Berlin 18. Oktober 1989: Erich Honeckers unfreiwilliger Abgang

Berlin. Eigentlich ahnte Günter Schabowski längst, dass sie zu spät kommen würden. Immer mehr DDR-Bürger wollten dem SED-Staat den Rücken kehren, in Leipzig, Ost-Berlin und Plauen gingen Hunderttausende auf die Straßen und aus dem fernen Moskau mahnte Michail Gorbatschow unverblümt Reformen an.
18.10.2014, 00:00
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Von Peter Gärtner

Eigentlich ahnte Günter Schabowski längst, dass sie zu spät kommen würden. Immer mehr DDR-Bürger wollten dem SED-Staat den Rücken kehren, in Leipzig, Ost-Berlin und Plauen gingen Hunderttausende auf die Straßen und aus dem fernen Moskau mahnte Michail Gorbatschow unverblümt Reformen an. Doch an Erich Honecker und anderen aus der Altherrenriege des SED-Politbüros gingen diese Entwicklungen spurlos vorbei.

Schon im Spätsommer 1989 plante Schabowski den Sturz des DDR-Staatsratsvorsitzenden. Die simple Strategie: „Wir gehen rein mit fünf Mann und sagen zu ihm: Erich, Du bist abgesetzt.“ Doch letztlich dauerte es noch Wochen, bis der Erste Sekretär der SED-Bezirksleitung Berlin tatsächlich genügend Gleichgesinnte für Honeckers Entmachtung fand. Denn eines war völlig klar: Mit dem greisen SED-Chef würde es keine Veränderungen geben.

Es habe eine längere Phase des Abtastens gegeben, erinnert sich Schabowski, „bis man sich dieses oder jenes Nachbarn im Politbüro sicher sein konnte“. Anfangs waren sie nur zu dritt: er selbst, Gewerkschaftschef Harry Tisch und Honeckers „Kronprinz“ Egon Krenz. Und die Zeit drängte. Am 16. Oktober vor 25 Jahren zogen in Leipzig mindestens 120 000 Menschen aus der gesamten DDR um den Ring. Lauter als jemals zuvor schmetterten sie: „Wir sind das Volk“. Die DDR-Medien berichteten erstmals von diesem und anderen Sprechchören wie „Neues Forum zulassen“ und „Gorbi, Gorbi“.

Der berühmteste Schlachtruf entwickelte sich aus einer notwendigen Klarstellung: Mehrfach hatte das damalige SED-Bezirksblatt „Leipziger Volkszeitung“ von „Zusammenrottungen“ im Zentrum der Stadt berichtet, bei denen „Rowdys“ die sozialistische Ordnung gestört hätten. Als dann am 9. Oktober rund 70 000 Demonstranten einigen Tausend Volkspolizisten und Stasi-Leuten gegenüber standen, stellten sie erstmals klar: „Wir sind keine Rowdys!“, sondern: „Wir sind das Volk!“

Eine Woche später müssen auch Schabowski die Ohren geklungen haben. Er telefonierte herum, wer am Dienstag, 17. Oktober, bei der entscheidenden Politbüro-Sitzung Rückgrat zeigen würde, und zählte zehn, elf sichere Kandidaten – gerade mal die Hälfte der Mitglieder.

Das Treffen der SED-Führungsriege begann wie üblich. Honecker begrüßte jeden persönlich. „Ich hatte ein schlechtes Gewissen“, erinnert sich der gelernte Journalist Schabowski, „weil ich zu den Schurken gehörte, die gegen ihn konspirierten.“ Dann ergriff Ministerpräsident Willi Stoph das Wort und schlug „ganz trocken“ eine Änderung der Tagesordnung vor: Absetzung des SED-Generalsekretärs.

Selbst engste Vertraute wie Günter Mittag sprachen in der Sitzung nicht für Honecker. Am Ende stimmte der SED-Chef „nach kommunistischer Ordenspraxis“ für seine eigene Ablösung. Es war ein Lehrstück der kalkulierten Abrechnung und der opportunistischen Scheinheiligkeit. Am nächsten Tag, 18. Oktober 1989, hielt Honecker vor dem SED-Zentralkomitee (ZK) die ihm diktierte Rede. Er bitte um seine Ablösung aus gesundheitlichen Gründen und schlage Krenz als Nachfolger vor.

Auf Krenz als Kompromisskandidat hatte die Parteiführung sich relativ schnell geeinigt. Doch als Reformer war er völlig unglaubwürdig. Der Honecker-Nachfolger galt als Verantwortlicher für die Fälschungen bei den Wahlen am 7. Mai 1989 und für das brutale Vorgehen von Volkspolizei und Stasi während der Feiern zum 40. DDR-Jahrestag. Noch am Abend des 18. Oktober wandte sich der neue SED-Chef an die Bürger: „Mit der heutigen Tagung (des ZK, die Red.) werden wir eine Wende einleiten, werden wir vor allem die politische und die ideologische Offensive wieder erlangen.“

„Welch ein Irrtum“, wird Schabowski später immer wieder sagen. Denn die friedliche Revolution war mit einer „Wende“ in der SED längst nicht mehr aufzuhalten.

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