Zwei Studenten haben vor 60 Jahren die Insel besetzt / Erfolgreicher Protest gegen Dauerbombardement Ziviler Ungehorsam rettete Helgoland

Helgoland. Am 20. Dezember 1950 besetzten zwei Heidelberger Studenten Helgoland. Ihre medienwirksame Aktion läutete nicht nur das Ende der britischen Munitionstests auf der völlig zerstörten Insel ein. Sie war auch der erste Akt zivilen Ungehorsams in der jungen Bundesrepublik und steht damit in direkter Linie bis zu den Protesten gegen "Stuttgart 21". Das Museum Helgoland erinnert mit einer Ausstellung an die mutige Tat.
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Von Martin Wein

Helgoland. Am 20. Dezember 1950 besetzten zwei Heidelberger Studenten Helgoland. Ihre medienwirksame Aktion läutete nicht nur das Ende der britischen Munitionstests auf der völlig zerstörten Insel ein. Sie war auch der erste Akt zivilen Ungehorsams in der jungen Bundesrepublik und steht damit in direkter Linie bis zu den Protesten gegen "Stuttgart 21". Das Museum Helgoland erinnert mit einer Ausstellung an die mutige Tat.

Es dämmert bereits, als René Leudesdorff und Georg von Hatzfeld den alten Flakturm auf Helgoland erreichen. Durch Bombentrichter und über Schutthügel haben sie sich dorthin einen Weg gesucht an diesem 20. Dezember 1950. Mit klammen Fingern fischen sie in den Kriegstrümmern der zerstörten Insel nach einem brauchbaren Fahnenmast. Sie finden nur ein Leitungsrohr. Gemeinsam mit einem Journalisten der "Abendpost" aus Frankfurt am Main - der einzigen bundesweiten Boulevardzeitung damals - knoten die zwei Studenten aus Heidelberg die Flagge der Europäischen Bewegung, die deutsche Fahne und die grün-rot-weiße Inselflagge daran. Binnen Minuten sind die Tücher bretthart gefroren. Das Foto im Schneetreiben wirkt wenig imposant. Dennoch: Helgoland, die von britischen Streitkräften okkupierte deutsche Hochseeinsel in der Nordsee, ist hiermit von Zivilisten besetzt. Am selben Tag noch trägt die "Abendpost" die Meldung in alle Welt.

"Es war schon ein Wunder, dass wir die Insel überhaupt erreicht haben", staunt Réne Leudesdorff genau 60 Jahre später. In Cuxhaven hatten die Studenten sich damals auf einem alten Kutter eingeschifft, um gegen die britischen Bombentests zu protestieren und für ein Rückkehrrecht der Insulaner. Doch der Schiffsmotor streikte. So musste die Besatzung erst Pressluftflaschen holen zum Anlassen der Maschine. Auf hoher See, bei Windstärke 7, fiel der Motor dann erneut aus. Das überfrorene Deck war spiegelglatt, die Mägen der Demonstranten und Pressevertreter aufgewühlt. Als das Häuflein Elend dann um 15 Uhr auf die Pier in Helgoland kletterte, liefen sie britischen Luftwaffenoffizieren in die Arme, die die Insel vor künftigen Luftangriffen inspizierten.

"Wir sahen uns schon festgenommen. Aber dann gab ich uns als Journalisten aus. Da ließen sie uns ziehen, warnten aber vor möglichen Angriffen in der Nacht", erinnert Leudesdorff. Auf einem dünnen Bett aus Stroh, das Schrottsammler im Flakturm hinterlassen hatten, dem letzten intakten Gebäude der Insel, legten sich die Studenten nachts unruhig hin. "Es wurde die kälteste Nacht meines Lebens", sagt Leudesdorff. Die Fischer hatten ihnen nur je eine Wolldecke mitgegeben. Verzweifelt wickelten die jungen Männer sich in die Flaggen ein, um nicht zu erfrieren. Um ihren Bericht abzusetzen, kehrten die Reporter der "Abendpost" dagegen mit dem Kutter aufs Festland zurück. Auf dem Weg nach Hamburg hatten sie jedoch einen schweren Unfall. Noch auf dem Operationstisch soll einer der Journalisten am Telefon den Kollegen die Geschichte diktiert haben.

