Made in Niedersachsen: Floragard

Eine Oldenburger Firma mit grünem Daumen und braunem Grund

Ein grüner Daumen als Geschäftsmodell: Die Oldenburger Firma Floragard verkauft weltweit selbst entwickelte Blumenerden. Im hauseigenen Gewächshaus konkurrieren Weihnachtssterne um das schönste Aussehen.
18.10.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Eine Oldenburger Firma mit grünem Daumen und braunem Grund
Von Felix Wendler
Eine Oldenburger Firma mit grünem Daumen und braunem Grund

Ulrich von Glahn, Geschäftsführer von Floragard überprüft im hauseigenen Gewächshaus einen Weihnachtsstern. Hier testet die Firma nicht nur eigene Pflanzenerden, sondern auch die Produkte der Konkurrenz.

Floragard

Temperatur, Luftfeuchtigkeit, Geruch – das alles passt so überhaupt nicht zu einem Oktobertag im Oldenburger Industriegebiet. Im Gewächshaus der Firma Floragard hat der Jahreskalender keine Bedeutung. Es ist warm, angenehm warm, und riecht nach feuchter Erde. Die dominierenden Farben sind Grün und Braun. Auf einem Tisch stehen in langen Reihen Pflanzen dicht an dicht. Es sind ausschließlich Weihnachtssterne, die auf den ersten Blick alle gleich aussehen. Wer genauer hinschaut, erkennt die Unterschiede.

Manche sind deutlich größer als ihre Pendants in der Nachbarreihe, andere haben nur etwas größere Blätter, wieder andere sind dunkler gefärbt. Herauszufinden, wie die Pflanzen am besten wachsen, ist das Ziel dieser Testanordnung im Gewächshaus. Zufrieden ist Floragard-Geschäftsführer Ulrich von Glahn, wenn die Beschriftung an der Reihe mit den besonders großen Weihnachtssternen verrät, dass es sich bei der verwendeten Erde um ein Hausprodukt handelt. „Dann haben wir alles richtig gemacht“, sagt von Glahn.

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Erden und Substrate (Mischung aus Erden und anderen Stoffen) bilden heute das Kerngeschäft der Firma Floragard. Ihren Ursprung hat die Firma im Jahr 1919, als verschiedene Torfwerke aus ganz Deutschland den Torfstreuverband gründeten. Ziel war es, den Absatz von Torf gezielt zu fördern. 1929 entstand daraus der Markenname Floratorf. „Torf wurde damals ganz anders eingesetzt als heute“, sagt von Glahn. Anfänglich diente das Produkt vor allem als Einstreu in Ställen. Auch als Heizmaterial spielte Torf, das sich in den Mooren aus vermoderten Pflanzenresten bildet, lange eine wichtige Rolle.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gewann der Eigenanbau von Kartoffeln, Obst und Gemüse an Bedeutung. Als Bodenverbesserer sei auch der Floratorf besonders bei Schrebergärten-Vereinen beliebt gewesen, heißt es in einer Firmenchronik. „Die Prioritäten waren damals pragmatischer Natur. An Erden und Substrate für Zierpflanzen im Privatbereich war noch nicht zu denken. Das kam erst in den 1960er-Jahren richtig auf“, sagt von Glahn. 1946 zog die Firma von Berlin nach Oldenburg, seit 1987 trägt sie ihren heutigen Namen.

Export in 85 Länder

Seitdem hat sich viel getan. Floragard bedient mit seinen Produkten sowohl Hobbygärtner als auch professionelle Gartenbauer. „Das Verhältnis ist ungefähr 50/50“, sagt von Glahn. Bei der Aufzucht von Jungpflanzen kämen die Erden und Substrate des Unternehmens weltweit zum Einsatz. Schon in den 1950er-Jahren begann die Firma, sich auch im europäischen Ausland zu vermarkten. Heute exportiert Floragard seine Produkte eigenen Angaben zufolge in 85 Länder, hat für die jeweiligen Regionen eigene Vertriebsleiter. 100 Angestellte arbeiten aktuell für das Unternehmen. Wenn es ein Thema gibt, das in der hundertjährigen Firmengeschichte nicht an Bedeutung verloren hat, dann ist es Torf.

„Der Torfabbau ist mittlerweile zum Politikum geworden“, sagt Ulrich von Glahn. Torf sei ein wesentlicher Bestandteil der meisten Substrate, weil in seinen Eigenschaften einzigartig, billig und auf fast alle Pflanzen einstellbar. Das Problem: Der Abbau setzt CO2 frei, Klimaschützer bemängeln zudem eine Zerstörung der Moore. Ulrich von Glahn hält dagegen. Er sagt, nur ein verschwindend geringer Anteil des CO2-Ausstoßes stamme hierzulande vom Torfabbau. Außerdem ließen sich die Moore nach dem Abbau wieder bewässern und renaturieren. „An diesen Maßnahmen beteiligen wir uns“, sagt von Glahn.

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Alternativen zum Torf gebe es durchaus, die aber alle bestimmte Schwächen hätten: Kokosfasern seien nicht regional, Kompost habe zu viel Nitrat, in der Biotonne gebe es Fremdstoffe und bei der Herstellung von Holzfasern werde Stickstoff gebunden. Trotzdem habe Floragard die Torfanteile in seinen Produkten reduziert und wolle das in Zukunft noch stärker tun. „Wir gehen diesen Weg mit“, sagt von Glahn. Schon seit mehreren Jahren vertreibt Floragard auch komplett torffreie Erden. Das bedeute aber auch, dass sich Verbraucher auf höhere Preise und mehr Aufwand bei der Pflege einstellen müssten, sagt von Glahn.

Zusammenarbeit mit Youtubern

Jene privaten Verbraucher haben das Corona-Jahr 2020 für Floragard zum Erfolg gemacht. „Wir haben vor allem im Hobbybereich deutliche Zuwächse“, sagt Marketingleiter Christian Mauke. Seit drei Jahren baut Floragard den Onlinehandel aus, arbeitet für die Vermarktung unter anderem mit Youtubern zusammen. Der Garten habe in Zeiten der Pandemie an Bedeutung gewonnen, sagt Mauke. „Aber der Trend war auch schon vorher erkennbar. Es gibt immer mehr Selbstversorger, die Bedarf an Erden haben.“ Viel experimentiert habe man deshalb in den vergangenen Jahren – und sich dabei manchmal selbst überrascht. „Wir haben eine vegane Erde entwickelt, die viel besser verkauft wird als gedacht“, sagt Mauke.

Experimentieren ist ohnehin ein wichtiger Bestandteil der täglichen Arbeit in der Oldenburger Firmenzentrale. Im Labor tüfteln Chemiker und Biologen an neuen Zusammensetzungen, im Gewächshaus gibt es dann die Praxisprobe – auch Konkurrenzprodukte werden zum Vergleich getestet. „Manchmal simulieren wir auch Extremsituationen wie Hitze oder sehr viel Regen“, sagt Geschäftsführer von Glahn. Er nimmt einen der größeren Weihnachtssterne aus dem Topf und zeigt auf die feinen weißen Wurzeln. „Sehr dicht und bis zum Boden. So muss das aussehen.“

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