Essay zum Tag der Arbeit

Die Unsichtbaren

Der Begriff des Arbeiters schillert - vom hochqualifierten Facharbeiter bis zu Malochern. Ihr Anteil an allen Erwerbstätigen geht zurück, der Anteil der Migrantinnen und Migranten ist überproportional.
30.04.2021, 08:38
Lesedauer: 7 Min
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Die Unsichtbaren
Von Silke Hellwig
Die Unsichtbaren

In der Fleischindustrie arbeiten viele Menschen aus Osteuropa. Die Tätigkeit ist körperlich anstrengend.

Bernd Thissen

Adam war gewissermaßen der erste Malocher. Nach dem Sündenfall wird er aus dem Paradies vertrieben. Fortan soll er, so Gott, sich mit Mühsal vom Acker nähren sein Leben lang. „Dornen und Disteln soll er dir tragen, und du sollst das Kraut auf dem Felde essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zu Erde wirst, davon du genommen bist.“ Will sagen: Er soll etwas tun für sein Überleben, Verantwortung übernehmen, sich anstrengen, sich ­quälen.

Muss Arbeit beschwerlich sein, um eine Bezahlung zu rechtfertigen? Was kennzeichnet sie? Sie ist Broterwerb, unverzichtbare oder nötige oder sinnvolle Beschäftigung. Sie kann intellektuelle oder körperliche ­Herausforderung sein – oder, wie man angesichts der Pandemie eigens betonen muss: psychische, siehe Krankenhaus und Pflegepersonal.

Arbeiter-Anteil sinkt kontinuierlich

Körperlich fordernde Aufgaben scheiden den Arbeiter vom Angestellten, der „überwiegend geistigen Tätigkeiten“ nachgeht. Der Arbeiter-Anteil an Erwerbstätigen ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken. 1965 lag er laut Statistischem Bundesamt in Westdeutschland bei 48,6 Prozent, 2018 in Gesamtdeutschland bei 16,6 Prozent. Im öffentlichen Dienst wurde die Differenzierung nach Arbeitern und Angestellten 2005 aufgehoben. Dort gibt es seither nur Beschäftigte, besonders mühevoller Einsatz wird durch Schmutz- oder Erschwerniszulagen honoriert, erläutert Dagmar Bleiker, Sprecherin des Finanzressorts.

In der Antike verrichteten Sklaven die schwere körperliche Arbeit (und verrichten mancherorts bis heute). In der Blütezeit Roms dienten rund 400.000 Sklaven etwa 20.000 römischen Bürgern. Der griechische Universalgelehrte Aristoteles (384-322 vor Christus) sprach von „banausischer“ Arbeit: „Darum nennen wir alle Handwerke banausisch, die den Körper in eine schlechte Verfassung bringen, und ebenso die Lohnarbeit. Denn sie machen das Denken unruhig und nie­drig.“

Die sprichwörtliche vornehme Blässe kennzeichnete im 18. Jahrhundert den echten und den Geldadel: Seine Mitglieder mussten nicht im Freien schuften. „Tatsächlich hat der arbeitende Mensch Tag für Tag keine Muße zu einer wahren Ganzheit; er kann die Zeit nicht aufbringen, die menschlichsten Beziehungen zu den Menschen zu unterhalten; seine Arbeit würde auf dem Markt im Wert sinken, und er hat keine Zeit, etwas anderes zu sein als eine Maschine.“ Das Zitat stammt von Henry David Thoreau (1817-1862), amerikanischer Schriftsteller und Philosoph. Der Sohn eines Fabrikanten galt als „Gesellschaftsrebell“ und zog es vor, im Wald zu leben statt in der Fabrikantenvilla.

Körperlich zehrende Handlangerarbeiten

Jahrhunderte später verdingen sich Wanderarbeiter oder Tagelöhner auf dem Ar­beiterstrich, auf der Suche nach irgendeiner Beschäftigung, so schlecht sie auch bezahlt sein mag. Oft sind es Frauen und Männer aus Osteuropa – die den EU-Beitritt ihrer Heimatstaaten nutzen, wenn sie zu Hause keine Arbeit und keine Unterstützung bekommen, um ihre Familie zu ernähren. Ob in Schlachthöfen oder in Küchen, auf Baustellen oder in der Land­wirtschaft arbeiten Frauen und Männer, die im Bürokratendeutsch „mobile Beschäftigte“ genannt werden. Sie verrichten oft körperlich zehrende Handlangerarbeiten. Die „Bremer und Bremerhavener Beratungsstelle für mobile Beschäftigte und Opfer von Arbeitsausbeutung“ kümmert sich um diese Menschen. Beratungsbedarf bis zur Pandemie: steigend.

