Höchste Terrorwarnstufe in Belgien 34 Tote bei Terroranschlägen in Brüssel

Bei einer neuen Terrorserie in Brüssel sind mindestens 34 Menschen getötet worden. Alles deutet auf einen islamistischen Hintergrund hin.
22.03.2016, 08:26
Lesedauer: 9 Min
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Bei einer neuen Terrorserie in Brüssel sind am Dienstag mindestens 34 Menschen getötet worden. Alles deutet auf einen islamistischen Hintergrund hin. Aber vieles ist noch unklar.

Die wichtigsten Fakten im Überblick:

  • Bei den Explosionen am Flughafen und in der U-Bahn von Brüssel hat es sich um Terroranschläge gehandelt, so der belgische Premierminister Charles Michel.
  • Nach Angaben der belgischen Medien sind 20 Menschen in der U-Bahn ums Leben gekommen und über 100 verletzt worden. Bei dem Anschlag am Flughafen sind 14 Menschen getötet und 81 verletzt worden.
  • Die Detonationen seien von mindestens einem Selbstmordattentäter verursacht worden, berichten belgische Medien.
  • In Brüssel hat es mehrere Razzien gegeben. Ermittler seien auf der Suche nach Verdächtigen, die mit den Attentaten zu tun haben könnten, berichtete der öffentliche Sender RTBF mit Hinweis auf Justizquellen.
  • Die Terrorwarnstufe in Belgien wurde auf die höchste Stufe angehoben. Die Staatsanwaltschaft hat Antiterror-Ermittlungen aufgenommen.
  • Der Flughafen Brüssel-Zaventem ist geschlossen, Flüge nach Brüssel werden umgeleitet. Die Brüsseler Nahverkehrsgesellschaft Stib hat ebenfalls aus Sicherheitsgründen alle Metrostationen geschlossen. Auch Straßentunnel wurden gesperrt.
  • In Deutschland verschärft die Bundespolizei ihre Kontrollen am Flughafen in Frankfurt am Main. Der größte deutsche Airport richtet sich darauf ein, umgeleitete Maschinen aus der belgischen Hauptstadt aufzunehmen.

Das Auswärtige Amt mahnt zu besonderer Vorsicht. In einem Sicherheitshinweis, der veröffentlicht wurde, heißt es: "Reisende in Brüssel werden dringend gebeten, sich in der Stadt nur mit erhöhter Aufmerksamkeit und Wachsamkeit zu bewegen." Zugleich ruft das Auswärtige Amt dazu auf, größere Menschenansammlungen zu meiden und Weisungen der belgischen Sicherheitskräfte unbedingt zu befolgen. Das Ministerium richtete auch eine Notfallnummer für Fragen ein: 030 / 5000-3000.

Facebook hat nach den Explosionen seinen "Sicherheitscheck" eingeschaltet, über den Nutzer Freunden mitteilen können, dass sie in Sicherheit sind. Der Service war unter anderem nach den Terroranschlägen in Paris im vergangenen November aktiviert worden und zuletzt auch bei den Explosionen in Ankara.

Die weiteren Entwicklungen im Live-Ticker

Terroranschläge in Brüssel

Nach Paris jetzt Brüssel: Terroristen zünden Sprengsätze am Flughafen der EU-Hauptstadt und in der U-Bahn. Es gibt viele Tote und Verletzte. Waren es wieder Islamisten?

Gut vier Monate nach den verheerenden Anschlägen von Paris haben Terroristen in Brüssel zugeschlagen: Bei Explosionen am Flughafen und in der U-Bahn im EU-Viertel sind am Dienstag mindestens 26 Menschen getötet worden. Mehr als 130 weitere wurden verletzt. Der belgische Premierminister Charles Michel sprach von "blinden, gewalttätigen und feigen Anschläge". Die Sicherheitskräfte wappneten sich gegen weitere Bluttaten.

Am Flughafen habe sich wahrscheinlich ein Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt, sagte Staatsanwalt Frédéric Van Leeuw. Die Terror-Warnstufe in Belgien wurde auf die höchste Stufe angehoben.

Spaniens Außenminister José Manuel García-Margallo machte die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) für die Explosionen verantwortlich. Die belgische Regierung äußerte sich bisher nicht dazu.

