Hafen-Leben: Im Duckdalben von Diakon Jan Oltmanns finden ausländische Seeleute ein zweites Zuhause Zum besten Seemannsclub der Welt gewählt

Seit mehr als zwei Jahrzehnten machen im Hamburger Seemannsclub Duckdalben Seeleute fest. Fern der Heimat kümmert sich hier Diakon Jan Oltmanns um sie. Während an den Landungsbrücken die Touristen auf und ab stolzieren, ist Hamburg hier noch echte Hafenstadt und „Tor zur Welt“.
05.10.2013, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Berit Waschatz

Seit mehr als zwei Jahrzehnten machen im Hamburger Seemannsclub Duckdalben Seeleute fest. Fern der Heimat kümmert sich hier Diakon Jan Oltmanns um sie. Während an den Landungsbrücken die Touristen auf und ab stolzieren, ist Hamburg hier noch echte Hafenstadt und „Tor zur Welt“.

Täglich erreichen 500 Seeleute den Hamburger Hafen. Hinter ihnen liegt harte Arbeit. Arbeit neben laut dröhnenden Maschinen, die ungeheure Vibrationen auslösen, Arbeit in engen Räumen auf stetig schwankendem Untergrund. Nach Tagen oder gar Wochen auf See freuen sie sich auf den Landgang. Fern der Heimat bietet ihnen Diakon Jan Oltmanns seit mehr als 25 Jahren im Seemannsclub Duckdalben in Waltershof ein zweites Zuhause.

„Ich habe festgestellt, dass Seeleute besondere Menschen sind, die es verdient haben, dass wir uns um sie kümmern“, sagt er. Abgeschnitten von ihrer Heimat hilft er ihnen, mit den Daheimgebliebenen in Verbindung zu kommen, kümmert sich um die großen und kleinen Sorgen. Wenn etwa ein Seemann aus Versehen die Bankkarte mitgenommen hat und der Liebsten daheim seit Tagen kein Geld schicken konnte, hilft Oltmanns beim Überweisen. Wenn das Gepäck eines Seemanns verloren geht, besorgt Oltmanns neue Kleidung.

Eigentlich wollte der Ostfriese Landwirt werden, Tiere füttern, Ställe ausmisten, Äcker bestellen. Wenn da nicht seine zweite Liebe, die See, gewesen wäre. Er wuchs nur vier Kilometer von der Nordsee entfernt auf. Sein Vater nahm ihn schon als kleinen Jungen mit in die Seemannsmission nach Emden.

Regelmäßig fuhr die Familie mit der Fähre nach Borkum in den Urlaub. „Was mich gereizt hat, war das Exotische, diese fremde Welt“, sagt er. Doch zur See fahren, das konnte sich Oltmanns auch wieder nicht vorstellen. „Als Ostfriese bin ich niemand, der gerne reist“, sagt der 57-Jährige lachend.

Und so fand er einen Kompromiss. Als Zivildienstleistender trat er eine Stelle im Seemannsheim in Altona an. „Ich konnte verreisen, ohne wirklich weg zu müssen.“ Nach seiner Ausbildung arbeitete er zunächst in einer Gemeinde im Hamburger Stadtteil Eimsbüttel. Doch mit 29 Jahren hörte er schließlich den Ruf der Seemannsmission: Oltmanns sollte den Duckdalben im Freihafen leiten.

„Im Grundsatz sehen wir hier viele lachende Gesichter“, sagt Oltmanns. Die Seeleute seien froh, aus ihrer Arbeits- und Lebenswelt Schiff herauszukommen. Sie könnten im Duckdalben endlich wieder sie selbst sein und nicht der „Maschinenbediener“. Im Idealfall sprächen sich die Kameraden untereinander hier auch mit ihrem Namen und nicht mit dem Dienstgrad an. „Ein Schiff ist kein Häuschen im Grünen“, fasst Oltmanns zusammen. Im Duckdalben hingegen können die Seeleute in der Natur sitzen. Hier haben sie alles, was sie brauchen, auf engstem Raum vereint. „Wir sind Kneipe, Spielhalle, Sportplatz, Kirche, Bank, Post, Wechselstube, Internetcafé und Einkaufsshop in einem.“

Durchschnittlich kommen gut 100 Gäste pro Tag aus etwa acht bis 20 Ländern in den Seemannsclub. Seit der Eröffnung vor 27 Jahren besuchten Seeleute aus 165 Ländern den Duckdalben. Die meisten sind Philippinos, dann kommen die Chinesen und die Osteuropäer. Die einstigen Seefahrernationen Portugal oder Spanien hat Oltmanns schon lange nicht mehr in Hamburg gesehen. Die Zeiten für Seeleute seien schwieriger geworden. Die Schiffe blieben nur kurz im Hafen, würden schnellstmöglich gelöscht. Sie seien riesiger, die Besatzung hingegen sei kleiner als früher.

Teilweise grenze das Leben und Arbeiten auf See an Sklaverei, sagt Oltmanns. So sei ein baltischer Seemann drei Monate im Einsatz gewesen und habe pro Nacht nur drei Stunden Schlaf bekommen. Und ein deutscher Reeder habe seiner von Piraten entführten Besatzung die Heuer gestrichen, als sie den Seeräubern in die Hände gefallen sei. Die Seeleute hätten als Geiseln ja schließlich nicht für ihn gearbeitet, lautete die Begründung.

Immer wieder bringen die Seeleute auch traurige Schicksale mit – meist kann Oltmanns ihnen helfen. Einst kam die Besatzung der Ocean Cosmos völlig verstört im Duckdalben an. Das Schiff war in Australien mit einem Wassereinbruch in See gestochen. Auf dem Pazifik sei es immer schlimmer geworden. „Die Maschinisten haben buchstäblich bis zum Hals im Wasser gestanden“, sagt Oltmanns. Die Seeleute hätten mit offenen Augen geschlafen, um jederzeit von Bord flüchten zu können. Als sie im Duckdalben ankamen, seien sie traumatisiert gewesen. Doch Oltmanns Mannschaft hörte den Seeleuten zu und gab ihnen das Gefühl von Sicherheit zurück.

Im Duckdalben hängen überall Rettungsringe. Weltkarten sind an die Wände gepinnt. Mitbringsel aus aller Welt verleihen dem Seemannsclub seine einladende Atmosphäre: Große Segelschiff-Modelle, Tücher, traditionelle Kleidung, Poster. Billardtische, eine Dartscheibe, ein Kicker und eine Tischtennisplatte laden zum Spielen ein. Auf einem Online-Bildschirm können die Besucher verfolgen, wo welches Schiff im Hafen liegt.

Die Seeleute sind sich jedenfalls in ihrem Urteil einig: Sie wählten den Duckdalben im Jahr 2011 zum besten Seemannsclub der Welt. Oltmanns ist überzeugt: „Es steht Hamburg gut, als Welthafen einen solchen Seemannsclub zu haben.“

Zum Abschluss unserer Serie Hafen-Leben

stellen wir nächste Woche Klaus-Peter Nitsch vor, der im Rostocker Hafen den Schiffsverkehr überwacht.

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