Nachruf auf Hans-Jochen Vogel

Abschied von einem überzeugten Europäer

Der frühere SPD-Vorsitzende Hans-Jochen Vogel ist am Sonntag im Alter von 94 Jahren gestorben. Über die Parteien hinweg zeigen Politiker Anteilnahme - darunter Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte.
26.07.2020, 14:51
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Marco Hadem und Christoph Trost
Abschied von einem überzeugten Europäer

Wahlkampffinale in Bremen: Im September 1983 wurden SPD-Fraktionschef Hans-Jochen Vogel (links) und Parteichef Willy Brandt (rechts) in der Stadthalle empfangen, um den Bremer Bürgermeister und SPD-Spitzenkandidaten Hans Koschnick zu unterstützen.

Walter Schumann

Der frühere SPD-Vorsitzende Hans-Jochen Vogel ist tot. Der ehemalige Bundesjustizminister starb am Sonntag im Alter von 94 Jahren in München, wo er lange Oberbürgermeister war. Dies bestätigte seine Ehefrau Liselotte Vogel. Vogel gehörte zu den prägenden Figuren der bundesdeutschen Politik. Sein Ansehen reichte weit über die Parteigrenzen hinaus. Die letzten Jahre litt er an Parkinson. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier würdigte ihn als „lebhaften Demokraten, dessen Stimme schmerzlich fehlen wird“.

Geboren wurde Vogel 1926 in Göttingen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, in dem er noch als Soldat gekämpft hatte, studierte er Jura. Mit 24 Jahren trat er in die SPD ein. Zehn Jahre später wurde er Oberbürgermeister in München – als jüngstes Oberhaupt einer deutschen Großstadt. Die 4444 Amtstage an der Isar prägten ihn. Vogel trug auch dazu bei, die Olympischen Spiele 1972 nach München zu holen.

Wegen heftiger Auseinandersetzungen mit der SPD-Linken warf der damalige Vertreter der Parteirechten das Handtuch und ging in die Bundespolitik. In Bonn brachte er es schnell zum Minister. Sein politischer Werdegang war gezeichnet von vielen Glanzpunkten, aber auch Niederlagen: Bau- und Justizminister, für knapp vier Monate auch Regierender Bürgermeister in Berlin. Nach dem Ende der sozialliberalen Koalition 1982 machten ihn die Sozialdemokraten zu ihrem Kanzlerkandidaten. Vogel unterlag jedoch deutlich gegen den CDU-Mann Helmut Kohl. Nach dem Fall der Mauer 1989 war er erster Vorsitzender der wiedervereinigten SPD.

Auftritt in der Bremer Stadthalle

In der eigenen Partei galt Vogel zeitlebens als eine Art sozialdemokratisches Gewissen mit unerschütterlichen moralischen Grundsätzen. „Soll Bremen zum ersten Mal in seiner Nachkriegsgeschichte schwarz werden?“, rief der damalige SPD-Fraktionschef Vogel dem Publikum in der Bremer Stadthalle im September 1983 zu. Wie auch der Parteivorsitzende Willy Brandt war er zur Unterstützung von Bürgermeister Hans Koschnick zur Abschlussveranstaltung im Bürgerschaftswahlkampf angereist. Inwieweit Vogels Aufruf einen Einfluss auf das Ergebnis hatte, ist nicht überliefert – die Wahl gewann die SPD in Bremen damals jedenfalls mit 51,3 Prozent.

Abgesehen vom Thema „soziale Gerechtigkeit“ trieb Vogel bis ins hohe Alter ein anderes Problem um: der drohende Zerfall Europas. Als der Austritt Großbritanniens aus der EU sich abzeichnete, sagte Vogel, 70 Jahre Frieden in Europa seien nur durch die Überwindung des Nationalismus möglich geworden.

Die Erkrankung an Parkinson hatte er selbst schon vor Jahren öffentlich gemacht. Bis zuletzt lebte er mit seiner Frau in einer Seniorenresidenz in München. Vogel diskutierte auch gern über aktuelle Fragen wie die Flüchtlingskrise oder den Aufstieg von Rechtspopulisten. Wer ihn erreichen wollte, brauchte allerdings Geduld – bis zu seinem Tod verschmähte er Handy und Computer.

Anteilnahme über die Parteien hinweg

Die Nachricht von seinem Tod löste über Parteigrenzen hinweg Trauer aus. Bundespräsident Steinmeier kondolierte der Witwe mit den Worten: „Wir haben einen Mann verloren, der die deutsche Sozialdemokratie und die Politik unseres Landes maßgeblich geprägt hat. Seine Disziplin und Geradlinigkeit, sein Pflichtbewusstsein und sein christliches Menschenbild haben ihm über alle Parteigrenzen hinweg größten Respekt eingebracht.“

Die SPD würdigte ihren ehemaligen Partei- und Fraktionschef als „großen Sozialdemokraten“. Der Parteivorstand erklärte: „Er war ein großer Sozialdemokrat, ein Vorbild, ein Freund. Hans-Jochen Vogel kämpfte sein Leben lang für sozialdemokratische Werte, eine gerechte Welt und für ein einiges Europa. Er wird fehlen.“

Lesen Sie auch

Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) bezeichnete Vogel als sein persönliches Vorbild: „Wir trauern um einen hoch angesehenen Menschen und außerordentlich befähigten Politiker. Überaus geschätzt waren seine Menschlichkeit, seine Gradlinigkeit und seine Fachlichkeit, mit denen er seine Aufgaben in den verschiedenen Stationen seines Lebens wahrgenommen hat", teilte er mit.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CDU) schrieb: „Über Parteigrenzen hinweg genoss er durch seine glaubwürdige Politik und authentische Art höchstes Ansehen.“ Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble (CDU) erklärte: „Wir verlieren eine für unser Land prägende Persönlichkeit. Ich habe ihn als leidenschaftlichen Sozialdemokraten kennengelernt, der Politik stets aus tiefer Überzeugung und aus innerer Verpflichtung gestaltet hat.“

++ Dieser Artikel wurde um 19.57 Uhr aktualisiert. ++

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+