Abschied aus Afghanistan

Unsichere Zukunft: Stadt der Verzweifelten

Afghanistan kommt nicht zur Ruhe, wie es der Fall von Sohrab Mayel zeigt, der bei einem Anschlag seine Familie verlor. Sollten die US-Truppen wie geplant abziehen, droht dem Land noch größeres Chaos.
14.04.2021, 20:00
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Von Tamana Ayazi und Thore Schröder, Kabul
Unsichere Zukunft: Stadt der Verzweifelten

Sohrab Mayel während der Beisetzung seiner Frau und seines Sohns.

Johanna-Maria Fritz

Als Sohrab Mayel von einem Kollegen erfährt, dass der Bus, in dem sein zweijähriger Sohn und seine hochschwangere Frau saßen, explodiert ist, beginnt er zu laufen. Er rennt von seinem Büro bei der Afghan Telecom am Pashtunistan Square einige Hundert Meter durch das verstopfte Zentrum Kabuls bis zu ihrem Arbeitsplatz im Bildungsministerium, wo er die beiden am Morgen abgesetzt hat. Immer wieder wählt er ihre Nummer, vergeblich. Er rennt weiter, an den aufgestauten Autos vorbei bis zum „Garten der Frauen“, wo die Bombe hochgegangen ist. Der Bus brennt, ganz hinten, wo Khatra und Arsh Mayel stets saßen, ist das Fahrzeug total deformiert.

Wie Mayel später erzählt, fährt er dann die Krankenhäuser ab. Vor dem Emergency Hospital, wo er zitternd inmitten anderer Angehöriger auf Nachricht wartet, ermahnt sich der junge Vater: „Es wird gut ausgehen. Ich glaube an Gott.“

Keine 24 Stunden später werden Khatra und Arsh Mayel zu Grabe getragen. Über den Dächern Süd-Kabuls flattern Drachen im Wind.

Tote bei Explosion in Kabul

Kabuler Alltag: In der Hauptstadt kommt es immer wieder zu Bombenanschlägen.

Foto: Rahmat Gul/dpa

Ein Geistlicher mit Turban und langem Bart macht in seiner Trauerrede „die Ungläubigen und den Westen“ für das Leid verantwortlich, das die Afghanen immer wieder befällt. Aber Sohrab Mayel will davon nichts wissen. „Ich bin sicher, dass die Person, die diese Bombe gelegt hat, aus diesem Land stammt“, sagt er. Auch wenn er wahrscheinlich nie erfahren werde, wer den Anschlag befahl.

Bei der Attacke auf den Bus, der die Mitarbeiterinnen des Bildungsministeriums nach Hause bringen sollte, starben am 15. März neben Khatra und Arsh Mayel drei weitere Frauen. Vergangenen Monat wurden in Afghanistan 305 Menschen bei Anschlägen getötet und 350 verletzt. Einige wurden durch sogenannte Sticky Bombs, mit Magneten befestigte Sprengladungen, ermordet, andere mit Sturmgewehren exekutiert. Die Menschen in diesem Land müssen immer neue Schläge einstecken und wissen oft gar nicht, von wem.

Seitdem die USA und die Taliban im Februar 2020 ein Abkommen unterzeichnet haben, das den Abzug der ausländischen Truppen zum 1. Mai vorsieht, haben die Islamisten ihren Modus Operandi geändert. Auf komplexe Selbstmordanschläge müssen sie offenbar verzichten. Stattdessen arbeiten sie Todeslisten ab, auf denen Politiker, Aktivisten, Journalisten oder eben Ministeriumsmitarbeiterinnen stehen.

Doch auch andere Terrorgruppen wie der Islamische Staat (IS) könnten verantwortlich sein, nicht zuletzt auch die Regierung, um die Verhandlungen mit den Taliban zu torpedieren. Einige Amtsträger glauben, den Krieg gewinnen zu können, verfügen sie doch immerhin über rund 300.000 Polizisten und Soldaten. Teile der Kabuler Elite haben kein Interesse an Kompromissen und Übergangsregelungen für den Frieden, obwohl bereits rund 50 Prozent der Bevölkerung unter Taliban-Kontrolle lebt und die Armutsquote laut Weltbank in Folge der Pandemie auf über 70 Prozent gestiegen ist.

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Trotz allem haben sich einige Bürger in den vergangenen zwei Jahrzehnten etwas aufbauen können, die Familie von Sohrab Mayel zum Beispiel. Als Teil der tadschikischen Bevölkerungsgruppe lebte sie früher in der nördlichen Provinzhauptstadt Kundus, von wo die Bundeswehr im November ihre letzten Truppen abzog. Ende der 90er-Jahre versuchten die damals herrschenden Taliban, dort wie überall Kämpfer zu rekrutieren.

„Als meine großen Brüder zum Kriegsdienst eingezogen werden sollten, sind sie geflohen. Schließlich gingen wir alle nach Pakistan, erst Jahre später fanden wir uns wieder“, erinnert sich Sohrab Mayel an seine Kindheit, während er in der Drei-Zimmer-­Wohnung der Familie im Nord-Kabuler Viertel Khair Khana grünen Tee einschenkt.

