Bremen Ägypten versinkt im Chaos

Herr Ahmed gibt den Besuchern des Tahrir-Platzes im Herzen der ägyptischen Hauptstadt Kairo eine Lektion in neuerer Geschichte: „Wissen Sie, was vor sechs Jahren hier los war?“, fragt der kleine untersetzte Ägypter die wenigen Touristen, die sich dieser Tage an dem Platz einfinden. Im selben Atemzug gibt er die Antwort: „Es war der Anfang unserer Revolution, die die Regentschaft von Husni Mubarak nach 30 Jahren beendete.
28.01.2017, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Ägypten versinkt im Chaos
Von Birgit Svensson

Herr Ahmed gibt den Besuchern des Tahrir-Platzes im Herzen der ägyptischen Hauptstadt Kairo eine Lektion in neuerer Geschichte: „Wissen Sie, was vor sechs Jahren hier los war?“, fragt der kleine untersetzte Ägypter die wenigen Touristen, die sich dieser Tage an dem Platz einfinden. Im selben Atemzug gibt er die Antwort: „Es war der Anfang unserer Revolution, die die Regentschaft von Husni Mubarak nach 30 Jahren beendete.“ Allerdings seien die Revolutionäre dann irregeleitet worden, fügt der Herr in der beigefarbenen Jacke hinzu. Die Muslimbrüder wollten eine islamische Republik errichten. „Sisi hat uns gerettet.“

Herr Ahmed sagt, er arbeite im Ägyptischen Museum und habe keinerlei geschäftliche Interessen, Ausländer anzusprechen. Der Tourismus ist seit den Revolutionstagen eingebrochen und hat sich bis heute nicht erholt. Komisch nur, dass Herr Ahmed ziemlich weit vom Museum entfernt steht, am anderen Ende des Tahrir-Platzes, wo die Amerikanische Universität ihr Hauptgebäude hat. Und komisch auch, dass noch weitere Männer am Platz herumstehen, die alle ähnliche Jacken tragen.

Es ist „Revolutionstag“ in Ägypten. Am 25. Januar vor sechs Jahren gingen erstmals Hunderttausende gegen das verhasste Regime auf die Straße. Eine Welle der Rebellion erfasste das ganze Land, bis Langzeitpräsident Husni Mubarak am 11. Februar abdanken musste. Heute ist der Beginn des Aufstandes ein nationaler Feiertag, doch die Revolution ist abgeschafft. Nichts erinnert mehr daran. Das Hauptquartier von Mubaraks Einheitspartei (NDP), das von wütenden Demonstranten in Brand gesetzt wurde, ist abgerissen, obwohl man es ursprünglich als Mahnmal der Revolution stehen lassen wollte. Der Tahrir-Platz, wo alles begann, ist platt gemacht und in den Untergrund verlegt. Das gesamte Terrain ist zur Tiefgarage umfunktioniert worden. Oben liegen Betonplatten, die mit Sandwegen eingefasst sind. Ein paar Treppen führen nach unten, eine Zahlstation und Luftschächte. In der Mitte weht eine riesige ägyptische Fahne. Der Platz ist blitzsauber, wirkt steril. Polizisten, Mitglieder von Spezialeinheiten und vor allem Geheimdienstler dominieren in diesen Tagen die Szene. Die jungen Revolutionäre von damals sitzen entweder im Gefängnis oder sind aufs Land gefahren, wie es in Ägypten heißt, wenn man in die Wüste will. Die Revolution habe ihre Ziele aus den Augen verloren, als sie von speziellen Interessen geleitet wurde, sagt Staatspräsident Abdel Fattah al-Sisi in seiner Rede zum Gedenktag und klingt dabei wie Herr Ahmed. Besser kann man die Haltung der jetzigen Machthaber nicht ausdrücken.

„Wir hatten damals eigentlich nur die Wahl zwischen einer Militär- und einer Religionsdiktatur“, analysiert Abdal Galil al-Sharnoby die Situation. Der 42-Jährige ist Journalist und Mitarbeiter am Ägyptischen Zentrum für Recherche und Studien über religiöse Organisationen und Bewegungen. Das Zentrum ist ein regierungsnaher Think Tank, der mit Mitteln aus den Vereinigten Emiraten am Golf ausgestattet wird, die von Anfang an kritisch gegenüber der ägyptischen Revolution und dem Aufstieg der Muslimbruderschaft waren. Al-Sharnoby ist für sie ein geschätzter Insider und hat eine Wende in seinem Leben vollzogen, die in Ägypten nicht unüblich ist.

Euphorie und Jubel für den jeweiligen Machthaber haben Tradition am Nil. Der Mann mit dem welligen schwarzen Haar war 23 Jahre lang Muslimbruder und ist im Verlauf der Revolution „konvertiert“, wie er sagt. Noch bevor der Islamist Mohammed Mursi zum Präsidenten gewählt wurde, hatte er den Bruch vollzogen. „Ihre Ideen waren mir zu radikal, sie wollten nicht nur Ägypten mit ihrem Islamismus bekehren, sondern die ganze Welt.“ Trotzdem, meint al-Sharnoby, hätte die Revolutionsbewegung eine Chance gehabt, wenn sie nicht so zerstritten gewesen wäre und sich auf einen Anführer hätte einigen können. Stattdessen hätten sie das Feld komplett den Muslimbrüdern überlassen, die es schamlos für ihre Zwecke ausnutzten.

