Am Tag danach

Um 3.40 Uhr sind die Koalitionsverhandlungen zu Ende, um 4.
28.06.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Am Tag danach
Von Jürgen Hinrichs

Um 3.40 Uhr sind die Koalitionsverhandlungen zu Ende, um 4.10 Uhr liegt er im Bett, und um 8.00 Uhr hängt er schon wieder am Telefon, um sich mit seinen künftigen Senatoren zu besprechen. So beschreibt Carsten Sieling die vergangenen Stunden, und wenn man ihm jetzt ein Kompliment machen will: der Mann hat Steherqualitäten, er sieht frisch aus und überhaupt nicht zerknautscht. Keine Spuren vom nächtlichen Marathon mit den Grünen, der nun sein Ziel erreicht hat. Am Mittag gesellen sich die Akteure zur Presse, um die Ergebnisse mitzuteilen. Sieling, der designierte Bürgermeister und Präsident des Senats, betont den Ernst der Lage: „Es werden die entscheidenden vier Jahre sein, um die Selbstständigkeit Bremens zu sichern. Das war uns in den Verhandlungen in jeder Sekunde präsent.“

Die Spitzen von Rot-Grün haben in die „Ständige Vertretung“ eingeladen, in den Reederei-Salon des Lokals, wo die Luft knapp wird, zu viele Menschen auf engem Raum. Sieling und SPD-Parteichef Dieter Reinken kommen früh und geben sich entspannt. Sie hatten vorher noch mit dem Landesvorstand zusammengesessen, zuerst sollte die Partei erfahren, was bei den Koalitionsverhandlungen herausgekommen ist.

Im Schlepptau haben die beiden Herren eine Dame, die kennt man nicht. Sie stellt sich ganz nach hinten, und es bleibt ein Rätsel: Wer ist das? Am Ende wird sie dann doch noch vorgestellt und nach vorne gebeten, um ein paar Sätze zu sagen. Es ist Claudia Bogedan, die neue Senatorin für Kinder und Bildung. Ein frisches Gesicht aus dem Fundus der SPD. Die 40-Jährige, von Haus aus Sozialwissenschaftlerin, sitzt im Landesvorstand ihrer Partei in Nordrhein-Westfalen.

Die bisherige Bildungssenatorin Eva Quante-Brandt übernimmt das Gesundheitsressort, das Hermann Schulte-Sasse aus Altersgründen abgibt. Innensenator bleibt Ulrich Mäurer. Wirtschaftssenator bleibt Martin Günthner. Und Carsten Sieling, der wird der Chef dieser Chefs, wenngleich der Ministerpräsident des Bundeslandes Bremen eher ein Erster unter Gleichen ist und keine Richtlinienkompetenz hat.

Das ist die SPD, das ist ihre Regierungsriege. Mit Claudia Bogedan ist der Partei ein kleiner Coup gelungen, die Frau hatte niemand von den Beobachtern auf dem Zettel. Allenfalls, dass man ahnen durfte, dass Quante-Brandt in ihrem Amt abgelöst wird. Die SPD hat Bildung nach der Wahl sehr früh und klug gesetzt zu einem Schwerpunkt auserkoren. Das musste, um diesen Anspruch zu untermauern, mit einem neuen Gesicht dekoriert werden.

Die Grünen kommen an diesem Mittag erst auf dem letzten Drücker zur Pressekonferenz. Sie hatten noch etwas zu besprechen, keine Kleinigkeit, denn in der Nacht war etwas passiert: Ein offener Machtkampf, angezettelt von Robert Bücking, dem ehemaligen Ortsamtsleiter, frisch gewählten Abgeordneten und maßgeblichen Verhandler der Grünen in den Gesprächen mit der SPD. Bücking will Senator werden – so hat er es seinen Leuten gesagt, als sie müde und abgekämpft von 14 Stunden Verhandlung zuletzt noch ausklamüsern mussten, wer von ihnen in die Regierung geschickt wird.

Konkret soll es so gewesen sein: Henrike Müller, die Landesvorsitzende, fragt in die Runde der Verhandlungskommission, ob sie später vor den Journalisten verkünden dürfe, dass die Grünen-Spitze sich wieder für Karoline Linnert (Finanzen), Joachim Lohse (Bau, Umwelt, Verkehr) und Anja Stahmann (Soziales) entschieden hat. Alles wie gewohnt, egal, wie sehr es die Partei in den vergangenen Wochen durchgerüttelt hat. Einer, Bücking eben, will dabei nicht mitmachen. Er geht in die Offensive und schlägt sich selbst als neuen Bausenator vor. Joachim Lohse, dem die Grünen lange gram waren, der in seiner Partei mittlerweile aber an Ansehen gewonnen hat, müsste dann gehen.

Was tun? Sich früh festlegen? Mit Bücking wäre das nicht möglich gewesen. Schon deshalb, weil die Grünen erst vor ein paar Tagen während einer Versammlung ihre Mitglieder einbezogen hatten, als es um die Ressortverteilung und das Personal ging. Niemand, der aufgestanden ist und gefordert hat, dass statt Lohse ein anderer ran soll. Im Gegenteil: Der Bausenator hatte viel Beifall bekommen.

Eine zweite Variante wäre gewesen, die Personalie offen zu lassen. „Wir überlegen noch, entscheiden wird die Partei“ – so in etwa. Das hätte die Grünen nach dem für sie äußerst mageren Ergebnis der Koalitionsverhandlungen wahrscheinlich aber noch schwächer aussehen lassen.

Also hat man sich doch festgelegt. „Als Senator für Bau, Umwelt und Verkehr schlagen wir Joachim Lohse vor“, sagt Henrike Müller in die Mikrofone und wiederholt das auf Nachfrage gerne noch einmal: „Joachim Lohse.“ Sie schmunzelt, denn klar: Hier wird in diesem Moment mit viel Hintersinn gesprochen.

Müller sitzt neben Karoline Linnert. Die Finanzsenatorin und Spitzenkandidatin der Grünen ist Bücking nicht besonders gewogen, auch wenn der sich zuletzt demonstrativ vor sie gestellt hatte, als Linnert nach der Wahl ins Feuer geriet und sogar ihr Rücktritt gefordert wurde. Sie hält den Abgeordneten nach ihren eigenen Worten schlicht für ungeeignet, ein Senatorenamt zu übernehmen. Während der Koalitionsverhandlungen musste Linnert erleben, wie Bücking mehr und mehr an Gewicht gewann. Und dann die Nacht, als er sich traute – bislang ohne Erfolg. Spannend könnte es noch einmal werden, wenn die Grünen am 11. Juli bei einer Mitgliederversammlung darüber abstimmen, wen sie als Senatoren ins Rennen schicken. Die SPD befragt am gleichen Tag die Delegierten des Landesparteitages. Mit Überraschungen ist kaum zu rechnen.

So turbulent es bei den Grünen zugeht, so ruhig ist es nach dem Amtsverzicht von Bürgermeister Jens Böhrnsen und der Ausrufung seiner Nachfolgers bei der SPD geworden. „Fast zu ruhig“, sagt ein Mann aus dem Führungszirkel, „alle schauen jetzt auf Carsten Sieling und erhoffen sich von ihm neuen Schwung für die Partei.“

Am Mittag, bei der Pressekonferenz, tritt Sieling schon mal in Aktion. „Bitte die Fenster auf!“, ruft er denen zu, die hinten stehen. Frischer Wind. Wenig später waren alle Fenster wieder geschlossen.

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