Kommentar über den IT-Konzern Apple

Apple: Netflix ausstechen zu wollen scheint gewagt

Apple, der Technologie-Konzern mit dem Kult-Status, will sich neu aufstellen und neu erfinden. Unser USA-Korrespondent Thomas Spang erklärt, warum er skeptisch ist.
27.03.2019, 21:20
Lesedauer: 3 Min
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Apple: Netflix ausstechen zu wollen scheint gewagt
Von Thomas Spang
Apple: Netflix ausstechen zu wollen scheint gewagt

Tim Cook, Vorstandsvorsitzender von Apple, spricht bei der Vorstellung neuer Produkte.

Tony Avelar/dpa

Das eine Billion Dollar schwere Unternehmen verkauft seine Vision mit einer Menge Hype; in Cupertino geht wenig ohne Superlative. So auch bei der Ankündigung des Aufbruchs in die schöne neue Service-Welt, mit der Apple die bröckelnden Gewinne abfedern will. Seit dem iPhone-Geschäft der Saft auszugehen droht, muss der Konzern den Investoren etwas neues bieten. Da der Markt für iMacs, MacBooks und iPods schon lange saturiert ist, ist bei der Hardware kein großes Wachstumspotenzial mehr zu finden.

Also macht sich Apple auf den Weg, den andere Tech-Giganten wie Amazon und Google schon längst konsequent beschreiten. Weg von der bloßen Hardware, hin zu Inhalten, die darauf konsumiert werden können. Der strategischen Vorteil Apples und das beste Argument für seine Erfolgsaussichten sind die 1,4 Milliarden i-Geräte, die weltweit im Umlauf sind.

Fraglich, ob der Umbau gelingt

Sollte es Apple gelingen, die vorhandene Hardware erfolgreich mit Services zu verknüpfen, wären dem Wachstum keine Grenzen gesetzt. Als Vorbild aus dem eigenen Haus dient dafür die Einführung des Musikdienstes iTunes 2001, der die Musikindustrie revolutionierte. Seitdem kaufen die Nutzer nicht mehr Alben, sondern einzelne Songs. Eine Entwicklung, die CDs und Schallplatten zum Nischenprodukt machte.

Ein anderes Erfolgsmodell ist der App-Store, der seit 2008 mehr oder weniger exklusiv Software für die iPhones vertreibt. Allein dies generierte seitdem 120 Milliarden Dollar Umsatz, von denen Apple gut 30 Prozent von den Entwicklern einstrich. Entsprechend hoch waren die Erwartungen, als der Konzern nach Cupertino einlud, um einen Blick in die Apple-Zukunft zu werfen. Wenn die aber so aussieht wie die prätentiöse 100-Minuten Show, scheint es fraglich, ob der Umbau gelingt. Denn wenig von dem, was Apple-Chef Tim Cook präsentierte, war wirklich neu.

Der Abo-Service „Apple News Plus“ verspricht für 9,99 Dollar Zugriff auf einen bunten Reigen an Magazinen und Zeitungen über eine einzige App. Darunter finden sich das „Wall Street Journal“ und die „Los Angeles Times“, aber auch der „New Yorker“ und „National Geographic“. Die Verleger müssen sich die Profite des zunächst nur in den USA verfügbaren Angebots hälftig mit Apple teilen.

Wenig spezifisch bleibt der Konzern bei seinem Abo-Paket für Spiele, das Cook mit dem griffigen Namen „Apple Arcade“ vorstellte. Es soll zu einer noch nicht genannten Flatrate im Herbst für iOS, macOS und tvOS verfügbar sein. Die Gamer können dann unter einer App mehr als 100 neue und exklusive Spiele ausleihen. Die offene Frage bleibt, ob ernsthafte Computerspieler dies ausschließlich auf Touchscreens machen wollen.

Der x-te Anlauf, den Fernsehmarkt umzukrempeln

Der Apple-Pay-Service soll durch eine Kreditkarte ergänzt werden, die keine Strafgebühren und niedrige Zinsen verspricht. Wirklich neu ist weder dies noch die angekündigten Gutschriften von zwei Prozent der Umsätze. Tatsächlich gibt es in den USA lukrativere Angebote. Und dass die dazu gelieferten Kreditkarten aus Titan gefertigt sind, haut Analysten auch nicht gerade vom Hocker.

Ganz im Stil des verstorbenen Apple-Gründers Steve Jobs kündigte Cook dann gegen Schluss der Veranstaltung noch „eine weitere Sache“ an. Während der Visionär mit diesem Understatement häufig revolutionäre Produkte wie das iPhone ankündigte, präsentierte Cook „noch eine bemerkenswerte Geschichtenerzählerin“. Oprah Winfrey mag zwar beliebt sein, aber harte Nachrichten verkörpert die farbige Talk-Königin aus Hollywood nun wirklich nicht. Ein symbolkräftiger Moment in Cupertino, der die ganze Widersprüchlichkeit der Show und Vision offenbarte. So nimmt der Konzern mit dem Ausbau des Apple TV zu einem Streaming-Service mit eigenproduzierten Premium-Inhalten den x-ten Anlauf, den Fernsehmarkt umzukrempeln.

Apple hofft, diesmal mehr Erfolg zu haben, denn die Kabel-Riesen schwanken. Millionenfach kündigen die Kunden ihre Verträge und schauen via Netflix, Hulu und Amazon Prime TV à la carte. Der Konzern kommt ein wenig spät zu der Party, auf der Vorgenannte den Ton angeben. Netflix mit einem ähnlichen Produkt erledigen zu wollen, scheint gewagt.

Die Investoren zeigten sich bislang wenig begeistert und ließen den Börsenkurs absacken. Es gibt das vollmundige Versprechen, nicht nur den Fernsehmarkt zu revolutionieren, sondern mit Oprah Winfrey an der Spitze die Welt zu einem besseren Ort machen zu wollen. Doch bisher hat Apple nicht plausibel gemacht, wie das klappen soll. Es gibt also allen Grund, skeptisch zu bleiben.

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