Berlin 25 Jahre Mauerfall: Wohin verschwand der Eiserne Vorhang?

Berlin. 160 Kilometer Betonmauer lösen sich nicht in Luft auf. Aber wo ist die Mauer? In Berlin ist fast nichts von ihr übrig.
28.10.2014, 00:00
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25 Jahre Mauerfall: Wohin verschwand der Eiserne Vorhang?
Von Nikolai Fritzsche

160 Kilometer Betonmauer lösen sich nicht in Luft auf. Aber wo ist die Mauer? In Berlin ist fast nichts von ihr übrig. In der nicht mehr geteilten Stadt werden bisweilen sogar Mauersegmente versetzt, damit erst die Baumaschinen und später die Bugattis zu einem neuen Luxuswohnkomplex durchkommen. Berlin geht mitunter wenig liebevoll mit einer seiner größten Attraktionen um – wie schon vor 25 Jahren.

Berlin will hip sein, also beweglich, flexibel, sprunghaft.

So eine Mauer ist aber sperrig – jedes Element wiegt 2,6 Tonnen –, und sperrig ist nicht hip. Also hat die Hauptstadt sich zum 25. Jahrestag des Mauerfalls einen Weg einfallen lassen, die innerdeutsche Grenze wiederauferstehen zu lassen, ohne ihre städtebaulich unerwünschten Eigenschaften zu reinstallieren: Weiße Leuchtballons werden entlang des ehemaligen Verlaufs auf schmalen Ständern postiert. Vorteil der Nachbildung gegenüber dem Original: Den Weg von Ost nach West und von West nach Ost versperrt nur alle zwei Meter ein vergleichsweise graziler Betonfuß, ansonsten können Luft und Leute frei von hüben nach drüben mäandern. Auch in der Höhe wird der Ballonzaun etwas bescheidener gestaltet als das Vorbild, mit 3,40 Meter nämlich zwei Handbreit niedriger.

Am 9. November sollen die mit Helium gefüllten Ballons in den Himmel fliegen, das Kurzzeit-Denkmal baut sich fast von selbst ab. Noch fix die Betonfüße abtransportiert, und schon ist es weg. Ganz anders lautete die Zielsetzung beim soliden Vorgängermodell, denn das sollte nach Erich Honeckers Worten „noch in hundert Jahren stehen“ – von Januar 1989 an gerechnet, wohlgemerkt. Anstelle des 128. Geburtstags der Mauer am 13. August 2089 wird nun knapp 75 Jahre früher bereits ihr 25. Todestag gefeiert.

An der Bauweise wäre die Vision von der hundertjährigen Mauer wohl nicht gescheitert, die 1,20 Meter breiten Stahlbetonplatten waren solide produziert. So solide, dass ihr Abriss sich über mehrere Jahre hinzog und eine eigens konstruierte Maschine erforderte. Unter der Aufsicht der Firma Recycling Grenzanlagen, die extra für den Mauerabriss aus Baufirmen aus beiden deutschen Republiken gegründet worden war, zerschredderte ein als „grünes Ungeheuer“ bezeichneter Schlagwalzenbrecher ab dem Frühjahr 1991 pro Tag rund 570 Mauersegmente à 2,6 Tonnen Gewicht. Bis zur Abschaltung 1993 hatte er 250 000 Tonnen Mauer – 6250 Lastwagenladungen – und noch einmal so viel Steinmaterial zerkleinert, um auch Wachtürme und Hinterlandmauer dem Erdboden gleichzumachen.

Und im Boden landete der zu Kies verarbeitete Mauerschutt tatsächlich: Er wurde beim Straßenbau als Aufschüttungsmaterial unter der Fahrbahn benutzt. Bei der Sanierung der Bernauer Straße etwa, der ehemaligen sowjetisch-französischen Sektorgrenze, kam Kies aus Mauerbeton zum Einsatz. So lebte der Eiserne Vorhang dort neben und unter der Fahrbahn fort, denn an der Bernauer Straße befindet sich heute das längste am Originalstandort erhaltene Stück der Grenzmauer. Seit 1998 erinnert hier die Gedenkstätte Berliner Mauer an den „antifaschistischen Schutzwall“, wie die DDR-Propaganda die Mauer getauft hatte, und die weit über 100 000 Fluchtversuche.

Viele davon spielten sich an der Bernauer Straße ab. Die Grenze zwischen DDR und Bundesrepublik verlief hier entlang der Häuserfront, mit dem Schritt aus dem Hauseingang auf den Gehweg betraten die Bewohner West-Berlin. Bei der Schließung der Grenze 1961 wurden die Häuser geräumt, ihre Fronten nach Verbarrikadierung von Türen und Fenstern in die Mauer integriert. Viele Menschen packten eilig die wichtigsten Habseligkeiten zusammen und rannten aus ihren Häusern auf die gegenüberliegende Straßenseite – und damit in den Westen. Auch während des Mauerbaus in den folgenden Monaten flohen noch Hunderte Menschen an der Bernauer Straße aus der DDR, teilweise durch selbst gebaute Tunnel.

28 Jahre später, nach Öffnung der innerdeutschen Grenze, fraß das „grüne Ungeheuer“ drei Viertel der Mauer. Was davon nicht im Straßenbau landete, wurde für 12 D-Mark pro Tonne an Bauunternehmen verkauft. Vom verbleibenden Viertel steht nur noch ein kleiner Teil in Berlin, kaum mehr als zwei Kilometer. Und der Rest? Hat den Weg auf alle Kontinente gefunden. An welchen Orten auf der ganzen Welt heute noch Teile der Mauer stehen und wie es dazu kam, lesen Sie im nächsten Teil unserer Serie.

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