelt sie sich vor ihrem Job. „Es ist etwas ganz Normales und ­Natürliches“, sagt sie und wischt das in die Jahre gekommene Laminat in der Lounge mit kreisenden Bewegungen. In einer Ecke findet sie schwarz-goldene Schlappen, scheinbar von letzter Nacht.

Lob für Atmosphäre und Einrichtung

„Wir müssen arbeiten, egal wo und was“. Für Ioana Petrova ist es nicht wichtig, was jemand von Beruf ist. Sie respektiere eine Frau, die in diesem Bordell als Prostituierte Geld für ihre Familie verdient, genauso wie eine studierte Juristin. „Jeder hat das Recht, eigene Entscheidung zu treffen“, sagt sie in gebrochenem Deutsch.

Ioana Petrova geht in eines der Zimmer. Der Raum ist sehr klein. Das gespannte Bettlaken ist orange, auf dem Boden liegt ein türkisfarbener Teppich. Auf einem Nachttisch stehen fünf Rollen Küchenpapier, daneben eine Bodylotion. Die blaue ­Klebefolie verhindert, dass Licht in das Zimmer eindringt. Kleine rote Lampen an der Decke erhellen den Raum.

Ioana Petrova lobt die Atmosphäre und die Einrichtung. Hektisch läuft sie von Zimmer zu Zimmer, in zwei Stunden muss die Arbeit erledigt sein. Eine schwarze Strähne fällt in ihr gebräuntes Gesicht. Sie kramt in ihrer Hosentasche und bindet ihr schwarzes, langes Haar streng zu einem Zopf zusammen. Das Putzen ist
anstrengend für die zierliche Frau. Sie ist erschöpft, gönnt sich trotzdem keine kurze Pause.

Arbeiten zu können ist die Hauptsache

Bevor sie ihren Job bekam, ahnte Ioana Petrova nicht, wie sauber das Bordell hinterlassen wird. Heute sei eine Ausnahme, da am Tag zuvor eine Party war. „Sonst sehr, sehr sauber“, sagt sie. Bei der Bulgarin spielt es keine Rolle, für welchen Auftraggeber sie arbeitet. Es ist für sie nicht entscheidend, ob es ein Baumarkt oder ein Bordell ist. Die Hauptsache sei, dass sie arbeiten kann.

Die junge Frau läuft zum Putzeimer und wringt den Lappen aus, einzelne Tropfen fallen zu Boden. Nackte weibliche Körper zieren die Wände. Sie schnappt sich Reinigungsspray und befeuchtet einen goldfarben eingerahmten Spiegel. Vorsichtig wischt sie das Glasspray weg, ein kleiner Fleck bleibt. Sie reibt und poliert so lange, bis er weg ist.

„Manche Menschen sehen diesen Job sehr negativ, aber ich nicht“, erzählt sie. Die alten Ledermöbel sind mit Kissen in Tieroptik dekoriert. Ioana Petrovas dünne Arme sind angespannt, während sie den Leoparden-Teppich absaugt. Auf ihrem rechten Arm steht in verschnörkelter Schrift „Ivona“ – der Name ihrer neunjährigen Tochter.

Mehr Hobby als Arbeit

Sie lebe seit einiger Zeit in Bulgarien bei ihrem ­Ex-Mann. „Ich vermisse sie sehr. Ich kann nicht ohne sie, und sie nicht ohne mich“, berichtet sie traurig. Anfangs war die Kleine bei Ioana Petrova in Deutschland. Doch sie habe es sich einfach nicht länger leisten können, noch eine weitere Person über die Runden zu bringen. Bevor sie den nächsten Raum betritt, putzt sie ihre rosafarbenen Turnschuhe ab.

Mit viel Kraft zieht sie den Staubsauger hinter sich her und saugt den grau-schwarzen Teppich im Flur. Immer wieder bleibt sie an dem Gummirand hängen. Ein kratzendes Geräusch ertönt, sobald sie mit dem Sauger auf die Fliesen kommt. „Sehr sauber ist es hier. Sehr, sehr sauber“, redet sie vor sich hin. Sie trägt um das linke Handgelenk eine Uhr mit silberner Fassung und rosa-weiß-gestreiftem Stoffarmband.

Ihr schwarz gefärbtes Haar ist geglättet, leichte Locken kommen durch. Acht Stunden am Tag arbeitet die Bulgarin. Es ist weniger Arbeit, eher ein Hobby sagt sie. Die zierliche Frau geht Zimmer für Zimmer ab und löscht die Lichter. Es ist zehn Uhr. Mit ihrer ersten Schicht ist sie für ­heute fertig, es stehen noch drei weitere Stationen auf ihrem Plan. Sie beeilt sich, gleich kommen die ersten Kunden.

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