Ortsverein feiert Jubiläum

100 Jahre SPD: Martin Schulz zu Gast in Scheeßel

Während die SPD eine neue Parteispitze sucht, feiert der Ortsverein in Scheeßel sein 100-jähriges Bestehen. Zu Gast sind der ehemalige SPD-Chef Martin Schulz und der Generalsekretär Lars Klingbeil.
30.11.2019, 21:42
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
100 Jahre SPD: Martin Schulz zu Gast in Scheeßel
Von Jürgen Hinrichs
100 Jahre SPD: Martin Schulz zu Gast in Scheeßel

Ortstermin in Scheeßel: Ex-SPD-Chef Martin Schulz spricht während der Jubiläumsfeier des SPD-Ortsvereins.

Michael Matthey

Es ist dieser Moment, als Martin Schulz auf der Bühne des Scheeßeler Hofs eine Urkunde in der Hand hält. Der ehemalige Präsident des Europäischen Parlaments, ehemalige Kanzlerkandidat und ehemalige Bundesvorsitzender seiner Partei ehrt am Samstag einen Mann für zehn Jahre Mitgliedschaft in der SPD. „Komm’ mal her, Johannes, wo bist du?“, fragt Schulz in den Saal hinein. Johannes kommt, stellt sich brav auf die Bühne, ist ein wenig aufgeregt, und wird nun dafür gelobt, dass er nicht nur die Kartei bereichert, sondern sich engagiert, zuletzt als Fraktionschef im Gemeinderat. Das alles erwähnt Schulz, bis er an einem Namen hängen bleibt: Andrea Nahles. Die Urkunde ist von Nahles unterschrieben, die ja längst keine Parteivorsitzende mehr ist. „Ein historisches Dokument“, frotzelt Schulz, „wenn ich meine Unterschrift druntersetze, ist es noch historischer.“

Nahles hat es bis Juni 2019 knapp mehr als ein Jahr lang geschafft, an der Spitze der SPD zu bleiben. Bei Schulz waren es ein paar Monate weniger. In der kurzen Zeit zwischen den beiden führte Olaf Scholz die Partei, allerdings nur kommissarisch. Das Gleiche, die Not verwalten, macht heute Malu Dreyer. Ein einziger Kuddelmuddel in den vergangenen zweieinhalb Jahren. „Ich hoffe, dass das heute beendet wird“, sagt Schulz.

Lesen Sie auch

100 Jahre SPD in Scheeßel. Das ist der Anlass, deswegen ist Schulz gekommen. Mit ihm mischt sich in der Gaststätte auch Lars Klingbeil unter die Leute, der Generalsekretär. An einem Tag, der wegweisend ist für die deutsche Sozialdemokratie, sind zwei ihrer Topleute in die Provinz gereist. Sie hatten zugesagt und wollten es sich nicht nehmen lassen. Klingbeil ist Bundestagsabgeordneter, Scheeßel liegt in seinem Wahlkreis. Ehrensache, dass er dabei ist, wenn auch nur kurz, Berlin ruft. Der Generalsekretär wird am Abend das Ergebnis des Mitgliederentscheids zum neuen Bundesvorsitz bekannt geben.

Schulz ist in Scheeßel, weil Klingbeil ihn ­darum gebeten hat. Die beiden können gut ­miteinander. Als Schulz SPD-Chef war, machte er Klingbeil zu seinem „General“, das war vor zwei Jahren. Und nun stehen sie auf einer Bühne, wo sonst die Kapelle spielt. Das Licht ist bescheiden, halb dunkel, die Stimmung: okay.

„Der Kontakt zur Basis ist das Entscheidende“

Man könnte diesen Auftritt als programmatisch hochjazzen, als Botschaft. „Der Kontakt zur Basis ist das Entscheidende“, sagt Schulz. In der Partei, vor allem aber in der Gesellschaft. „Wir haben eine Aufgabe zu erledigen und ­können uns nicht ständig mit uns selbst beschäftigen.“ Die SPD müsse Ohr und Herz bei den Menschen haben, in Scheeßel und anderswo: „Der Ernstfall der Politik ist die Kommunalpolitik. In Berlin oder Brüssel gründen wir einen Arbeitskreis, wenn es Probleme gibt. Das geht in den Gemeinden nicht.“

