Celler Prozess: Beamte kannten maßgeblichen IS-Anwerber nicht Ahnungslose Staatsschützer

Celle. Ayoub B. ist empört.Ayoub B. und sein Mitangeklagter Ebrahim H.
01.09.2015, 00:00
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Von Wiebke Ramm

Ayoub B. ist empört. Es könne doch nicht sein, sagt der 27-Jährige und gestikuliert wild mit seinen Händen, dass sich niemand für Yassin O. zuständig gefühlt habe. Ob das niedersächsische Landeskriminalamt oder die Staatsschutzabteilung der Polizei in Wolfsburg – alle hätten bloß gesagt, sie wüssten von nichts, echauffiert sich B. am Ende des Verhandlungstages vor dem Oberlandesgericht Celle. Er hält es für unmöglich, dass die Ermittler Yassin O., dem mutmaßlichen Anwerber für die Terrormiliz „Islamischer Staat“ (IS), nicht auf die Schliche gekommen sind. „Yassin O. war sehr bekannt in Wolfsburg“, sagt Ayoub B., und seine Betonung liegt auf „sehr“. Jeder habe ihn gekannt. Nur die Ermittler nicht? Ayoub B. will es nicht glauben.

Ayoub B. und sein Mitangeklagter Ebrahim H. B. (26) stehen sich wegen Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vor Gericht. Yassin O. soll Ayoub B. zum IS-Anhänger gemacht haben. Im Herbst 2013 soll O. in der Ditib-Moschee in Wolfsburg aufgetaucht sein und ihn, seinen Mitangeklagten Ebrahim H. B. und gut ein Dutzend weitere junge Männer radikalisiert haben.

Am Montag sitzt Kriminaloberkommissar Herbert H. im Zeugenstand. Er gehört zur Staatsschutzabteilung der Wolfsburger Polizei und ist Experte für Islamismus. Er habe gewusst, sagt der Ermittler, dass Yassin O. im Islamischen Kulturzentrum Hausverbot erhalten habe. Er soll fortan mit einer Gruppe anderer Salafisten zum Beten in die Ditib-Moschee am Hauptbahnhof gegangen sein. Zeuge H. sagt, dass er Yassin O. niemals persönlich kennengelernt habe. Der Vorsitzende Richter fragt nach: „Es gab keinen Anlass, mit dem mal zu reden?“ „Für mich nicht“, sagt der Staatsschützer.

Im Juni 2014 bekam H. den Anruf einer Informantin. Sie sagte ihm, dass fünf Männer nach Syrien gereist seien, darunter Ayoub B. und Yassin O. Die Frau habe erstmals Yassin O. als Anführer der Gruppe genannt, sagt H.. Die Ermittler konnten mit dem Namen zunächst kaum etwas anfangen: Sie hielten einen anderen für den führenden Kopf der Wolfsburger Salafisten.

„Ihnen war nicht bekannt, dass Yassin O. eine herausgehobene Stellung innerhalb der Gruppe innehatte?“, fragt der Beisitzende Richter. „Das war mir nicht bekannt“, sagt Zeuge H. Habe er daraufhin gegen Yassin O. ermittelt? „Nein, das war nicht meine Aufgabe.“ Dass Yassin O. bereits mehrfach nach Syrien gereist war, höre er an diesem Tag zum ersten Mal, sagt der Staatsschützer am Montag vor Gericht.

Schon in der vergangenen Woche hatten zwei LKA-Beamte als Zeugen ausgesagt. Sie hatten Ende April 2014 Hinweise bekommen, dass Yassin O. in Wolfsburg versuche, junge Männer für den IS anzuwerben. Viel passiert war daraufhin offenbar nicht. Ein weiterer LKA-Beamte sagte am Montag vor Gericht, er habe den Namen Yassin O. am 21. August 2014 das erste Mal gehört – von Ayoub B. Auch dessen Mitangeklagter Ebrahim H. B. kann es nicht fassen: „20 Jugendliche sind durch Yassin O. von Wolfsburg nach Syrien gegangen– und das LKA wusste nichts davon?“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+