Für Alten- und Pflegeheime fehlt gesetzliche Regelung / Patientenorganisation fordert Sprinkleranlagen Zweifelhafter Brandschutz

Zwei Bewohnerinnen sind ums Leben gekommen, drei weitere Senioren und zwei Betreuer haben Verletzungen erlitten. Der Brand in einem hannoverschen Altenpflegeheim ist für die Deutsche Stiftung Patientenschutz Anlass, ihre Forderung nach automatischen Löschanlagen für Heime zu erneuern. Sie macht der Geschäftsleitung des betroffenen Hauses einen Vorschlag.
09.09.2014, 00:00
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Zweifelhafter Brandschutz
Von Justus Randt

Zwei Bewohnerinnen sind ums Leben gekommen, drei weitere Senioren und zwei Betreuer haben Verletzungen erlitten. Der Brand in einem hannoverschen Altenpflegeheim ist für die Deutsche Stiftung Patientenschutz Anlass, ihre Forderung nach automatischen Löschanlagen für Heime zu erneuern. Sie macht der Geschäftsleitung des betroffenen Hauses einen Vorschlag.

Eine automatische Brandmeldeanlage hat die Berufsfeuerwehr in Hannover alarmiert: In einem der oberen Geschosse eines Altenpflegeheims mit 52 Bewohnern war ein Brand ausgebrochen. Zwei Frauen starben Ende August, drei weitere Bewohner und zwei Mitarbeiter des Hauses erlitten Verletzungen. „Inzwischen hat die Polizei ermittelt, dass Rauchen die Ursache war“, sagt Angela Fronhoff-Zinke. Die Prokuristin der Dana-Senioreneinrichtungen GmbH.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz mit Sitz in Dortmund hat sich nach dem Brand zu Wort gemeldet und ihre Forderung unterstrichen: In Pflegeheimen sollten automatische Feuerlöscheinrichtungen gesetzlich vorgeschrieben sein – wie es für Lagerhallen längst üblich sei. Bei rund 50 Bränden in Senioren- und Pflegeeinrichtungen kämen pro Jahr bundesweit 20 Menschen ums Leben, 150 würden verletzt, sagt der Sprecher der Stiftung, Alexander Ebert, und verweist auf eigene Erhebungen. Betroffen seien Pflegeheime aller Größen. Insgesamt leben laut Stiftungsstatistik 750 000 Menschen in Pflegeeinrichtungen. „Der überwiegende Teil dieser Menschen ist in seiner Mobilität und Orientierung eingeschränkt und im Ernstfall kaum in der Lage, sich selbst zu retten“, sagt Ebert. „Die Wahrscheinlichkeit, in einem Pflegeheim bei einem Feuer ums Leben zu kommen, ist damit sieben mal höher als an einem anderen Ort.“

Die Stiftung hatte der Dana-Geschäftsleitung angeboten, einen unabhängigen Brandschutzexperten zu bezahlen, der untersuchen sollte, ob es bei dem Feuer auch Tote und Verletzte gegeben hätte, wenn eine Sprinkleranlage installiert gewesen wäre. Die Analyse hätte innerhalb weniger Tage beginnen müssen, „um den Brandhergang möglichst genau rekonstruieren zu können“, steht im Schreiben an die Dana-Geschäftsleitung. Angela Fronhoff-Zinke bleibt zurückhaltend. „Wir prüfen es, im Moment ist das alles aber sehr früh“, sagt sie. „Wir haben insgesamt 17 Häuser, keiner der Brandschutzprüfer hat je eine Sprinkleranlage vorgeschlagen.“ Die Vorkehrungen zum Brandschutz entsprächen den Vorschriften. „Ob die gut sind, sei dahingestellt.“

Aus Sicht der Patientenschutzstiftung zumindest ist die Regelung katastrophal: „Beim vorbeugenden Brandschutz ist Deutschland ein Entwicklungsland.“ Die Stiftung fordert eine Bestandsaufnahme der Brandmeldeanlagen, die – wie auch in Hannover – „automatisch auf die Feuerwehrleitstelle aufgeschaltet“ sind. Zudem müsse jeder Raum in Heimen einen Rauchmelder haben – und Sprinkleranlagen.

Im niedersächsischen Sozialministerium, der obersten Aufsicht der rund 1660 Pflegeheime im Lande (Anzahl im Jahr 2011), geht man davon aus, dass Sprinkleranlagen, wie die Patientenschutzstiftung sie fordert, „als Ergänzung zu Brandmeldern sinnvoll“ seien. Bei dem Brand im Dana-Heim habe es viel Rauch und einen Schwelbrand gegeben. „Da wäre eine Sprinkleranlage womöglich gar nicht losgegangen“, gibt Ministeriumssprecherin Heinke Traeger zu bedenken.

Lutz Döscher, Fachmann für vorbeugenden Brandschutz bei der Berufsfeuerwehr Hannover, erklärt das Problem so: „Sprinkler werden dadurch ausgelöst, dass die Hitze eingebaute Glasampullen bersten lässt.“ Aber die Zeitspanne zwischen der Wahrnehmung des Rauches und dem Ansteigen der Temperatur sei zu groß. „Man hat dann noch drei, vier normale Atemzüge, bis man raus muss. Schwierig, wenn man jenseits der 80 oder behindert ist.“

Die Ergebnisse der Bestandsaufnahme müssten kartiert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, fordert die Stiftung. Brandenburg habe als einziges der 16 Bundesländer eine Brandschutzverordnung für Pflegeheime. In Niedersachsen beispielsweise gelten Pflegeheime laut Bauordnung des Landes als Sonderbau-

ten – an die besondere Anforderungen gestellt werden können, aber nicht müssen.

Für Döschers Feuerwehrkollegen Clemens Hoppe ist es deshalb „schwierig“, das brandschutztechnisch zu bewerten. „Wir überprüfen nur die Bauunterlagen, ob zum Beispiel die Fluchtwege eingehalten werden.“ Döscher stellt klar, dass Bauherren zwar ein Konzept vorlegen müssten, man aber keine Rechtsgrundlage habe, das alles einzufordern. „Das sind in Niedersachsen Maßnahmen ohne Rechtsvorgabe. Eine Brandmeldeanlage, ist schon was“, so Döscher. Zudem müsse genügend Personal da sein, um die Heimbewohner in Sicherheit bringen zu können. „Wichtig ist, dass alle Mitarbeiter in Notfällen richtig reagieren“, ergänzt die Ministeriumssprecherin Heinke Traeger.

Die öffentliche Dokumentation der Ausstattung von Heimen, wie die Stiftung sie fordert, findet auch Lutz Döscher gut. „Der Brandschutz ist bisher nicht bewertbar, dem sollten künftige Bewohner oder ihre Angehörigen mehr Augenmerk widmen“, sagt er. „Man sollte sich die vorhandenen Sicherheitseinrichtungen erklären lassen, statt sich nur zu fragen: Könntest du dich hier wohlfühlen?“ Kommentar Seite 2

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