Medienforscher über die "Lügenpresse"

"Anfällig sind potenziell wir alle"

Die Mondlandung gab es nur im TV-Studio. Flugzeuge beeinflussen die Weltpolitik. Verschwörungstheorien klingen oft absurd - und haben Konjunktur. Medienforscher John David Seidler beschäftigt sich damit.
12.03.2016, 00:00
Lesedauer: 8 Min
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Von Lisa Schröder

Die Mondlandung gab es nur im TV-Studio. Flugzeuge beeinflussen die Weltpolitik. Verschwörungstheorien klingen oft absurd - und haben Konjunktur. Medienforscher John David Seidler beschäftigt sich damit.

Ihre Arbeit „Verschwörung der Massenmedien“ haben Sie im Herbst 2014 abgeschlossen. Kurze Zeit später riefen Demonstranten „Lügenpresse, halt die Fresse“. Hätten Sie erwartet, dass Ihr Untersuchungsgegenstand so schnell relevant wird?

John David Seidler: In der Form hat es mich überrascht, nicht aber grundsätzlich. Es war erkennbar, dass sich am rechten Rand etwas tut. Dass die Szene und dieses Schlagwort so einen Aufwind bekommen, habe ich nicht vorausgesehen.

Wie funktionieren Verschwörungstheorien eigentlich?

Ich definiere sie als Begleiterzählung zum Informations- und Bilderstrom der Massenmedien. Das ist ein ganz wesentliches Merkmal. Sie funktionieren dadurch, dass potenziell alles, was sich medial zeigt, im Kontext einer totalen Verschwörung interpretiert wird.

Sie schreiben, dass moderne Verschwörungstheorien im 18. Jahrhundert erst mit den Massenmedien entstanden sind. Wie ist das zu verstehen?

Vormoderne Verschwörungstheorien haben sich noch an Erscheinungen der Natur orientiert, um Spuren des Teufels oder der Hexen nachzuweisen. Die moderne Verschwörungstheorie referiert dagegen für ihre Beweisführung nur noch auf Medien. Ende des 18. Jahrhunderts gibt es eine Urszene der Mediengesellschaft in Europa. In Frankreich, dann auch anderswo, wird Presse- und Meinungsfreiheit ausgerufen. In diesem Moment sind es radikal gegenrevolutionäre und gegenaufklärerische Akteure, die aus den nun frei zirkulierenden Texten eine Verschwörung interpretieren – auch schon aus der schlichten Tatsache, dass bestimmte Meinungen veröffentlicht werden. Das ist bis heute typisch.

Gegen wen richteten sich die ersten modernen Verschwörungstheorien?

Ihre Feinde waren ganz klar die aufklärerischen Geheimbünde: die Freimaurer und Illuminaten. Sie standen im Verdacht, die Französische Revolution geplant und umgesetzt zu haben. Ihnen wurde unterstellt, alles Revolutionsunglück nun auch über den Rest der Welt verbreiten zu wollen. Tatsächlich haben die Illuminaten versucht, Herr über die Publizistik zu werden.

Um die Ermordung John F. Kennedys, die Mondlandung oder den 11. September 2001 ranken sich viele Geschichten. Lassen sich Strukturen erkennen, die sich über Jahrhunderte bis in die Verschwörungen der jüngsten Gegenwart gehalten haben?

Es sind epochemachende Ereignisse, um die es geht. Sie sind mit besonderer Wucht medial präsent. Die zugespitzte Variante der Verschwörungstheorie stellt nicht nur den Urheber infrage, sondern behauptet, dass das Ereignis gar nicht stattgefunden hat.

Welche Rolle spielen Emotionen?

Verschwörungstheorien sind seit ihrem Ursprung traditionell Bestandteil von Propaganda und Gegenpropaganda. Die funktioniert nicht rational, sondern brüllt und echauffiert sich. Verschwörungstheorien sind seit 250 Jahren fester Teil unserer Kultur und unserer politischen Debatten. Das Erzählmuster hatte Hochphasen, immer auch Phasen des untergründigen Überlebens, aber es war nie weg. Jetzt ist es wieder ganz präsent.

Wie erklären Sie sich, dass Verschwörungstheorien gerade aktueller denn je sind?

Grundsätzlich wird von einer Konjunktur von Verschwörungstheorien seit circa 20 Jahren gesprochen. Die Repopularisierung von „Lügenpresse“ hängt mit den aufsteigenden nationalistischen, rassistischen und völkischen Bewegungen zusammen. Sie wurde allerdings durch die Kultur der Verschwörungstheorien vorbereitet. Der aktuelle Tonfall und die pauschale Kritik an den „Systemmedien“ im Umfeld von Pegida et cetera unterscheiden sich heute in nichts von der verschwörungstheoretischen Medienkritik von vor 20 Jahren.