Laut Statistischem Bundesamt war 2019 mehr als ein Drittel der rund 2,2 Millionen erwerbstätigen Ausländer aus einem Staat außerhalb der EU entweder befristet, weniger als 20 Wochenstunden, geringfügig oder in Zeitarbeit beschäftigt. Bei Bürgern aus einem anderen EU-Mitgliedsstaat lag der Anteil bei 26,8 Prozent. Bei Deutschen lag der Anteil bei 17,9 Prozent (in absoluten Zahlen: 5,8 Millionen gegen knapp 24 Millionen Normalbeschäftigte).

In der „Zeit“ hielt die Schauspielerin ­Mateja Meded im September fest: „Die AfD-Abgeordneten haben recht – weil die ganze Partei wie eine kaputte Uhr funktioniert, die zweimal am Tag die richtige Zeit anzeigt –, wenn sie sagen, die Ausländer würden den Deutschen die Arbeit wegnehmen. Ja, wir nehmen euch die Arbeit weg, nämlich die, auf die ihr keinen Bock habt. Wir sind die stummen Geister, ohne die die deutsche Mittelschicht zusammenbrechen würde. Unsere Meinung existiert nicht im Mainstream, dafür existieren unsere Hände und unser Rücken, um zum Beispiel das Blut vom Boden wegzuputzen, wenn sich Jörg beim Spargelsuppe-Kochen in den Finger geschnitten hat.“

Die Arbeit soll das Leben nicht mehr dominieren

Jörg kocht Spargelsuppe und hat vermutlich den Anspruch an seine Arbeit, wie ihn heute viele haben. Jahrzehnte lang diente Arbeit maßgeblich dem Einkommen, dem Streben nach Aufstieg, nach einem besseren Status, höherem Ansehen, größerer Verantwortung und mehr Gehalt oder Lohn. Heute muss Beschäftigung mehr bieten, vor allem gut ausgebildeten jungen Fachkräften und Akademikern. Sie soll das Leben nicht dominieren oder schier auffressen, aber erfüllend sein. Sie soll Spaß machen, bestenfalls zur Selbstverwirklichung beitragen. Verantwortungsvoll soll sie sein, aber bitte dosiert: Vor wenigen Wochen berichtete „Business Insider“, dass vor allem um die Jahrtausendwende geborene Frauen und Männer kein Interesse an Führungspositionen hätten. „Die Arbeit mit ,tollen Menschen‘ ist für Millennials viel wichtiger.“

Spaß und tolle Menschen, davon können Arbeiterinnen und Arbeiter nur träumen. Bis auf edle Facharbeiter, wie beispielsweise bei Mercedes, sind sie meist dem unteren Gehaltsgefüge zuzuordnen und verdienen Mindestlohn, weil ihre Ausbildungsbiografie kurz ist oder einen Knick hat. Was in höheren Etagen oder in der Politik als Quereinsteiger begrüßt wird, ist hier als un- oder angelernt ein dauerhaftes Minus. Es sind die vermeintlich „kleinen Leute“, deren Interessen von den großen Leuten in der Politik angeblich nicht wahrgenommen werden, und zwar in doppelter Hinsicht: nicht gesehen und nicht vertreten.

Wer sind die „kleinen Leute“? fragte die „FAZ“ vor der Bundestagswahl 2017 und klapperte die Parteien ab. „Die SPD windet sich am Telefon und antwortet schließlich mit einem Zitat ihres Kanzlerkandidaten Martin Schulz: ,Mir ist wichtig, dass […] die hart arbeitenden Menschen, die sich an die Regeln halten, die sich um ihre Kinder und oft auch um ihre Eltern kümmern, die manchmal trotz zweier Einkommen nur so gerade über die Runden kommen, dass wir diese Menschen und ihre Sorgen in den Mittelpunkt unserer Politik stellen.‘“ Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte will die SPD zur „Kümmerer-Partei“ machen.

