Nie war die Nordsee im Herbst wärmer als im Jahr 2014 – Biologen sehen die Artenvielfalt in Gefahr „Wir wissen nicht, was wir da auslösen“

Die Nordsee war im vergangenen November mit 11,8 Grad so warm wie niemals zuvor seit 1969, dem Beginn von Aufzeichnungen: 2,1 Grad wärmer als im langjährigen Mittel. Das belegen Daten des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie in Hamburg.
16.01.2015, 00:00
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Die Nordsee war im vergangenen November mit 11,8 Grad so warm wie niemals zuvor seit 1969, dem Beginn von Aufzeichnungen: 2,1 Grad wärmer als im langjährigen Mittel. Das belegen Daten des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie in Hamburg. Helmut Hillebrand ist Direktor am Institut für Chemie und Biologie des Meeres der Universität Oldenburg. Martin Wein fragte ihn, wie Pflanzen und Tiere auf die Erwärmung reagieren.

Nie war die Nordsee im Herbst wärmer als in diesem Jahr. Macht Ihnen diese Entwicklung Angst?

Helmut Hillebrand: Angst ist ein Begriff, mit dem ich als Wissenschaftler nicht umgehe. Es gibt tatsächlich schon jetzt eklatante Veränderungen sowohl in der Zusammensetzung der Arten in der Nordsee wie auch in ihrem wechselweisen Zusammenspiel. Diese Zusammenhänge müssen wir dringend verstehen. Erst dann können wir bewerten, ob die Artenvielfalt in der Nordsee unter dem Klimawandel leidet.

Was bedeutet denn das für die Biologie der Nordsee?

Wir sehen schon heute anhand verschiedener Langzeitaufzeichnungen, dass wärmeliebende Arten aus südlicheren Breitengraden einwandern. Die Veränderungen sind allerdings noch nicht so gravierend, dass heimische Arten es in der südlichen Nordsee physiologisch nicht mehr aushalten. Aber die Einwanderer sind möglicherweise besser angepasst. So kann es schon zu Verdrängungseffekten kommen. Angestammte Arten ziehen sich dann in den Nordatlantik zurück.

Profitieren nicht viele Arten von einem wärmeren Meer?

Das könnte man so sehen. Gerade die milderen Herbst- und Wintertemperaturen sorgen beispielsweise dafür, dass tierisches Plankton vielfach den Winter übersteht und sich sehr viel früher vermehrt. Diese Kleinstlebewesen ernähren sich andererseits von pflanzlichem Plankton. Dieses hat zu dem früheren Zeitpunkt im Jahr aber noch nicht seine Blüte erreicht. Wir sprechen da von Missmatch-Phänomenen. Damit steigt der Fraßdruck so stark an, dass die Frühjahrsblüte des pflanzlichen Planktons sich abschwächt oder womöglich ganz ausbleibt. Das kann dann Auswirkungen auf die gesamte Nahrungskette bis zu Fischen, Vögeln und Robben haben und langfristig ganze Nahrungsbeziehungen verändern oder sich auf die Körpergröße der Individuen auswirken. In einigen Fällen mag mehr Einwanderung die Folge sein, aber auch eine geringere Artenzahl ist möglich.

Hat das auch Auswirkungen auf den CO2-Haushalt?

Das wird aktuell stark diskutiert. Das Plankton ist etwa für die Hälfte der Sauerstoffproduktion auf der Erde verantwortlich. Wenn sich mit steigender Temperatur und erhöhtem Fraß seine Vermehrung und seine Biodiversität verändert, verändert sich auch die CO2-Aufnahme des Meeres. Letztlich kann sich dadurch auch die sogenannte biologische Kohlenstoffpumpe verändern. Mit diesem Begriff beschreibt man die Tatsache, dass das Plankton Kohlendioxid im Meer aufnimmt und, wenn es absinkt, in die Tiefe transportiert.

Beobachten Sie jetzt schon

Arten aus wärmeren Gefilden, die in der Nordsee heimisch werden?

Das tun wir. Beim Plankton etwa kommen kleinere Arten aus dem Süden zu uns. Größere kälteliebende Arten finden sich dagegen eher weiter nördlich. Auch bei Fischen etablieren sich Populationen der Makrele um Island und Färöer sowie Populationen von Sardellen und Anchovis in der südlichen Nordsee. Insgesamt wissen wir aber noch nicht, wie stark sich damit das Ökosystem Nordsee auch funktional verändert. Die Forschung geht aber im Moment davon aus, dass nicht einfach einzelne Arten ersetzt werden, sondern sich auch das Zusammenspiel substanziell ändert.

Welche Wassertemperatur wäre für das

bisherige Ökosystem Küstenmeer hinnehmbar?

Viele Ökosysteme sind beeindruckend anpassungsfähig und erholungsfähig. Trotz aller eklatanten Eingriffe durch den Menschen ist das Wattenmeer noch immer ein Wattenmeer. Deshalb ist es schwierig, mit fixen Grenzwerten zu arbeiten. Eines gilt es aber zu bedenken: Die durchschnittliche Erwärmung bringt automatisch eine Spreizung der Extremwerte mit sich. So kommt es immer häufiger zu Extremereignissen mit entsprechenden extremen Auswirkungen auf die Organismen. Die bisherige Erhöhung von zwei Grad halte ich deshalb bereits für substanziell. Wir wissen noch nicht wirklich, was wir da auslösen. Deshalb muss jede weitere Erwärmung nach Möglichkeit vermieden werden. Es gibt hier keinen Kulanzwert, bis zu dem wir uns ausruhen könnten.

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