Die Beerdigung seiner Frau und seines Sohnes liegt da schon drei Tage zurück, doch der 31-Jährige trägt noch immer dieselben Jeans und das dasselbe schwarz-weiß karierte Hemd, das er am Tag der Katastrophe an hatte. „Weil ich das trug, als Arsh das letzte Mal auf meinem Schoß saß“, sagt er.

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Seit dem kommunistischen Putsch 1978 und dem Einmarsch der Sowjetunion im folgenden Jahr kommt Afghanistan nicht zur Ruhe. Auch nach dem Sturz der Taliban vor bald 20 Jahren kehrte kein Frieden ein. „Afghanistan war damals eine Wiederaufbau-­Aufgabe“, sagt Thomas Ruttig. Der Deutsche, Co-Gründer und Co-Direktor des Forschungsinstituts Afghanistan Analysts Network, gilt international als einer der besten Kenner des Landes. „US-Präsident George W. Bush setzte stattdessen auf das Aufspüren versprengter Al-Qaida- und Taliban-­Reste. Das war eine absolut fehlgeleitete Politik“, sagt Ruttig, der 1983 als Sprachschüler aus der DDR das erste Mal an den Hindukusch kam. Er hat danach weite Teile des nunmehr über 40 Jahre andauernden Krieges vor Ort miterlebt, in verschiedenen Funktionen.

Viele Fehler wiederholen sich, etwa indem die Regierung von US-Präsident Joe Biden nun die Afghanen zu einem Frieden mit den Taliban zwingen will und auf die Heimholung ihrer Truppen hinarbeitet. „Das ist im Prinzip weiter eine Trump-Politik, nach dem Motto ‚Nach mir die Sintflut‘“, sagt Ruttig.

Sollten die verbliebenen 3500 US-Soldaten eilig das Land verlassen, würden die afghanischen Truppen nicht nur moralische Unterstützung verlieren. Denn diese waren in den vergangenen Jahren oftmals nur mithilfe amerikanischer Luftschläge in der Lage, wichtige Bevölkerungszentren zu halten. Die Taliban könnten also weitere Gebiete überrennen. Die Zeichen stehen in jedem Fall auf einem größeren Krieg.

Den weitaus überwiegenden Teil der Konsequenzen aber werden wie immer die Afghanen tragen, Menschen wie die Mayels. Sohrab Mayel ist der jüngste von vier Brüdern. Besonders die Unterstützung seiner Mutter, die vor fünf Monaten an einem Schlaganfall starb, hat ihm vieles ermöglicht. In der Ecke seines Zimmers steht ein gerahmtes Schwarzweißfoto aus den 70er-Jahren: Rabia Mayel neben ihrem Mann, mit Lederjacke und offenen Haaren. „Unter den Taliban durfte sie nur als Schneiderin arbeiten. Danach war sie wieder als Lehrerin tätig“, sagt er und beschreibt, wie die zierliche Frau jeden Morgen eine Dreiviertelstunde zu Fuß zu ihrer Schule ging, um das Fahrgeld zu sparen, damit er studieren konnte.

Parallel zu seinem Informatikstudium lernte Sohrab Mayel Englisch, nahm an Fortbildungsprogrammen der Weltbank in Indien teil. Neben seinem Job als Medienkoordinator bei der Afghan Telecom, wo er zum Beispiel Poster und Werbematerial entwirft, studiert er nun Kunst an der Universität Kabul. Seine fünf Jahre jüngere Frau hatte Finanzwirtschaft studiert und war im Bildungsministerium für die Haushaltsplanungen der Provinzen zuständig.

Wenige Stunden vor dem Anschlag hatte Khatra Mayel ihren Mann angerufen: „Sie wollte, dass wir zusammen Mittagessen gehen, scharfes Hühnchen, wie bei unserem ersten Date.“ Doch er hatte zu viel Arbeit und musste noch zu einer Vorlesung. Deshalb fuhren sie ohne ihn nach Hause.

„Ich wäre so gerne mit ihnen gestorben“, sagt er.

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Millionen Afghanen sind geflüchtet

An vielen Stellen hat sich Kabul in den vergangenen 20 Jahren zu einer modernen Festung gewandelt. Botschaften, Ministerien, Stiftungsbüros oder Hilfsorganisationen werden mit hohen Betonmauern, Stacheldraht, Überwachungskameras, Checkpoints und Sicherheitsschleusen geschützt. Große Teile der Hauptstadt, allen voran die zentral gelegene Green Zone, sind wie herausgeschnitten, vom weitaus überwiegenden Teil der 4,4 Millionen Einwohner der Stadt nicht zu betreten.

Auch wegen der ständigen Belagerungssituation schreitet der Exodus unter den 38 Millionen Afghanen (Schätzung 2019) immer weiter voran. Weltweit sind etwa 2,6 Millionen Geflüchtete aus Afghanistan registriert. Hinzu kommen laut Schätzungen der Vereinten Nationen weitere zwei Millionen nicht dokumentierter Afghanen im Ausland. Wer noch im Land ist, bleibt wegen fehlender Mittel oder zu versorgender Familienmitglieder, oder aber aufgrund einer höheren Bestimmung.

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