Seminar für Angestellte und Selbstständige

Wo das Pferd zum Coach wird

Ritterhude. Wie wirke ich im Berufsleben auf andere? Und wie errreiche ich höhere berufliche Zufriedenheit. Ein ungewöhnliches Coaching-Programm versucht, den Teilnehmern mithilfe von Pferden Antworten zu vermitteln.
23.09.2012, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Wo das Pferd zum Coach wird
Von Elina Hoepken
Wo das Pferd zum Coach wird

Seminarteiolnehmer Jan Nieuwkamer versucht, das Pferd über eine weiße PLane zu bewegen - kein leichtes Unterfangen.

Hans-Henning Hasselberg

Ritterhude. Wie wirke ich im Berufsleben auf andere? Wie schaffe ich es, meine Interessen besser durchzusetzen, aber auch Grenzen zu ziehen? Und wie erreiche ich höhere berufliche Zufriedenheit? Mit unterschiedlichsten Coaching-Programmen können Berufstätige genau diese Fragen beantworten. Eines davon ist das Training mit Pferden.

Doch anders als die meisten Programme, richtet sich dieses Coaching nicht nur an Führungskräfte. Erstmalig wird es auch für Selbstständige und Angestellte angeboten.

Etwas bockig steht Trille vor der weißen Plane. So ganz scheint ihr nicht einzuleuchten, warum sie jetzt darüber laufen soll. Und der hellbeige Norweger hat einen starken Willen. Da hilft auch kein Zurren und Zerren am Strick und kein gutes Zureden. Anke Roecke kriegt das Pferd keinen Zentimeter mehr bewegt. "Lass sie die Plane erst einmal beschnuppern und lass ihr etwas Zeit", ruft ihr Karin Rathje vom anderen Ende der Reithalle zu. Immer direkt, immer alles sofort, so ist Anke Roecke auch in ihrem Job als Assistentin bei den Stadtwerken. Das ist nicht immer von Vorteil. Durch das Pferdecoaching will sie nun herausfinden, wie ihre direkte Art auf ihre Kollegen wirkt, und Trille gibt ihr davon schon einmal einen guten ersten Eindruck.

"Pferde sind für ein solches Training der ideale Partner", sagt Karin Rathje, die das Seminar unter anderem auf einem Reiterhof in Ritterhude anbietet. "Sie sind wie ein Spiegel, der die eigenen Verhaltensweisen reproduziert. Und sie haben eine sehr sensible Wahrnehmung." Erstmalig bietet die Unternehmensberaterin und Teamtrainerin ein solches pferdegestütztes Training nicht nur für Manager, sondern auch für Selbstständige und Angestellte an.

"Hier kann jeder seine eigene berufliche Situation reflektieren und in dem Verhalten der Pferde eine Lösung für mögliche Probleme finden." Und diese seien eben nicht nur in Führungspositionen vielfältig. Von den acht Neugierigen, die heute an dem Pferdecoaching teilnehmen, hat jeder seine eigene kleine Baustelle: Stress mit einem Kollegen, Arbeitsverweigerung der Mitarbeiter oder einfach das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden. Die Pferde wissen auf alles eine Antwort, sagt zumindest Karin Rathje.

Momentan sieht Anke Roecke allerdings noch etwas ratlos aus. Trille will ihre Hufe einfach nicht auf die Plane setzen. Dabei wurde sie doch zu Beginn des Seminars als Trainingspartnerin angekündigt, die alles mit sich machen lässt. Anders als ihre beiden Hannoveraner-Kollegen Lucky und Weltana, die heute ebenfalls als Coaches mitarbeiten. "Die beiden haben schon ihren eigenen Kopf und einen starken Willen." Aber auch bei den Pferden lässt sich offensichtlich nichts genau vorhersagen. Denn schließlich ist ihr Verhalten immer auch eine Reaktion auf den Menschen.

Nachdem Trille die Chance bekommen hat, die Plane eingehend zu beschnuppern und mit ihren Nüstern zu begutachten, steigen die Hufe ganz vorsichtig über die weiße Plastikfolie. Ganz langsam, Schritt für Schritt, fast so, als ob sie über einen zugefrorenen See laufen müsste. Nach vier bis fünf Schritten haben sie und Roecke es hinter sich. Diese Hürde wäre schon einmal geschafft. "Ich habe gelernt, dass ich, auch im Job, immer gucken muss, wen ich vor mir habe und mich speziell auf ihn einstellen muss", sagt Anke später am Ende des vierstündigen Seminars. "Schließlich kommt nicht jeder mit einer forschen und direkten Art klar."

