Kommentar über Fakten und Vorurteile

Alles mies

Dass früher vieles schlechter war als heute, wird ignoriert. So hat sich die Zahl der Todesopfer von Naturkatastrophen in den letzten 100 Jahren mehr als halbiert, bemerkt Dietrick Eickmeier.
26.05.2018, 16:45
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Von Dietrick Eickmeier

An Flughäfen in Bayern haben gerade Polizeibeamte 21 Familien aufgegriffen, die mit ihren schulpflichtigen Kindern vor Ferienbeginn in den Urlaub aufbrachen. Wurde auch Zeit. Den Eltern droht ein Bußgeld von bis zu 2500 Euro. Wenn die Polizei sich den Luxus leisten kann, nach Schulschwänzern zu fahnden, dann müssen wir in einem sicheren Land leben. Nur mögen das viele Deutsche nicht glauben. Unsere Vorurteile sind stärker, die Sucht nach Schwarzmalerei überlagert das Faktenwissen.

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Kein Wunder, dass die neueste Kriminalstatistik, wonach 2017 in Deutschland fast zehn Prozent weniger Straftaten erfasst worden sind als im Vorjahr, der stärkste Rückgang seit mehr als 20 Jahren, nicht ins Bewusstsein dringt oder als Schönfärberei abgetan wird. Die Angst, Opfer eines Verbrechens zu werden, ist zuletzt eher gewachsen. Dabei hat die Gewaltkriminalität stark abgenommen: bei Mord und Totschlag von 1,33 Fällen je 100 000 Einwohner im Jahr 1992 auf 0,80 Fälle, bei Sexualmorden von 58 (1988) auf 9 im Jahr 2016. Die Zahl der Straftaten, bei denen geschossen wurde, hat sich seit 1972 mehr als halbiert.

Wie kann es sein, dass in Talkshows seit Jahren über den sicheren Niedergang der Republik lamentiert wird? Wissenschaftler haben dieses Phänomen, das es nicht nur bei uns gibt, in den letzten Jahren gründlich untersucht. Demnach verbreiten sich schlechte Nachrichten deutlich schneller als gute und bleiben, weil sie eher Emotionen wecken, viel stärker haften. Noch schneller verbreiten sich erfundene Nachrichten im Netz. So hat das „Massachusetts Institute of Technology“ Twitter-Meldungen von 2006 bis 2017 auf Wahrheitsgehalt und Verbreitung hin untersucht. Ergebnis: Ein unwahrer Inhalt hat gegenüber einer Tatsache eine um 70 Prozent höhere Wahrscheinlichkeit, weiterverbreitet zu werden.

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Dass früher vieles schlechter war als heute, wird ignoriert. So hat sich die Zahl der Todesopfer von Naturkatastrophen in den letzten 100 Jahren mehr als halbiert. Das glauben aber nur sechs Prozent der Deutschen. Auch dass viel weniger Flugzeuge abstürzen als früher klingt für viele unglaublich. Genauso dass es im Kalten Krieg viel mehr bewaffnete Konflikte weltweit gab als heute. Dafür wächst die Zahl der Menschen, die glauben, dass Alltagsgifte Milch oder Weizen zu lebensgefährlichen Stoffen gemacht haben, ganz zu schweigen von der Droge Zucker. Dabei werden wir fröhlich immer älter.

Zur Ehrenrettung der Deutschen muss man sagen, dass die Mehrheit nicht blöd ist, sondern es mit dem Kabarettisten Dieter Nuhr hält, wonach die Welt besser als ihr Ruf ist. Immerhin gaben in einer Umfrage von TNS Infratest 93 Prozent der Befragten an, dass sie mit ihrem Leben sehr oder ziemlich zufrieden seien. Noch zufriedener freilich sind die Skandinavier, vor allem die Finnen. Ein wichtiger Grund dafür ist dort die gleichmäßigere Verteilung des Wohlstands. Und die müssen sich auch nicht wie wir über Funklöcher ärgern.

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