Palliativ-Stationen Zu Hause - bis zum Ende

Wer zu Hause sterben möchte, muss sich frühzeitig um eine optimale Pflege kümmern. Palliativstationen, wie es sie in Sulingen und Rotenburg gibt, helfen dabei.
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Zu Hause - bis zum Ende
Von Jörn Hüttmann

Mitten in der Nacht. Die Schmerzen sind kaum auszuhalten. Der ärztliche Bereitschaftsdienst kann nicht mehr helfen. Es bleibt nur das Krankenhaus – eine Horrorvorstellung für viele Krebspatienten im Endstadium. Sie wollen Zuhause sterben. Dabei brauchen Patienten und Angehörige eine ganzheitliche Betreuung. Eine Aufgabe, die in den Landkreisen Diepholz, Verden und Rotenburg von speziellen Palliativstützpunkten übernommen wird.

„Man muss sich früh genug darüber informieren, was im schlimmsten Fall passieren kann“, sagt Erika Thoben von Palliativstützpunkt in Sulingen, der unheilbar kranke Menschen im Landkreis Diepholz auf ihrem letzten Weg begleitet. „Es geht auch um Wahrheit. Viele scheuen sich, das Thema anzusprechen“, sagt Thoben. „Die Leute denken: Palliativ ist fast tot, und im Hospiz, da ist man ganz tot.“

Die Diagnose „Austherapiert“ heißt aber noch nicht, dass die Menschen sofort sterben. „Der Tot ist ein sehr unzuverlässiger Partner“, sagt Annette Ehmer-Schulte, die den Palliativstützpunkt in Rotenburg koordiniert. Bei einigen Patienten geht es schnell, bei anderen dauert es lange. „Und auch wenn nichts mehr zu machen ist, bleibt noch viel zu tun“, sagt Erika Thoben. Schmerzen, Atemnot, Erschöpfung, Depression – all das müssen Patienten und Angehörige bewältigen. Die spezialisierte ambulante Palliativversorgung, kurz SAPV, hilft dabei – ganzheitlich, mit Ärzten, Pflegern, Seelsorge und Gesprächsangeboten. Ziel ist es, die Beschwerden so gut es geht zu lindern. „Zentral ist dabei die Frage, was die Patienten möchten“, erklärt Hans-Joachim Willenbrink, Chefarzt der Palliativstation am Klinikum Links der Weser in Bremen.

Die SAPV wird vom behandelnden Arzt verordnet. „Der muss sagen, dass er den Patienten nicht mehr guten Gewissens allein betreuen kann“, sagt Willenbrink. „Der bürokratische Aufwand ist überschaubar.“ Da in einer alternden Gesellschaft solche Situationen immer häufiger werden, wurde 2007 die gesetzliche Grundlage für die SAPV geschaffen. Sie stellt zusätzliche Mittel für die Pflege bereit. Neben den Patienten sollen die SAPV-Teams auch Krankenhäuser und Hausärzte entlasten, die häufig an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen.

„Wir bieten zusätzliche Hilfe an“, sagt Annette Ehmer-Schulte. „Wir sind keine Konkurrenz zur normalen Pflege.“ Neben der Versorgung durch den behandelnden Arzt und die Pflege, kommen spezielle Palliativ-Mediziner und Pflegekräfte zu den Patienten nach Hause. Die SAPV-Kräfte haben mehr Zeit, sind rund um die Uhr erreichbar und kennen ihre Patienten. Sie können vor Ort Schmerzen und andere Beschwerden lindern, ohne dass ein Notarzt kommen muss – ohne Krankenhaus.

In den Landkreisen Diepholz, Rotenburg und Verden gibt es SAPV-Stützpunkte. „Wir haben unheimlich viel zu tun, von Anfang an“, sagt Erika Thoben. Im Landkreis Diepholz seien seit Gründung des Stützpunktes Anfang 2013 rund 300 Patienten begleitet worden, aktuell sind es rund 50. Der Stützpunkt besteht aus vier aktiven Palliativ-Ärzten, die mit rund 20 spezialisierten SAPV–Pflegekräften zusammenarbeiten. „Die Voraussetzungen für einen Stützpunkt sind sehr hoch“, sagt Thoben. Und dennoch gebe es im Landkreis weiteren Bedarf: „ Wir brauchen vor allem in Stuhr und Wehye mehr Palliativmediziner. Wir würden auch die Ausbildung bezahlen.“

Im Landkreis Osterholz gibt es zwar formell einen Stützpunkt, allerdings ohne ein angeschlossenes SAPV-Team. Der Stützpunkt suche aber derzeit gemeinsam mit Ärzten und Pflegediensten nach Möglichkeiten, ein solches Team einzurichten, sagt Norbert Mathy, Geschäftsführer des Diakonischen Werks in Osterholz-Scharmbeck. „Wir haben hier aber keinen schwarzen Fleck in der Versorgung“, sagt Mathy. „Es gibt viele engagierte Ärzte und Pflegedienste, die die Leute begleiten.“ Jörn Hock aus Lilienthal ist einer von ihnen. Der Anästhesist ist skeptisch, ob der Landkreiseine SAPV-Station bekommen wird. „Damit sich das rechnet, braucht man rund 120.000 Einwohner“, sagt Hock. Rund 10.000 mehr als laut statistischem Landesamt im Landkreis Osterholz leben.

Grundsätzlich werde die Versorgung von Schwerstkranken immer besser, sagt Hans-Joachim Willenbrink. „Es sind aber noch nicht alle Bereiche abgedeckt.“ Das bestätigt auch Annette Ehmer-Schulte. Es fehle an der Unterstützung der Angehörigen, deren Nachtruhe beispielsweise häufig nicht gewährleistet sei. „Und wenn Leute Zuhause sterben wollen, dann müssen Angehörige da sein.

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