In der anderen Ecke der Reithalle hat Jan Nieuwkamer, ein weiterer Teilnehmer, sich inzwischen an den 15 Jahre alten Hannoveraner Weltana gewagt. Nieuwkamer arbeitet in der IT-Branche und will versuchen, mit dem Pferdetraining das Verhältnis und die Kommunikation zu einer seiner Kolleginnen zu verbessern. Zumindest indirekt. Direkt versucht er gerade, Weltana davon zu überzeugen, vor einen großen Gummiball zu treten. "Mit dem Pferdetraining kann man so ziemlich jedes Problem abbilden, das man im Arbeitsalltag haben kann", sagt Rathje. "Ich hatte schon Kunden, die Probleme mit dem Smalltalk oder auch einfach nur mit der Ordnung hatten, und auch da hat das Training geholfen." Nieuwkamer versucht es auf die spielerische Tour. Immer wieder wirft er den großen pinken Gummiball vor die Hufe des großen Pferdes. Weltana aber scheint nicht in Spielstimmung zu sein. Im Gegenteil: Störrisch weicht sie zurück und legt die braunen Ohren nach hinten. Doch der ehrgeizige IT-Berater versucht es immer wieder. "Man muss auch mal ein Nein akzeptieren können", rät ihm da die Seminarleiterin. "Das selbe gilt vielleicht auch für den Umgang mit deiner Kollegin."

Immer die Ziele im Kopf haben

Bei der Interpretation der "Sprache der Pferde" hat Rathje mittlerweile langjährige Erfahrung. Bereits seit sechs Jahren bietet sie Führungskräftetrainings an. Mal mit Pferden, mal ohne. "Das Training mit Pferden ist ein ganz anderes als beispielsweise das im Hochseilgarten." Während man beim Klettern lediglich mit seinen Ängsten konfrontiert werde und den Teamgeist stärken könne, habe man beim Pferdetraining viel mehr Möglichkeiten.

"Im Grunde können wir jedes Thema in der Reithalle darstellen und immer einen anderen Fokus setzen." Wichtig sei nur, dass man bei den jeweiligen Übungen immer die eigenen Zielsetzungen im Kopf habe. Und dann geht es mit den Pferden am Strick über Plastikplanen, im Trab durch einen Slalomparcours oder über mehrere Balken.

"Wie schaffe ich es, dass ich in meinem Job trotz meines Alters ernst genommen werde?": Das ist die Frage, die Rebecca Kähler im Kopf hat, während sie mit Weltana den Parcours abläuft. Die 20-Jährige arbeitet in einer Werbeagentur und reitet schon seit ihrem sechsten Lebensjahr. Gewohnt gekonnt ist daher auch der Umgang mit den großen Tieren. Entspannt läuft das Pferd am Strick neben ihr her. Zu entspannt, wenn es nach der Trainerin geht. "Die Werbebranche ist eine schnelllebige Branche, da musst du selbst auch etwas Geschwindigkeit aufnehmen", sagt sie ihr hinterher. "Richte dich nicht zu sehr nach dem langsamen Tempo, sondern traue dir ruhig mehr zu und gib selbst das Tempo vor." Gesagt, getan: Deutlich schneller läuft Rebecca jetzt mit Weltana an ihrer Seite über die zwei Holzbalken. Und auch jetzt bleiben beide Stangen liegen: Ein Erfolgserlebnis für beide Coachingpartner..

"Wir können von dem Verhalten der Tiere viel für unseren beruflichen Alltag lernen", sagt Rathje. Nicht umsonst gebe es gerade im Job viele Redewendungen, die ihren Ursprung bei den Pferden hätten. Also, wenn der Chef seine Mitarbeiter mal wieder zu hart an die Kandare nimmt oder auch die Zügel zu sehr schleifen lässt, wenn es Probleme gibt, die Kollegen auf Trab zu halten oder sie zu häufig über die Stränge schlagen, können Lucky, Trille und Weltana vielleicht weiterhelfen.

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