Landwirte im Raum Wietzendorf alarmiert

Wölfe reißen Rinder

Nun also doch – der Wolf reißt vermehrt auch Rinder. Weil innerhalb eines Jahres drei Kälber im Raum Wietzendorf vom Wolf getötet wurden, will das Land Niedersachsen Nutztierhalter jetzt beim Herdenschutz unterstützen.
01.09.2016, 00:00
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Wölfe reißen Rinder
Von Silke Looden
Wölfe reißen Rinder

In der Dämmerung steigt die Gefahr von Nutztierrissen durch den Wolf.

dpa

Nun also doch – der Wolf reißt vermehrt auch Rinder. Weil innerhalb eines Jahres drei Kälber im Raum Wietzendorf vom Wolf getötet wurden, will das Land Niedersachsen Nutztierhalter jetzt beim Herdenschutz unterstützen.

Nun also doch – der Wolf reißt vermehrt auch Rinder. Weil innerhalb eines Jahres drei Kälber im Raum Wietzendorf (Landkreis Heidekreis) nachweislich vom Wolf getötet wurden, will das Land Niedersachsen die Nutztierhalter in einem Umkreis von 30 Kilometern um das Dorf in der Lüneburger Heide nun aktiv beim Herdenschutz unterstützen. Der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) hatte am Mittwoch zu einem Informationsabend nach Fallingbostel geladen. Das Interesse war so groß, dass die Veranstaltung vom Kreishaus ins Kurhaus verlegt werden musste.

„Auch wenn die Weidehaltung von Kälbern nur noch selten vorkommt, müssen wir die Tiere schützen“, erklärt NLWKN-Sprecherin Herma Heyken. So sieht die „Richtlinie Wolf“ des Landes Niedersachsen vor, dass neben Haltern von Schafen und Ziegen auch Rinderhalter bei Präventionsmaßnahmen unterstützt werden, wenn sich Wolfsrisse in einem bestimmten Gebiet häufen.

Heyken warnt vor Hysterie: „Ein Wolf wird sich nicht an einem ausgewachsenen Rind verbeißen, aber eben an einem Kalb.“ Nachweislich wurden Kälber nicht nur in der Lüneburger Heide, sondern auch im Landkreis Cuxhaven gerissen – zuletzt im April im Cuxhavener Stadtteil Arensch. Zwei weitere Risse von Jungrindern im Landkreis Cuxhaven vom Juli und August werden derzeit noch im Institut Senckenberg untersucht.

?Land ersetzt Wert der verlorenen Nutztiere

In Fallingbostel ging es vor allem um die Unterstützung für die betroffenen Nutztierhalter im Raum Wietzendorf. Barbara Hoinkhaus und Jana Sprenger vom Wolfsbüro des NLWKN erklärten den 74 Teilnehmern im Saal, dass sie den Wert der durch den Wolf verlorenen Nutztiere vom Land ersetzt bekommen, maximal jedoch 5000 Euro pro Tier. Tierarztkosten oder Tierkörperbeseitigung würden zu 80 Prozent übernommen. Gefördert werde auch die Anschaffung von Herdenschutzzäunen oder Hütehunden mit maximal 15.000 Euro in drei Jahren.

Die Expertinnen empfahlen den Bauern einen mindestens 90 Zentimeter hohen Elektrozaun. Vielfach wird auch ein Flatterband, das den Wolf am Überspringen des Zaunes hindern soll, eingesetzt. Erfahrungen mit Herdenschutzhunden für Rinder gibt es hingegen kaum. In der Lausitz, wo der Wolf schon seit Längerem wieder heimisch ist, läuft derzeit ein Versuch des Freundeskreises freilebender Wölfe. Dabei zeigt sich, dass Rinder sich nur schwer an Hütehunde gewöhnen.

Nach Angaben der Landesjägerschaft in Hannover gibt es inzwischen neun Wolfsrudel in Niedersachsen, eines davon im Raum Wietzendorf. Das Wildtiermanagement geht von mindestens 80 Wölfen in Niedersachsen aus. Die Tiere sind nach dem Washingtoner Artenschutzabkommen streng geschützt in Europa, sodass ein Abschuss nur dann in Frage kommt, wenn ein Wolf sich auffällig verhält. So hatte Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel (Grüne) einen „Kurti“ genannten Wolf vom Truppenübungsplatz Munster im April erschießen lassen, weil das Raubtier offenbar seine natürliche Scheu vor dem Menschen verloren hatte.

Schutzstatus des Wolfes soll fallen

„Unzureichend geschützte Nutztiere sind für Wölfe eine Einladung“, sagt die Sprecherin der Arbeitsgruppe Wolf des Naturschutzbundes (Nabu), Katharina Weinberg. Die Artenschützer veranstalten ihrerseits eine Tagung zum Thema „Herdenschutz 2.0“ am 1. Oktober in Meißendorf bei Winsen an der Aller. Nabu-Pressesprecher Philip Foth wirbt für einen „entspannteren Umgang mit dem Wolf“, räumt aber ein: „Einen hundertprozentigen Schutz vor Wolfsübergriffen gibt es nicht.“

Unterdessen entdecken Politiker in den Wolfsregionen das Thema für den Kommunalwahlkampf. Die CDU in Kirchlinteln (Landkreis Verden) etwa initiierte eine Unterschriftensammlung. Ziel: Der Schutzstatus des Wolfes soll fallen. Zuvor hatte bereits der Kreislandvolkverband vor einem Ende der Muttertierhaltung auf der Weide gewarnt, wenn dem Wolf nicht Einhalt geboten werde.

Viele Wolfsrisse wurden amtlich nicht bestätigt

Bauern aus dem Raum Wietzendorf berichteten in der Fachzeitschrift „Land & Forst“ von verstörten Muttertieren, die sich schützend vor ihre Kälber stellen. Angeblich hätte der Wolf teils wöchentlich Jungtiere gerissen. Die Wolfsrisse wurden jedoch bis auf die genannten drei Fälle nicht amtlich bestätigt.

Derweil prallen die Meinungen von Wolfsbefürwortern und Gegnern in den Dörfern aufeinander. So seien inzwischen nicht nur die Tiere, sondern auch die Menschen verstört, berichtete ein Landwirt aus Wietzendorf, der seinen Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will.

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