Wie entstand diese Kultur?

Natürlich hat sie durch das Internet besonderen Auftrieb erfahren. Das ist sicherlich ein Aspekt, aber auf keinen Fall die alleinige Erklärung. Es gibt ja beispielsweise auch zahlreiche Bestseller über Verschwörungstheorien, wie sie etwa der Kopp-Verlag vertreibt. Sie wurden auch in etablierten Medien verbreitet. Der damalige Radiomoderator Ken Jebsen bezeichnete 2011 im RBB den Einsturz der Türme am 11. September als „warmen Abriss“. Der WDR strahlte 2003 Jürgen Wisnewskis manipulativen Film „Aktenzeichen 9/11 ungelöst“ aus. Der ganz normale Massen-Journalismus mit seinem Bedürfnis nach großen Enthüllungen und Sensationen ist offenbar selbst ein Einfallstor für Verschwörungstheorien.

Inwiefern sind die Medien heutzutage selbst Ursache von Verschwörungstheorien gegen sie?

Sicherlich kann man leicht nachweisen, dass etwa über den Konflikt in der Ukraine verzerrt berichtet wurde. Das erklärt aber doch noch nicht, warum Menschen in Dresden und anderswo „Lügenpresse“ brüllen und auf Journalisten einprügeln. Ich finde, die aktuelle Diskussion um die Schuld der Medien geht etwas in die falsche Richtung. Natürlich müssen Medien kritisiert und reflektiert werden, auch weil sie zwangsläufig nicht die eine tatsächliche „Realität“ abbilden können. Aber ein einseitiger reuiger Blick auf die Liste journalistischer Verfehlungen verkennt doch, was da gerade passiert.

Wo sehen Sie dagegen den Zusammenhang?

Interessant ist, dass die pauschalisierende Medienkritik schon immer eine besondere Rekrutierungs- und Mobilisierungsfunktion für bestimmte soziale Bewegungen hatte. Soziologen haben in Frankreich schon vor 15 Jahren beobachtet, dass der Mythos einer Medienverschwörung das eigentliche Lebenselixier des Front National darstellte. „Lügenpresse“ bricht diesen Mythos auf einen simplen Slogan runter und hat hier nun einen ähnlichen Effekt. Das lässt sich übrigens historisch gut nachzeichnen, über die Verschwörungs-Propaganda der Nationalsozialisten, die antisemitische Bewegung im 19. Jahrhundert bis zur Gegenaufklärung im späten 18. Jahrhundert. Wenn die Medien also die Ursache von Verschwörungstheorien sind und waren, dann vor allem in dem Sinne, dass sie die nötige Projektionsfläche für die Idee einer manipulativen und totalen Lügensphäre bieten, ohne die eine moderne Verschwörungstheorie schlicht nicht auskommt.

Wann hört Skepsis auf und wo beginnt der Glaube an eine Konspiration?

„Lügenpresse, halt die Fresse“ ist zunächst nur ein Slogan und keine Verschwörungstheorie. Wenn dahinter aber die Vorstellung steckt, dass der gesamte mediale Apparat manipuliert ist und uns tendenziell versklaven möchte, dann ist das eine komplexere Erzählung und man spricht von einer Verschwörungstheorie. Grundsätzlich muss man aber anerkennen, dass die Übergänge oftmals eher verschwommen sind und die Grenze nicht immer so leicht an einer simplen wahr/unwahr-Unterscheidung festzumachen ist. Verschwörungen sind schließlich auch äußerst reale Phänomene.

Welche Ursachen für Verschwörungstheorien gibt es? Sie nennen in Ihrem Buch zum Beispiel die Lust am Erkenntnisgewinn.

Genau, an der vermeintlichen Erkenntnis. Dazu kommt das erhabene Gefühl, endlich den Überblick zu haben und der Macht der Medien widerstehen zu können. Ganz wesentlich sind ein schlichtes Freund-Feind-Denken und stereotype Feindbilder. Typisch sind Verschwörungstheorien deshalb für radikale Bewegungen. Sie sehen sich als die Guten, weil sie die böse Verschwörung enthüllen. Das übt eine Faszination aus.

Ist aus dem Phänomen auch eine gewisse Überforderung abzulesen, weil das Weltgeschehen derart komplex ist?

Die Verschwörungstheorie macht es extrem einfach, weil alles in das Schema eingeordnet wird. Gleichzeitig wird durch sie aber auch wieder Komplexität aufgebaut. Die Reduktion von Komplexität ist ein beliebtes Erklärungsmuster in der Forschung, aber richtig nachgewiesen hat das noch niemand. Man muss sich den prototypischen Verschwörungstheoretiker wohl eher als ausgeschlafenen Analytiker vorstellen, den die gesteigerte Komplexität eher noch reizt als abschreckt.