Die SPD windet sich, sie hat einen Ruf zu verteidigen, der in den vergangenen Jahrzehnten gelitten hat: Unter ­gewerkschaftlich organisierten Arbeitern ­gewann die SPD von 1994 bis zur Wahl 2009 durchweg absolute Mehrheiten. Bei den folgenden Jahren verlor sie in diesem Milieu mehr und mehr, 2017 lag sie mit 23 Prozent Stimmenanteil knapp hinter der Union, die selbst massiv in dieser Klientel verlor. Profiteur war die AfD, vor der FDP, auch die Linke schnitt bei Arbeitern schlechter ab als vier Jahre zuvor.

Die SPD habe „eine Schlüsselstellung, um die Arbeiterschaft und be­trieblich Aktive von einer Abwanderung zur AfD abzuhalten, aber leider versagt sie bei dieser Aufgabe“, sagte Klaus Dörre ­unlängst in einem Interview mit dem „Ta­gesspiegel“. Er ist Professor für Arbeits-, Industrie- und Wirtschaftssoziologie in Jena und Autor des Buchs „In der Warteschlange. Arbeiter*innen und die radikale Rechte“.

Wie Gabriel die SPD reformieren will

Im Juni 2019 berichtete dieselbe Zeitung über den ehemaligen SPD-Chef Sigmar ­Gabriel, der mit anderen die Partei reformieren will. „Das dänische Modell steht, eins zu eins, für jene sozialdemokratische Neubesinnung, wie sie Gabriel und eine Handvoll weitere Querdenker in der SPD propagieren. Sie heißt: Abkehr von der Identitätspolitik, die in der Partei ihrer Meinung nach zu viel Raum einnimmt, zurück zu ihrem traditionellen Wahlmilieu und den Sorgen der ,kleinen Leute‘.“

Der Autor erinnert an einen Rede­ausschnitt Gabriels vom Parteitag im November 2009, wenige Wochen nach der „historischen Niederlage“ bei der Bundestagswahl (23 Prozent): „Wir dürfen uns nicht zurückziehen in die Vorstandsetagen, in die Sitzungsräume. Unsere Politik wirkt manchmal aseptisch, klinisch rein, durchgestylt, synthetisch. Und das müssen wir ändern. Wir müssen raus ins Leben; da, wo es laut ist; da, wo es brodelt; da wo es manchmal riecht, gelegentlich auch stinkt. Wir müssen dahin, wo es anstrengend ist.“

Angesichts der aktuellen Umfragewerte scheint die SPD dort (noch) nicht angekommen zu sein. Stattdessen hat sie im Sommer Metaller samt ihrer Gewerkschaft verprellt, als sie die Abwrackprämie für Autos mit Verbrennungsmotor verhinderte. IG-Metall-Chef Jörg Hofmann sprach „unverblümt von einem massiven Vertrauensverlust zwischen Autoarbeitern und SPD“, berichtete die „Süddeutsche Zeitung“.

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Schließlich bereitet der gesellschaftliche Wandel den Gewerkschaften selbst Pro­bleme. Auch ihnen sterben die Mitglieder weg, vor allem der Nachwuchs ist offenbar schwer zu gewinnen. Besser ausgebildete Arbeitnehmer haben laut Claus Schnabel, Professor für Arbeitsmarkt- und Regionalpolitik an der Uni Erlangen-Nürnberg, „eine größere individuelle Verhandlungsmacht und deshalb einen geringeren Bedarf an gewerkschaftlicher Vertretung“. Vor allem haben sie eine berufliche Zukunft: Die sogenannte vierte industrielle Revolution – Digitalisierung und Roboterisierung – vernichtet insbesondere niedrig qualifizierte Arbeitsplätze.

Zurück zu Mateja Meded. Ihre Mutter, berichtet sie in der „Zeit“, hatte ­„mehrere mies bezahlte Jobs gleich­zeitig“. Sie habe sich nie beschwert – wie viele andere Frauen, die in den 1990er-Jahren vor dem Balkan-Krieg ge­flohen waren. „Zugleich sind es genau diese Frauen, die weißen Akademikerinnen den Rücken freihalten, indem sie die private ­Kinderbetreuung oder das Putzen der ­Wohnungen übernehmen, während die ­weißen Akademikerinnen Vorträge über ­Feminismus und Emanzipation halten.“

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