Kommentar zum Kriegsende vor 75 Jahren

Befreiung - ein ganz schwieriger Begriff

In der Skepsis gegenüber dem Begriff „Befreiung“ schwingt auch die Einsicht mit, dass die überwiegende Mehrheit der Deutschen keineswegs unmittelbare Opfer der Nazis waren, meint Joerg Helge Wagner.
08.05.2020, 05:00
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Befreiung - ein ganz schwieriger Begriff
Von Joerg Helge Wagner
Befreiung - ein ganz schwieriger Begriff

Sieger, Befreier, Besatzer - das Sowjetische Ehrenmal in Berlin-Treptow.

Christophe Gateau /dpa

Was erwartet man von einem Befreier? Zu allererst, dass er Unfreiheit beendet und Freiheit bringt. Und damit fangen die Probleme an, wenn Diktaturen von außen gestürzt werden – sei es 1945 in Europa, 2001 in Afghanistan oder 2003 im Irak. Entscheidend für die Sicht der Befreiten sind immer drei Aspekte: Wie sehr wurden sie vom untergegangenen Regime drangsaliert, wie weit hatten sie sich mit ihm arrangiert und was haben sie nach dessen Ende zu erwarten?

Für Diejenigen, die am schlimmsten unter der Nazi-Herrschaft gelitten hatten – die Insassen der Konzentrationslager, die Zwangsarbeiter, die politischen Häftlinge in den Gestapo-Kerkern – war die Sache eindeutig: Befreiung gleich Überleben. Punkt. Ob Auschwitz nun von der Roten Armee oder von der US-Army befreit wurde – völlig nebensächlich. Doch schon bei den russischen Kriegsgefangenen machte es einen gewaltigen Unterschied: Stalin galten sie als Feiglinge, die nicht entschlossen genug gekämpft hatten; auf sie wartete nur das nächste Lager, weit im Osten.

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Und bevor wir zu den Deutschen, zum „Tätervolk“ kommen: Durften, ja mussten sich die Völker Mittel- und Osteuropas vor 75 Jahren tatsächlich befreit fühlen? Es gibt diesen bitterbösen polnischen Witz: „Unser schlimmster Fluch? Mögen Dich die Deutschen besetzen und die Russen befreien!“ Was ist mit der Ukraine und Weißrussland? Jenen Gebieten, welchen der Yale-Historiker Timothy Snyder vor zehn Jahren sein Buch „Bloodlands“ widmete, weil das Weltgemetzel hier die meisten Opfer forderte. „Unsere Abstumpfung angesichts dieser Zahlen stellt in gewisser Hinsicht immer noch ein Erbe Hitlers und Stalins dar“, sagte Snyder zum Erscheinen von „Bloodlands“.

Der Anteil Stalins

Von diesem Befund ist es nicht weit zur Frage, welchen Anteil der Großdiktator auf der Siegerseite am millionenfachen Elend hatte. Für manche immer noch eine unschickliche Frage – selbst wenn man betont, dass Stalins Verbrechen jene Hitlers in ihrer Monstrosität nicht mindern. Im aktuellen „Spiegel“ mokiert sich Christiane Hoffmann darüber, dass das Europaparlament eine Resolution verabschiedet hat, die den deutschen Überfall auf Polen zur unmittelbaren Folge des Hitler-Stalin-Paktes erklärt. Man müsse doch bezweifeln, ob historische Bewertungen per Parlamentsbeschluss Sinn machten, schreibt sie – eine Sichtweise, der sich Recep Tayyip Erdogan mit Blick auf den Völkermord an den Armeniern 1915 sicher gerne anschließen wird.

Was Deutschland betrifft, ist die Schuldfrage ja längst keine mehr: Polen und andere Länder wurden überfallen, im Osten wurde ein Vernichtungskrieg geführt, an den Juden Europas wurde millionenfach Massenmord begangen. Das bestreiten nur noch Nazis und komplett Verwirrte. Hier aber geht es um den Begriff der „Befreiung“, und den hat in Deutschland nicht etwa der Bundestag, sondern der Bundespräsident festgelegt: „Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“, sprach Richard von Weizsäcker 1985 in Bonn.

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Aber er räumte ein, dass Befreiung nicht automatisch Gerechtigkeit bedeutet: „Es gab Unschuldige, die verfolgt wurden, und Schuldige, die entkamen.“ Befreit fühlten sich zwölfjährige Vergewaltigungsopfer wie Hannelore Renner sicher nicht. War die spätere Kanzlergattin nun eine schlimme Revanchistin, weil sie unbedingt dabei sein wollte, als 1994 die letzten Nachfahren der „Befreier“ Deutschland Richtung Osten verließen?

Und im Westen? In der Skepsis gegenüber dem Begriff „Befreiung“ schwingt ja auch die Einsicht mit, dass die überwiegende Mehrheit der Deutschen keineswegs unmittelbare Opfer der Nazis waren oder gar Widerständler, deren gerechte Sache am Ende gesiegt hatte. Bei der juristischen Aufarbeitung des Menschheitsverbrechens kommt hinzu, dass es eben noch keinen Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag gab.

Richter mit Makeln

Das Wort „Siegerjustiz“ ist vergiftet, weil von Rechtsaußen damit suggeriert wird, dass in Nürnberg quasi willkürlich verurteilt wurde. Doch wer saß über die Haupttäter des NS-Regimes zu Gericht? Die Vertreter einer ebenso menschenverachtenden Diktatur, zweier Kolonialmächte und einer aufstrebenden Supermacht, bei der in weiten Teilen noch strikte Rassentrennung herrschte. Befreier?

Selbstverständlich gilt das für die drei Westmächte, aber eben erst mittelfristig. Ohne deren Sieg hätten sich die Deutschen nie die freieste und gerechteste Verfassung ihrer Geschichte geben können. Die Mitternacht vom 8. auf den 9. Mai 1945 markierte für Europa und Deutschland die Stunde Null – die Stunde der Befreiung aber schlug vielen erst sehr viel später.

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