Energie-Importe Countdown für die deutschen Terminals: Der aktuelle Stand beim LNG

Politik und Planer haben aufs Tempo gedrückt, damit möglichst bald Erdgas-Importe per Schiff anlaufen können. In Wilhelmshaven wird jetzt die erste Anlage fertig. Die wichtigsten Fragen und Antworten.
15.11.2022, 15:01
Lesedauer: 3 Min
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Von Jan Petermann, Sönke Möhl und Christopher Hirsch

Die ersten deutschen LNG-Terminals stehen kurz vor dem Betriebsbeginn. Zwar sind die Gasspeicher für den Winter inzwischen fast voll, doch verflüssigtes Erdgas soll auch noch in den kommenden Jahren die Energieversorgung zusätzlich absichern. Es gibt Fortschritte dabei, die Abhängigkeit von Russland zu verringern – aber ebenso ein paar wunde Punkte.

Wie sehen die Zeitpläne aus?

Wilhelmshaven hatte am Dienstag offizielle Fertigstellungspremiere für den Anleger. Zunächst geht es um die Anbindung eines schwimmenden Terminals, Niedersachsen plant mit Mitte Dezember für den Beginn des Betriebs und der LNG-Aufnahme. Dann soll ein voll beladenes Tank-Lagerschiff festmachen. Der Energiekonzern Uniper nimmt an, dass noch im Dezember auch die Infrastruktur auf Landseite komplett bereitstehen wird, wenn alles weiter nach Plan verläuft.

Ab Mitte Januar werden die LNG-Tanker eintreffen, heißt es aus der Landesregierung. Wirtschaftsminister Olaf Lies (SPD) will noch ein zweites Terminal in der Stadt am Jadebusen ansiedeln: Wilhelmshaven II soll Ende 2023 starten, vorerst ebenfalls als Schwimmterminal. Eine vollständig an Land installierte Anlage soll später folgen.

Weitere Anlagen sind in Stade, Brunsbüttel und Lubmin geplant. Das Schwimmterminal in Brunsbüttel soll noch in diesem Jahr seine Arbeit aufnehmen. Auch in Lubmin hofft man auf einen Betriebsbeginn noch im Dezember. Die weiteren Anlagen sollen bis spätestens 2026 fertig sein.

Wo könnte es noch Hindernisse geben?

Wegen des Zeitdrucks in der Energiekrise wurden Planungsverfahren beschleunigt, die Landesregierungen legten allerdings Wert auf eine Veröffentlichung von Projektunterlagen. Kritiker können Einwendungen gegen die Vorhaben einreichen – diese könnten zu Verzögerungen führen.

Abgesehen von Anliegern der Häfen und Pipelines hat sich vor allem unter Natur- und Meeresschützern Widerstand formiert. So befürchten Vertreter mehrerer Umweltorganisationen durch die neuen Anlagen im Wasser mehr Stress für marine Ökosysteme.

Woher sollen die ersten LNG-Lieferungen kommen?

Bisher erhalten Deutschland und andere europäische Länder das über die Niederlande, Belgien oder Frankreich aufgenommene LNG vor allem aus den USA. Zu den größten Exporteuren zählt auch Katar, Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) bemühte sich auf einer Reise im Frühjahr um Lieferbeziehungen. Katar will dem Vernehmen nach Langfristverträge und verkauft bereits viel Gas nach Asien. Weitere wichtige LNG-Ausfuhrländer sind Australien, Malaysia oder Nigeria. Mit konkreten Angaben zur Herkunft der Lieferungen halten sich manche Betreiber noch zurück. Brunsbüttel soll zum Beispiel Gas aus Abu Dhabi erhalten.

Welche Mengen wird das zusätzliche Gas zu welchem Preis ersetzen?

Über die beiden Wilhelmshavener Schwimmanlagen sollen zehn Milliarden Kubikmeter wiederverdampftes Gas pro Jahr umgeschlagen werden können. Für die „Floating Storage and Regasification Unit“ (FSRU) in Stade sind fünf Milliarden Kubikmeter vorgesehen. Die Planer des festen Terminals dort gehen von etwa 13 Milliarden Kubikmetern aus.

Bezogen auf die bislang aus Russland bezogenen Mengen schätzte Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), dass es gelingen könnte, diese später einmal ganz über in Niedersachsen ankommendes LNG zu ersetzen. Vor Beginn des Ukraine-Krieges importierte Deutschland mehr als 50 Prozent seines Erdgasbedarfs aus der Russischen Föderation.

Über die Brunsbütteler FSRU sollen 3,5 Milliarden Kubikmeter pro Jahr ins Netz gelangen, über die feste Anlage rund acht Milliarden Kubikmeter. In Lubmin plant man für beide Terminals jeweils etwa mit fünf Milliarden Kubikmetern jährlich.

Zu welchen Konditionen das LNG auf den Energiemarkt kommt, ist noch unsicher. Die Weltmarktpreise schwanken, und die in laufenden Verträgen noch gebundenen Mengen können das Angebot knapp halten.

Wie sieht es mit der Klima- und Umweltbilanz von LNG aus?

Auch beim Verbrennen von Erdgas wird viel CO2 frei – Klimaschützer gehen mit dem Ausbau der LNG-Kapazitäten deshalb hart ins Gericht. Die hauptsächlich aus Methan bestehenden Gemische werden für den Transport lediglich zusammengepresst und ultratiefgekühlt. Hinzu kommt, dass vor allem die USA mit dem umstrittenen Fracking-Verfahren fördern: Das Gas wird unter Hochdruck aus Gesteinsporen gepresst, im Fall älterer Technik kommt ein Chemikalien-Cocktail zum Einsatz.

Umweltschützer sorgen sich zudem um die Lebensräume von Meerestieren und -pflanzen. Viele glauben, dass die Gründlichkeit ökologischer Prüfungen unter dem beschleunigten Durchpeitschen der Projekte leiden könnte. Der rot-grüne Landesregierung in Niedersachsen sicherte jüngst zu, dass man die Einhaltung der Umwelt- und Naturschutzstandards sicherstellen wolle.

Warum überhaupt verflüssigtes Erdgas?

Landes-Energieminister Christian Meyer (Grüne) betont, die stärkere Verwendung von LNG dürfe nur eine Übergangslösung sein, bis es genug Strom und Wärme aus erneuerbaren Quellen gebe: „Wir müssen die fossilen Energieträger so bald als möglich ersetzen, da uns die Klimakrise keine Zeit mehr lässt.“ Die fest installierten, späteren LNG-Terminals sollen sich auch für Wasserstoff nutzen lassen – eine dritte Schwimm-Anlage für Wilhelmshaven sei daher unnötig.

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