Friedensnobelpreisträger Mohammed al-Baradei, der sich als Führungsfigur anbot, eine Partei gründete und viel Zuspruch aus den Reihen der jungen Demonstranten bekam, wurde mit einer Schmutzkampagne überzogen. Sein Rücktritt als Vize-Präsident, mit dem er das Blutbad der Armee unter den Anhängern des vom Militär gestürzten Mohammed Mursi kritisierte, wird ihm bis heute verübelt. Nach einem kürzlich ausgestrahlten Fernsehinterview, in dem er die jetzigen Missstände in Ägypten anprangert, werden nun Forderungen lauter, ihm die ägyptische Staatsbürgerschaft abzuerkennen. Parlamentarier haben ein entsprechendes Gesuch an den Staatspräsidenten geschickt. Baradei hat vor drei Jahren Ägypten verlassen und lebt seitdem in Wien.

Die Missstände, die Baradei in dem Interview anspricht, sind gravierend. Seit Anfang November ist die ägyptische Währung im freien Fall. Das Pfund hat seitdem die Hälfte seines Werts eingebüßt. Die Inflation lag im Dezember bei 23,3 Prozent, so hoch wie noch nie, und die Arbeitslosigkeit steigt von Monat zu Monat an. Jetzt liegt sie bei offiziellen 17 Prozent. Importwaren sind durch den hohen Dollarkurs kaum noch zu bezahlen. Die Regale in den Supermärkten werden leerer. Ägypten ist schon lange nicht mehr in der Lage, seine schnell wachsende Bevölkerung selbst zu ernähren, und deshalb auf Importe angewiesen. Es gibt kaum noch weißen Zucker, Babynahrung wird ebenfalls knapp, Medikamente sind unerschwinglich geworden. Man tauscht sich aus, wo noch etwas zu kaufen ist, und fährt oft kilometerweit, um die Ware zu bekommen. Besonders die Mittelschicht leide unter der Situation, sagt ein früheres Mitglied der Baradei-Partei, die sich inzwischen aufgelöst hat, da nicht nur ihr Gründer, sondern auch die Mitglieder bedroht wurden. Der Kostendruck sei enorm, seit die Subventionen weggefallen sind. Für Strom und Wasser muss jetzt bezahlt werden, der Benzinpreis ist fast auf das Doppelte gestiegen, Eier kosten im Vergleich zu früher 50 Prozent mehr. Einzig Brot ist weiterhin subventioniert. „Die Revolution ist uns zum Albtraum geworden.“

Unterdessen drischt der Staatspräsident Durchhalteparolen. Er wisse um die schwierige Lage vieler Menschen im Land, sagt al-Sisi in seiner Revolutionstagrede. Sisi hat seinem Volk eine Radikalkur verpasst, hat die Währung freigegeben und gleichzeitig die Subventionen drastisch heruntergefahren. Noch sechs Monate werde es dauern, verkündet der ehemalige Generalfeldmarschall, bis es wieder aufwärts gehe, der Pfundkurs sich gegenüber dem Dollar einpendle und die Reformen Wirkung zeigten. Die gravierenden Einschnitte sind Auflagen des Internationalen Währungsfonds, der Ägypten einen Kredit über zwölf Milliarden Dollar auf drei Jahre gewährte, um seine enormen Staatsschulden zu tilgen und die Wirtschaft anzukurbeln. Doch die erste Ratenzahlung soll für Nahrungsmittelimporte verwendet worden sein, berichten verlässliche Quellen. Die Regierung fürchtet Brotunruhen, die schon einmal in den 1980er-Jahren erhebliche Turbulenzen am Nil auslösten. Sisi will nun sein Kabinett in den nächsten Tagen umbilden. Es ist im Gespräch, auch den Finanzminister auszuwechseln. Einer seiner Berater ist vor drei Tagen wegen Korruption verhaftet worden.

Spricht man mit den Menschen auf der Straße, die nicht zu Herrn Ahmeds Geheimdiensttruppe am Tahrir-Platz zählen, sind die Antworten gemischt. Einige meinen, dass die Reformen zu spät kämen. Andere glauben, dass die Regierung noch die Abwärtsspirale stoppen könne und Ägypten auf den richtigen Weg bringe. Roqaja aber glaubt gar nicht mehr an die Zukunft ihres Landes – und schon gar nicht an die Versprechen des Präsidenten. Die 19-jährige Ägypterin sitzt in der Ecke eines traditionellen Altstadtkaffees unweit des Tahrir-Platzes und hat gerade ihr Abitur hinter sich. „Studieren?“ Ja, das würde sie gerne. „Aber wozu?“ Sie bekäme ohnehin keinen Job, wie die meisten ihrer Altergenossen. Sie war 13, als die Demonstrationen den Sturz des Regimes forderten und viel Hoffnung in der Luft lag. Sie könne nicht erkennen, dass das alles etwas gebracht hätte, sagt sie. „Du hast im Moment nur zwei Möglichkeiten in Ägypten: entweder du fügst dich, oder du verlässt das Land.“ Das versuchen gerade immer mehr junge Ägypter auf der gefährlichen Route über das Mittelmeer.

„Wir hatten die Wahl zwischen einer Militär- und einer Religionsdiktatur.“ Abdal Galil al-Sharnoby, Journalist
„Entweder du fügst dich, oder du verlässt das Land.“ Roqaja, Abiturientin
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