Klingbeil sagt das Gleiche, nur mit anderen Worten: „Was die SPD immer stark gemacht hat, sind die Leute vor Ort.“ Er spricht im Scheeßeler Hof und wird wenig später die große Bühne im Willy-Brandt-Haus haben. Nervös wirkt der Generalsekretär nicht, dabei hängt sein Posten davon ab, wie die Mitglieder der SPD ent­scheiden. „Ich bin da ganz entspannt“, sagt er im Gespräch. Am Abend zuvor war Klingbeil beim Bundespresseball und hatte die Jour­nalisten bei Twitter vorgewarnt: „Ich habe noch keine Zahlen, keine Wahlbeteiligung, kein ­Zwischenergebnis. Ich weiß nicht, wer gewinnt, und ja, die SPD bleibt eins und geschlossen.“ Nicht anders an diesem Vormittag: „Ich will das alles noch nicht wissen.“ Tags drauf, so der Plan, setzt er sich mit dem Gewinnerteam zu­sammen, sehen, was geht, was seine Zukunft ist.

Lesen Sie auch

Fünf Monate Diskussionen, 23 Regionalkonferenzen. „Ich bin stolz darauf“, sagt Klingbeil, „für unsere Verfasstheit war das sehr wichtig.“ Viele Mitglieder seien nach dem Rücktritt von Andrea Nahles unsicher und unzufrieden gewesen, viele hätten sich zurückgezogen. Nach den Konferenzen gäbe es wieder eine tragfähige Verbindung zur Parteibasis.

Klingbeil und Schulz – beide gehören in der SPD zum Seeheimer Kreis, dem konservativen Flügel. Schulz hatte sich vor einem Monat in der Frage des Bundesvorsitzes festgelegt und für das Duo Olaf Scholz und Klara Geywitz plädiert. Leicht sei ihm dieser Schritt nicht gefallen. „Olaf Scholz und ich hatten kein besonders gutes Verhältnis“, blickt Schulz in Scheeßel zurück, „ich bin eine rheinische Frohnatur, und der Olaf, nun ja, der ist, wie er ist.“ Stimmungen, Schwingungen, Animositäten. Im Kern hält Schulz den Bundesfinanzminister trotzdem für den richtigen Mann, vielleicht auch nur deshalb, weil er aus seiner Sicht ohne Alternative ist: Scholz als Garant für den Erhalt der Großen Koalition.

„Ich bin mir sicher, dass das Ergebnis deutlich ist“

Solche klaren Worte kann sich Klingbeil nicht erlauben. Er ist als Generalsekretär eine Art Schiedsrichter und muss das Auswahlverfahren moderieren. Einen Satz leistet er sich in Scheeßel aber doch, die Abstimmung unter den Mitgliedern ist seit Mitternacht vorüber, keine Chance mehr, jemanden zu beeinflussen. „Ich bin mir sicher, dass das Ergebnis deutlich ist“, sagt Klingbeil. Was das heißt, ist klar: Er glaubt, dass die Favoriten das Rennen machen, Scholz und Geywitz.

Kaum jemand während der Veranstaltung, der das bezweifelt. Auch Andreas Weber nicht, Bürgermeister von Rotenburg: „Ich habe für Olaf Scholz gestimmt“, sagt er, „wir müssen ­zeigen, dass wir regierungsfähig sind, und dafür steht Scholz.“ Weber selbst, früher Kripo-Chef in Bremen, will nicht mehr länger regieren. Er hat am Donnerstag nach einem Streit im Stadtrat angekündigt, seinen Posten aufzugeben.

Lesen Sie auch

Später am Tag, als Klingbeil zurück in Berlin ist und zusammen mit Malu Dreyer das Ergebnis verkündet, werden die Scheeßeler eines Besseren belehrt. Die Mehrheit bekommen haben nicht Scholz und Geywitz, sondern Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans aus dem linken Parteilager.

In Scheeßel bleibt nach dem Besuch der Promis ein Ortsverein zurück, der in 30 Jahren zwei Drittel seiner Mitglieder verloren hat, heute sind es nur noch 51. Viel Arbeit für die SPD. Im Kleinen wie im Großen.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+