Kommentar zur Feiertagsdebatte

Ein Anstoß

Die Linken fordern, dass der 8. Mai zum gesetzlichen Gedenktag wird. Die Befreiung vom Nationalsozialismus darf nie vergessen werden, aber ein freier Tag wäre nicht der richtige Weg, meint Silke Hellwig.
09.05.2020, 05:00
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Von Silke Hellwig
Ein Anstoß

Verfassungsorgane auf Abstand beim Gedenken an den 8. Mai 1945 vor der Neuen Wache in Berlin: Bundeskanzlerin Angela Merkel (2.v.r.), Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (2.v.l.), Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (M), Dietmar Woidke (l.), Ministerpräsident von Brandenburg, und Andreas Voßkuhle (r.), Vorsitzender des Zweiten Senats beim Bundesverfassungsgericht.

Hannibal Hanschke /Reuters-Pool /dpa

Wer wollte da widersprechen: Der 8. Mai muss ein Gedenktag sein. Er soll in Erinnerung rufen, welch unheilbare Wunden der Nationalsozialismus hinterlassen hat. Der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker bilanzierte 1985: „Neben dem unübersehbar großen Heer der Toten erhebt sich ein Gebirge menschlichen Leids“. Kann man das vergessen? Nicht in tausend Jahren.

Die Wirklichkeit sieht anders aus. Manche wollen nichts mehr von der jüngsten Geschichte wissen, anderen ist sie nicht präsent. Antisemitismus verbreitet sich, auch an Schulen. Es braucht also offenbar mehr denn je Gedanken- und Gedenkanstöße. Ein gesetzlicher Feiertag könnte das bieten, rein theoretisch, nur praktisch nicht. Man muss schon sehr gutgläubig sein, um darauf zu setzen, dass ein arbeitsfreier Tag im Wonnemonat Mai der Mehrheit der Bevölkerung Anlass ist, in sich zu gehen. Die Erfahrung lehrt anderes: Viele Bürger wissen weder, warum der Reformations- ein Feiertag ist, noch warum es sich am Karfreitag verbietet, ausgelassen zu tanzen. Apropos: Ein Tanzverbot am 8. Mai wäre angemessener und würde vermutlich mehr bewirken als ein arbeitsfreier Tag.

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