Großes Finanzloch auch bei der BSAG So hart trifft die Corona-Krise den Nahverkehr

Der ÖPNV ist ein wichtiger Baustein mit Blick auf die Verkehrswende. Doch statt über neue Fahrzeugbestellungen nachzudenken, müssen die Unternehmen jetzt erst mal schauen, wie sie über die Runden kommen.
05.02.2021, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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So hart trifft die Corona-Krise den Nahverkehr
Von Wolfgang Mulke

Tolles Angebot, halbvolle Busse und Züge – der Nahverkehr steckt durch Corona in der Krise. Während des ersten Lockdowns im April vorigen Jahres war zeitweilig nicht einmal jeder fünfte Platz besetzt. Aktuell liegt die Auslastung zwischen 30 und 40 Prozent. Das reißt riesige Löcher in die Kassen der Nahverkehrsunternehmen.

2020 büßten sie 3,5 Milliarden Euro an Fahrgeldern ein. In diesem Jahr erwartet der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) ein Defizit in gleicher Höhe. „Wir werden auch 2021 mit erheblichen Verlusten zu kämpfen haben“, sagt Oliver Wolff, Hauptgeschäftsführer des VDV.

Immerhin müssen die Unternehmen die finanziellen Lasten der Krise nicht alleine tragen. Bund und Länder gaben fünf Milliarden Euro als Ausgleich der Einnahmeverluste. Davon sind jetzt noch 1,5 Milliarden Euro übrig, die vermutlich bis zum Ende des ersten Quartals reichen. Danach braucht der Nahverkehr weitere zwei Milliarden Euro. „Wir müssen mit der Politik zeitnah über einen erneuten Rettungsschirm sprechen“, sagt VDV-Präsident Ingo Wortmann.

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Auch bei der Bremer BSAG gibt es große Einbußen

Auch bei der Bremer BSAG muss ein großes Finanzloch gestopft werden. Das kommunale Verkehrsunternehmen verzeichnet Einnahmeverluste durch die Corona-Krise in Höhe von gut 29 Millionen Euro. Die entgangenen Fahrgeld- und sonstigen Einnahmen sollen zum einen durch die Mittel des ­Bundes und zum anderen aus dem Bremen-Fonds ausgeglichen werden. Für Busse und Bahnen will der Senat noch in diesem Jahr 6,8 ­Mil­lionen Euro vom Bund und 22,1 Millionen im Jahr 2021 aus dem Bremen-Fonds freigeben.

In einer Videokonferenz hatten die Verkehrsminister der Länder Bundesverkehrs­minister Andreas Scheuer (CSU) übermittelt, dass erneut ein Rettungsschirm für den öffentlichen Nahverkehr (ÖPNV) benötigt wird. Da Bremens Verkehrssenatorin Maike Schaefer (Grüne) mit Beginn des Jahres den Vorsitz der Konferenz übernommen hat, hat das Bundesland nun die Aufgabe, den Bedarf des ÖPNV in den anderen Ländern zu ermitteln.

Auch die Verkehrsunternehmen in Niedersachsen kämpfen mit einem deutlichen Einbruch der Fahrgastzahlen. 2019 betrug die Zahl der ÖPNV-Passagiere in Niedersachsen 622,5 Millionen. Werte für das Corona-Jahr 2020 liegen noch nicht vor. Mit einem neuen Förderprogramm – etwa für den Neubau oder die Sanierung von etlichen Bushaltestellen für die Linien des Verkehrsverbundes Bremen-Niedersachsen (VBN) – will das Land nun dafür sorgen, dass der öffentliche Nahverkehr attraktiver wird.

„Wir finanzieren in der Krise und gegen die Krise“, meinte Verkehrsminister Bernd Althusmann (CDU) am Mittwoch bei der Vorstellung des Programms in Hannover mit Blick auf die coronabedingten Einnahmeverluste der Verkehrsbetriebe. Ein starker öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV) mache einen starken Standort aus. Dafür müsse man die Attraktivität von Bussen und Bahnen steigern und den weiteren Ausbau unterstützen. „Je mehr Fahrgäste der ÖPNV nach der Pandemie zurückgewinnen kann, desto größer ist auch der Beitrag zum Klimaschutz“, betonte Althusmann.

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In den nächsten Jahren wird jeder zweite Beschäftigte aus Altersgründen ausscheiden

Investiert wird auch in Personal. Trotz der gesunkenen Einnahmen haben die Verkehrsunternehmen zusätzliches Personal eingestellt. Denn Busfahrer, Lokführer oder auch technisches Personal wird zunehmend ­gesucht. In diesem Jahrzehnt hört die Hälfte der rund 150.000 Beschäftigten aus Altersgründen auf zu arbeiten. Allein bis 2025 ­müssen rund 50.000 Leute neu eingestellt werden, vor allem im Fahrdienst. Die Zahl der Bewerbungen hat im vergangenen Jahr zwar zugenommen, doch reicht dies noch lange nicht. Der Zuwachs an Busfahrerinnen und Busfahrern geht vor allem darauf zurück, dass Fahrer von Reisebussen in den Nahverkehr wechseln, da das touristische Geschäft praktisch zum Erliegen gekommen ist.

Ungeachtet der Einbußen wollen die Unternehmen Busse und Bahnen in nahezu vollem Umfang weiterfahren lassen. „Den Nachtbus oder den Discobus braucht man nicht“, erläutert VDV-Geschäftsführer Wolff. Doch ansonsten wird der Betrieb aufrechterhalten. Die Einnahmeverluste sind nicht das einzige Problem. Die Hygienemaßnahmen, etwa der Einbau von Trennscheiben in Bussen, häufigere Reinigungszyklen oder Kontrollen der Maskenpflicht kosten zusätzlich Geld. Der Verband ist allerdings zuversichtlich, dass sich die Lage gegen Ende des Jahres wieder normalisiert.

Weitere Einschränkungen bei Fahrten mit Bussen und Bahnen lehnt die Branche ab. Dazu gehört etwa ein Sprechverbot für die Fahrgäste. Stattdessen appelliert VDV-Präsident Wortmann an die Fahrgäste, nicht laut zu sprechen oder laut und maskenlos zu telefonieren. „Das ist unsere herzliche Bitte“, erklärt er. Auch sei es für das Personal nicht zu schaffen, die Auslastung der Fahrzeuge zu kontrollieren, um übervolle Waggons zu vermeiden. Schließlich wird es Wortmann zufolge auch keinen Unterschied zwischen geimpften und nicht geimpften Kunden geben. „Wir befördern jeden“, versichert der VDV-Präsident. Dazu seien die Unternehmen gesetzlich verpflichtet.

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Lieber mit dem eigenen Auto

Der durch die Corona-Pandemie befeuerte Trend hin zur individuellen Mobilität setzt sich weiter fort: 87 Prozent der Verbraucher weltweit (in Deutschland 82 Prozent) bevorzugen die Nutzung eines eigenen Fahrzeugs, um sicher unterwegs zu sein – am Anfang der Pandemie im April 2020 waren es 57 Prozent. Zudem ist der Anteil der Verbraucher, die in den nächsten zwölf Monaten ein eigenes Auto kaufen möchten, von 35 Prozent auf nun 46 Prozent angestiegen, bei deutschen Verbrauchern von 25 auf nun 39 Prozent. Die Nutzung eines eigenen Autos wird als Schutz vor der Verbreitung von Infektionen gesehen. Dies geht aus einer aktuellen Studie des Capgemini Research Institutes hervor. Dafür wurden erneut mehr als 11.000 Verbraucher aus elf Ländern befragt.

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