Das Unglück, das zu diesem Tag führte, hatte seinen Lauf genommen, kaum dass das Deutsche Reich Helgoland 1890 gegen Sansibar getauscht hatte. Eine zentrale Inselfestung sollte entstehen. Die Nationalsozialisten trieben die Idee in absurde Dimensionen. Im Projekt "Hummerschere" sollte die Insel um das Vierfache verlängert werden, die vorgelagerte Düne um das Zehnfache. Geplant war ein zentraler Flottenhafen als Gegengewicht zum britischen Stützpunkt Scapa Flow auf den schottischen Orkney-Inseln. Zudem wurde die Insel komplett untertunnelt. 13,8 Kilometer Bunkerstollen zogen sich bei Kriegsende durch den Fels. "Nur wer vom Germanischen Weltreich träumt, kann sich so etwas ausdenken", sagt Inselhistoriker Jörg Andres heute kopfschüttelnd.

Zwar wurden die Arbeiten schon 1941 eingestellt. Nur die Betonmole unterhalb der Langen Anna zeugt noch davon. Doch die Insel bekam eine Quittung für den Größenwahn. Immer wieder eilten die Helgoländer im Zweiten Weltkrieg über die Paniktreppen in die Tiefe ihrer Bunker. An-dres erklärt: "Die Flieger mussten damals vor der Landung alle Fracht abwerfen. Bevor sie ihre letzten Bomben ins Meer fallen ließen, warfen sie sie lieber über Helgoland ab." Drei Wochen vor Kriegsende beschloss die britische Luftwaffe dann, die Insel unbewohnbar zu schießen. 981 Flugzeuge flogen den Angriff vom 18. April 1945, fast doppelt so viele wie beim großen Angriff auf Dresden. Jedes Haus wurde zerstört, aber dank der Bunker starben im ganzen Krieg auf Helgoland nur 128 Menschen. Am Tag darauf wurden die Überlebenden evakuiert, ohne dass sie ihre Häuser nochmals betreten durften, unter anderem auf dem Schiff "Kehrwieder".

Der Hoffnung darauf setzten die Briten auf den Tag genau zwei Jahre später den gewaltigen "Big Bang" entgegen, die größte nichtnukleare Sprengung der Geschichte. Rund 4000 Torpedoköpfe, 9000 Wasserbomben und mehr als 91000 Handgranaten gingen an diesem Tag hoch. "Hatzfeld erinnerte Helgoland an den Jüngsten Tag. Ich sagte, es sei wie nach den Schlachten bei Verdun und Stalingrad zusammen", fasst Leudesdorff seine Eindrücke zusammen.

Dennoch wollten die Insulaner zurück auf ihr ganz besonderes Land. Und in der jungen Bundesrepublik gab es viel Sympathie für sie. "Eine ganze Polizeikompanie soff sich dienstuntauglich, als sie uns am 31. Dezember von der Insel holen sollte", freut der Aktivist von damals sich noch heute. Schiffe waren plötzlich nicht fahrtüchtig, Zöllner schauten weg. Nur Journalisten kamen auf die Insel, darunter Jochen Blume. Am 22. Dezember stellte er für die Deutsche Presseagentur noch einmal das berühmt gewordene Foto vom Hissen der Flagge. Als die Besetzer am 3. Januar schließlich doch gehen mussten, standen die Polizisten, die sie abholen sollten, an der Mole für sie Spalier.

Die jungen Vereinten Nationen und das britische Unterhaus griffen die Aktion auf. Leudesdorff ist sicher: "In England hatte man große Angst vor einer neuerlichen Besetzung. Spätestens in den Semesterferien wären wir zurückgekommen." Am 21. Februar 1951 beschloss England die Rückgabe Helgolands an die Bundesrepublik. Nach einem Jahr weiterer Bombenabwürfe räumten die Briten die Insel schließlich zum 1. März 1952.

Jörg Andres hat in einer Sonderausstellung im Inselmuseum Fotos, Zeitungsberichte, den 60 Jahre alten graublauen Pullover von René Leudesdorff und den handschriftlichen Räumungsbefehl vom 3. Januar 1951 zusammengetragen. Doch die Folgen der abenteuerlichen Aktion reichen viel weiter. "Zivilen Ungehorsam gab es bis dahin nicht. Wir fühlten uns in der Tradition von Jesus und Mahatma Gandhi und wurden die Wegbereiter friedlichen Protestes von der Studentenbewegung über die Proteste in Gorleben bis zum Schlossgarten in Stuttgart", freut sich Leudesdorff. Später wurde er Pastor. Sein Kompagnon Georg von Hatzfeld wurde Politiker und Verleger. Er starb 2000 in Bad Godesberg.

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