Gibt es eine Gruppe oder eine politische Richtung, die besonders anfällig für Verschwörungstheorien ist?

Anfällig sind besonders diejenigen, die sich zu kurz gekommen fühlen und zu Extremismus neigen. Also das, was die Psychologie als autoritäre Persönlichkeit bezeichnet. Was hiesige Rechtsextremisten und Pegida mit den Kämpfern des Daesch teilen, ist ja der verschwörungstheoretische Wahrnehmungsstandard. Das heißt, eine obsessive Beschäftigung mit dem Informations- und Bilderstrom der Massenmedien, an dessen vermeintlichen Lügen sich dann trotz aller Verschwörung die geheime Wahrheit, also die Bestätigung des eigenen Weltbilds verrät. Verschwörungstheorien sind jedoch kein exklusives Hobby der Rechtsextremen, sondern auch der Linken. Und es ist ebenso ein Phänomen der Mitte, des sogenannten Bildungsbürgertums.

Hat das Internet die Entstehung von Verschwörungstheorien eher befördert oder entlarvt es Gerüchte schneller, weil die nötigen Informationen zugänglich sind?

Beides. Wer sich informieren will, was an einer Verschwörungstheorie möglicherweise falsch ist, der hat große Chancen, im Internet fündig zu werden. Es gibt im Netz zum Beispiel eine eigene Subkultur sogenannter „Debunker“ – also Entlarver –, die Verschwörungstheorien als solche aufdecken. Für Verschwörungstheoretiker ist jedoch kennzeichnend, dass sie sich gegen Gegenargumente immunisieren, weil diese für sie auch nur Teil des Komplotts sind. Das Internet bietet sich aufgrund seiner besonderen Strukturen und Angebote grundsätzlich besser als alternatives Medium an, um „Systemmedien“ zu interpretieren und zu entlarven.

Der Ton in Foren scheint schärfer geworden zu sein. Das eigene Weltbild wird radikal verteidigt. Würden Sie insgesamt von einer sprachlichen Verrohung sprechen?

Im Kontext von Verschwörungstheorie war der Ton schon immer scharf. Verschwörungstheorie ist nicht die Domäne des milden Austausches von Argumenten – da wird der Holzhammer ausgepackt. Der argumentative Gegner wird verteufelt und bloßgestellt. Heikel ist aber sicher nicht nur die Rohheit der Sprache, sondern insbesondere auch die geschliffene Variante, wie sie Akteure wie Udo Ulfkotte und viele andere aktuell verbreiten.

Wie geht der Verschwörungstheoretiker eigentlich vor?

Das geht im Handumdrehen. Er nimmt sich massenmedial verfügbare Informationen und Bilder und sucht nach vermeintlichen Ungereimtheiten, Dingen, die nicht zusammenpassen. Ich gehe davon aus, dass, wenn es den nächsten großen Terroranschlag gibt, kurz darauf im Internet Gerüchte kursieren werden, dass es sich dabei um einen Angriff unter falscher Flagge gehandelt habe, der eigentlich andere Ziele verfolgt und andere Urheber hat als die vermeintlichen Terroristen. Das konnte ich in Echtzeit während des Anschlags auf den Boston-Marathon, aber auch auf Charlie Hebdo erleben. Sofort wurde eine Verschwörung interpretiert.

Wie sah sie bei Charlie Hebdo aus?

Ein ungeschnittenes Video der Ereignisse war kurzzeitig im Internet. Ein Polizist, der schon verletzt auf dem Boden lag, wurde im Vorbeigehen mit einem Kopfschuss von einem Attentäter exekutiert. Verschwörungstheoretiker behaupteten, man hätte an dieser Stelle eine viel größerer Blutlache sehen müssen. Deswegen unterstellten sie, der Anschlag sei inszeniert, ein Fake, der uns in Angst versetzen sollte.

Der Ausschnitt wurde benutzt, um den Anschlag an sich infrage zu stellen.

Das ist das Grundprinzip. Der Witz ist, dass es immer funktioniert. Bei allem, was halbwegs komplex ist und sich medial darstellt, werden Sie, wenn Sie es drauf anlegen, etwas finden, das man anders interpretieren kann. Dies wird benutzt, um vermeintlich zu entlarven.

Das Gespräch führte Lisa Boekhoff.

Zur Person:

John David Seidler (38) lehrt am Institut für Kommunikations- und Medienforschung der Deutschen Sporthochschule Köln. Seine Dissertation „Die Verschwörung der Massenmedien. Eine Kulturgeschichte vom Buchhändler-Komplott bis zur Lügenpresse“ ist in diesen Tagen erschienen.

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