Erst am vergangenen Freitag war der mutmaßliche Top-Terrorist Salah Abdeslam bei einem Großeinsatz der Polizei in der als Islamistenhochburg bekannten Brüsseler Gemeinde Molenbeek festgenommen worden. Er ist einer der Hauptverdächtigen für die Anschläge in Paris vor vier Monaten mit 130 Todesopfern. Abdeslam war bis zu seiner Festnahme einer meistgesuchten Terrorverdächtigen Europas.

Der Flughafen wurde geschlossen. Flüge nach Brüssel wurden umgeleitet, etwa zu den deutschen Airports Frankfurt und Düsseldorf. Zudem wurden alle Metro-Stationen und sämtliche Bahnhöfe in Brüssel gesperrt.

Die Bahngesellschaft SNCB rief Reisende auf, die belgische Hauptstadt bis auf weiteres nicht anzufahren. Betroffen waren auch Thalys-Hochgeschwindigkeitszüge sowie die Eurostar-Verbindungen von Brüssel nach London. Die Deutsche Bahn stellte den Zugverkehr zwischen Aachen und Brüssel ein.

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Das Auswärtige Amt in Berlin richtete einen Krisenstab ein. Unklar war am Dienstag zunächst, ob auch Deutsche unter den Opfern sind. Ein Ministeriumssprecher sagte: "Die deutsche Botschaft in Brüssel bemüht sich mit Hochdruck um Aufklärung, ob auch Deutsche von den Explosionen betroffen sind."

Explosionen am Flughafen

Nach Angaben von Augenzeugen ereigneten sich am Dienstagmorgen gegen 8 Uhr zunächst am Flughafen kurz nacheinander zwei Explosionen in einer Abfertigungshalle am Schalter von American Airlines. Zeugen wollen zuvor Schüsse gehört haben. Eine Person habe etwas auf Arabisch gerufen, berichteten mehrere Menschen vor Ort der Nachrichtenagentur Belga. Dabei wurden allein elf Menschen getötet und 81 verletzt, wie Gesundheitsministerin Maggie De Block sagte. Zunächst war von 13 Toten am Flughafen die Rede gewesen.

Die Explosionen am Brüsseler Flughafen wurden nach einem Bericht des belgischen Fernsehsenders VRT von mindestens einem Selbstmordattentäter verursacht. Der belgische Premierminister Charles Michel bestätigte bei einer ersten Pressekonferenz das es sich um Terroranschläge gehandelt hat.

Nach den Explosionen am Brüsseler Flughafen ist die Terrorwarnstufe in Belgien auf das höchste Niveau angehoben worden. Das teilte ein Sprecher von Innenminister Jan Jambon am Dienstag mit.

Geordnete Evakuierung

Die beiden Explosionen am Brüsseler Flughafen Zaventem haben sich nach Angaben von Augenzeugen kurz nacheinander ereignet. Erst habe es eine Detonation gegeben, die Anwesenden hätten die Flucht ergriffen, berichteten zwei Personen der Nachrichtenagentur Belga am Dienstag. Chaos ist nach Angaben des Senders La Première nicht ausgebrochen.

Der Twitter-Kanal "Conflict News" zeigt ein Video der Evakuierung am Flughafen.

Die Krankenhäuser in der belgischen Hauptstadt haben sich auf die Aufnahme zahlreicher Verletzer eingestellt. Ein Notfall-Plan sei aktiviert worden, berichtete die Nachrichtenagentur Belga.

Explosion in Metrostation

Gegen 9 Uhr kam es an der Metrostation Maelbeek mitten im EU-Viertel von Brüssel zu einer Detonation. Mindestens 15 Menschen kamen hier ums Leben. 55 weitere erlitten Verletzungen, wie Belga mit Hinweis auf Informationen der Brüsseler Nahverkehrsgesellschaft Stib berichtete.

Im Internet verbreiteten sich Bilder, die diese Metrostation zeigen sollen und auf denen Rauch zu sehen war.

Die Brüsseler Nahverkehrsgesellschaft Stib hat aus Sicherheitsgründen alle Metrostationen geschlossen. Das teilte die Stib am Dienstag mit.

