Jagdrecht

Wolf vor dem Abschuss

Die Rückkehr der Wölfe nach Niedersachsen polarisiert: Sehen die einen darin eine Erholung der Natur, warnen andere vor einer blutrünstigen Gefahr für Menschen und Nutztiere. Die Regierung sucht den Mittelweg.
12.11.2020, 05:00
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Wolf vor dem Abschuss
Von Peter Mlodoch
Wolf vor dem Abschuss

Die Landesregierung möchte den Wolf zum Abschuss freigeben.

Sina Schuldt/DPA

Hannover. Ein Allheilmittel gegen die zunehmenden Risse von Schafen, Kühen und Pferden ist die Aufnahme des Wolfes in das Jagdrecht keineswegs. In diesem Punkt waren die Redner aller Fraktionen am Mittwoch im Landtag einig. „Das ist nur ein Baustein“, gab Umweltminister Olaf Lies (SPD) unumwunden zu. Denn den strengen Schutzstatus des lange Zeit vom Aussterben bedrohten Raubtieres kann ein solcher Gesetzesakt auf Landesebene nicht aushebeln. Es gelten die klaren Vorgaben der Europäischen Union und des deutschen Bundesnaturschutzgesetzes. Und daraus wiederum folgt eine ganzjährige Schonzeit – ähnlich, wie es derzeit schon bei Seehunden und Luchsen der Fall ist. „Ihr Vorstoß ist reine Augenwischerei“, schimpfte der Grünen-Abgeordnete Christian Meyer.

Dennoch will Niedersachsens große Koalition aus SPD und CDU, unterstützt von der FDP, den Wolf nun ins Landesjagdgesetz schreiben. Es sei wichtiges Signal, dem weitere Schritte nun folgen müssten, forderte der CDU-Abgeordnete Frank Schmädeke, dessen Wahlkreis Nienburg-Nord besonders von Wolfs-Angriffen auf Weidetiere betroffen ist. Bei ihm im heimischen Lichtenmoor sei es bereits zu spät. „Dort ist nicht mehr viel übrig, was noch gerissen werden könnte“, beklagte der promovierte Agrar-Ingenieur. „Wir müssen anderen Regionen dieses Schicksal ersparen.“

Das Zauberwort für den nächsten Schritt heißt „günstiger Erhaltungszustand“. Es beschreibt die Mindestgröße einer Population, die für einen Zeitraum von 100 Jahren sicherstellen soll, dass die Wölfe nicht mehr vom Aussterben bedroht sind. Frankreich hat eine Untergrenze von 500 Tieren festgelegt, Schweden von 300.

Liegen die Zahlen darüber und kommt es zu Problemen mit Nutztieren, dürfen Wölfe entnommen, also getötet werden. In Schweden und im Baltikum sind solche Schutzjagden üblich – allerdings gegen den Widerstand der EU-Kommission. Rot-Schwarz in Niedersachsen will so einen Richtwert auch im Land einführen, braucht dazu aber den Bund.

Derzeit leben zwischen Nordsee und Harz 35 Rudel und zwei Einzelpaare. 2017 waren es nur zehn Rudel. Die Zahl der getöteten Weidetiere geben deren Halter mit mittlerweile 1000 pro Jahr an. Viele Angriffe würden aber auch gar nicht mehr gemeldet, erklärte der FDP-Abgeordnete Hermann Gruppe, dessen Fraktion schon seit Jahren die Aufnahme ins Jagdrecht fordert. „Wenn wir nichts tun, haben wir im nächsten Jahr 500 Wölfe“, rechnete der Landwirt aus dem Weserbergland vor. Man müsse mindestens 120 Tiere töten, um die Weidetierhaltung zu retten.

Genossen und Christdemokraten sehen den gesteuerten Abschuss mittlerweile ebenfalls als unausweichlich an. Passiver Schutz von Schafen und Pferden sei längst nicht mehr ausreichend. „Die Idee mit immer höheren wolfsabweisenden Zäunen ist ein Holzweg“, meinte CDU-Mann Schmädeke. „Die Erfahrung zeigt: Die Wölfe wachsen an dieser Aufgabe und werden die Zäune irgendwann überwinden.“ Niemand wolle des Wolf ausrotten, versicherte Umweltminister Lies. Es gehe darum, bei Konflikten schnell handeln zu können.

Dazu soll auch die neue Wolfsverordnung dienen, die der SPD-Ressortchef am Montag dem rot-schwarzen Kabinett präsentiert hatte und die demnächst in Kraft treten soll. Sie regelt detailliert den Umgang mit Problemwölfen - von der Vertreibung ohne Hilfsmittel über die die schmerzhafte Vergrämung bis hin zur finalen Entnahme. Ein Erschießen ist danach nicht nur bei gefährlichen Annäherungen an Menschen, sondern auch zur „Vermeidung ernster wirtschaftlicher Schäden“ möglich, wenn ein Wolf zuvor Herdenschutzmaßnahmen überwunden hat. Die Attacken müssen dazu nicht mehr einem einzelnen Tier genetisch zugeordnet werden. Man kann auch mehrere Tiere nacheinander entnehmen, bis die Übergriffe aufhören.

Für jede Entnahme ist ein Antrag erforderlich. Bisher sind alle erteilten Ausnahmegenehmigungen in der Amtszeit von Umweltminister Lies erfolglos geblieben – entweder, weil Gerichte sie verworfen haben oder die Problemwölfe einfach nicht mehr auffindbar waren.

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