Die Explosion wurde in einer gerade eingefahrenen U-Bahn ausgelöst. Bilder vom Tatort zeigten einen völlig zerstörten Wagen. Auf der Straße vor der Station wurden auf dem Gehweg Verletzte behandelt. Auch anderthalb Stunden später rasten noch Rettungswagen mit Blaulicht und Sirenen an den Ort des Anschlags, wie dpa-Reporter in Sichtweite der weiträumig abgesperrten Station beobachteten.

Später kam es laut Belga zu einer weiteren Explosion. Sie habe sich am Dienstagvormittag nahe der Rue de la Loi ereignet - das ist in der Nähe der U-Bahnstation Maelbeek. Bei der erneuten Explosion handelte es sich aber wohl um eine kontrollierte Sprengung durch Experten, wie der Rundfunk RTBF unter Berufung auf Polizeikreise berichtete.

AKW Tihange nicht evakuiert

Das belgische Atomkraftwerk Tihange ist nach Angaben des Betreibers Electrabel nicht evakuiert worden. Vielmehr sei verzichtbares Personal aus Sicherheitsgründen nach Hause geschickt worden, unterstrich das Unternehmen am Dienstag auf dem Kurzmitteilungsdienst Twitter.

Zuvor hatte die belgische Nachrichtenagentur Belga unter Berufung auf den örtlichen Polizeichef berichtet, die Anlage sei evakuiert worden. Tihange liegt 70 Kilometer von Aachen entfernt nahe der ostbelgischen Stadt Lüttich. Der Standort besteht aus drei Druckwasserreaktoren. Zuletzt waren dort 940 Mitarbeiter beschäftigt.

Electrabel ist die belgische Tochter des Energiekonzerns Engie.

N-TV erinnert in einem TV-Beitrag an einen Videofund nach den Paris Anschlägen. Bei Ermittlungen zu den islamistischen Anschlägen von Paris ist die belgische Polizei auf Überwachungsaufnahmen eines Atomexperten gestoßen. Laut der Tageszeitung "La Dernière Heure" wurde eine dazugehörige Wohnungstür in der Region Flandern observiert.

Erhöhung der Polizeipräsenz

Die französischen Behörden erhöhten nach den Anschlägen von Brüssel die Polizeipräsenz an den Grenzen sowie in Bahnhöfen und Flughäfen. Innenminister Bernard Cazeneuve schickte dafür am Dienstag 1600 zusätzliche Polizisten und Gendarmen in den Einsatz, wie er nach einem Krisentreffen bei Präsident François Hollande in Paris ankündigte.

Die Bundespolizei im Saarland kontrolliert nach den Anschlägen verstärkt an der Grenze zum Nachbarland Luxemburg. An der Autobahn 8 nach Luxemburg seien Kontrollen sporadisch eingerichtet worden, sagte ein Sprecher der Bundespolizei in Bexbach. Die Bundespolizei verstärkte ihre Kontrollen auch am Flughafen in Frankfurt am Main.

Zuvor schon hatte das Auswärtige Amt zu besonderer Vorsicht geraten. In einem Sicherheitshinweis heißt es: "Reisende in Brüssel werden dringend gebeten, sich in der Stadt nur mit erhöhter Aufmerksamkeit und Wachsamkeit zu bewegen." Größere Menschenansammlungen sollten gemieden werden.

Bundespräsident Joachim Gauck verurteilte die Anschläge als "schreckliches Verbrechen". "Deutschland steht angesichts dieser terroristischen Gewaltakte an der Seite Belgiens", schrieb er an König Philippe.

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Auf Bildern vom Brüsseler Flughafen waren blutverschmierte Menschen mit zerrissener Kleidung zu sehen. In einer der Flughafenhallen stürzte offensichtlich durch die Wucht der Explosionen die Deckenverkleidung herab. Eine riesige Glasfront wurde zerstört.

Vor knapp zwei Jahren hat es in Brüssel den bis dahin letzten Anschlag gegeben: Der Islamist Mehdi Nemmouche erschoss im Mai 2014 bei einem Anschlag auf das Jüdische Museum vier Menschen. Der Täter ist Franzose und wurde später in Frankreich verhaftet und nach Belgien ausgeliefert.

Reaktionen aus dem Netz

Schon kurz nach den Anschlägen in Brüssel ist die Anteilnahme im Netz groß und eine Welle an Mitgefühl, Hoffnung und auch Wut breitet sich aus.

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Wir halten Sie an dieser Stelle auf dem Laufenden. (isc/dpa)

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