Kommentar über die Lage in Syrien

Assad steht nach acht Jahren Bürgerkrieg kurz vor dem Sieg

Hunderttausende syrische Flüchtlinge bringen deren Sorgen und Nöte mit in ihre Unterkünfte und in die Gemeinden, die sie aufnehmen. Wir müssen also wissen, was in Syrien geschieht, schreibt Birgit Svensson.
02.08.2019, 18:00
Lesedauer: 3 Min
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Assad steht nach acht Jahren Bürgerkrieg kurz vor dem Sieg
Von Birgit Svensson
Assad steht nach acht Jahren Bürgerkrieg kurz vor dem Sieg

Menschen stehen vor einem durch einen Luftangriff getroffenen Gebäude in Syriens letztem großen Rebellengebiet.

dpa

Und wieder diese schrecklichen Bilder: „Wo sind die Medien?“, schreit ein verzweifelter Mann im syrischen Idlib zwischen Trümmern in die Kamera des Fernsehsenders BBC, „wo die Araber?“ Seit drei Monaten wird in der letzten noch verbliebenen Rebellenhochburg gekämpft, töten Luftangriffe hunderte Menschen und vertreiben Hunderttausende. Diktator Baschar al-Assad will auch noch Idlib unter seine Kontrolle bringen.

Er steht nach acht Jahren Bürgerkrieg kurz vor dem Sieg – und alle schauen weg. Bis auf Russland und dem Iran. Die helfen ihm auch weiterhin. Die Russen zerbomben zivile Einrichtungen, Krankenhäuser und Schulen. Die Iraner schicken Bodentruppen in Uniformen der Hisbollah aus dem Libanon. Idlib liegt für sie geradewegs vor der Haustür. Mit Hilfe von Fassbomben und russischen Luftschlägen droht nun die nächste humanitäre Katastrophe.

Die Vereinten Nationen warnen: Die Offensive auf Idlib wird noch mehr Menschen zur Flucht zwingen. Zwar gab es Gespräche in Kasachstan zwischen einer Delegation der syrischen Regierung und einer Abordnung der Rebellen. Die werden jedoch zu nichts führen, denn Assad & Co haben die Oberhand. Die Rebellen haben dem nichts entgegenzusetzen.

Das Szenario gleicht einem Déjà-vu, wie so oft in den letzten Jahren, seitdem Russland ins Kriegsgeschehen in Syrien eingegriffen hat, und es für die westliche Weltgemeinschaft nicht einmal mehr eine Zaungastrolle gibt. Die ist die Horrormeldungen aus Syrien leid und zuweilen sogar froh, dass Putin dort „aufräumt“. Wie auch immer es ausgehen mag, Hauptsache das Blutvergießen und die fürchterlichen Bilder von blutenden, sterbenden Kindern oder schreienden Müttern und Vätern hören auf.

Einerseits kann man es den Menschen nach soviel Barbarei und Blutvergießen nicht verübeln, wenn sie genug haben von den Bildern, vor denen die TV-Sender als „disturbing“ (störend) warnen. Andererseits gerät dadurch ein Konflikt in Vergessenheit, an dem viele Anteile tragen und den alle zu verantworten haben. Hunderttausende Flüchtlinge bringen deren Sorgen und Nöte mit in ihre Unterkünfte und in die Gemeinden, die sie aufnehmen. Wir müssen also wissen, was in Syrien geschieht.

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Russland tut oft so, als sei der Syrien-Krieg so gut wie zu Ende. Präsident Wladimir Putin hatte 2015 militärisch eingegriffen und damit das Blatt zugunsten von Assad gewendet. Der 53-Jährige war fast schon geschlagen gewesen. Nun ist bis auf Idlib und die kurdischen Gebiete im Nordosten das Land wieder unter seiner Kontrolle. Nach Moskauer Darstellung herrscht Frieden. Der Wiederaufbau soll beginnen, die Geflüchteten sollen zurückkehren. Putin setzt dabei auf Geld aus dem Land in Europa, das die meisten Flüchtlinge aufgenommen hat: Deutschland. Knapp 725 000 Syrer zählt das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge hierzulande. Allerdings sind sich die EU und die USA bislang einig: Gezahlt wird nicht. Assad habe sein Land selbst zerstört, Russland habe mit Luftangriffen schwere Schäden und viele Tote auf dem Gewissen. Dort liege die Aufgabe.

Aber Putin weiß auch, wie stark die Flüchtlingsfrage die deutsche Politik unter Druck setzt. Als er Mitte letzten Jahres auf Schloss Meseberg mit Kanzlerin Angela Merkel sprach, warb er um Hilfe für den Wiederaufbau. Eine verlockende Aussicht: Syrer gehen in ihre Heimat zurück. Andererseits drohte Putin kaum verhohlen mit neuen Fluchtbewegungen, wenn nicht geholfen wird. „Das ist potenziell eine große Last für Europa“, sagte der Kremlchef damals. Nun ist es also so weit. Das letzte Inferno Idlib soll wohl die Beschleunigung der deutschen Hilfe bringen, um einen weiteren Flüchtlingsstrom zu vermeiden. Putin erpresst Merkel mit Idlib.

Die Stadt ist zum Sammelbecken der Dschihadisten geworden. Wo immer Assads Regierungstruppen gekämpft haben, evakuierten sie die verbliebenen Gegner nach Idlib. Neben anfänglichen Rebellen der Freien Syrischen Armee gibt es unter den drei Millionen Einwohnern der Provinz Idlib jetzt vermehrt Kämpfer der islamistischen Dschabhat Fath asch-Scham, früher Al Nusra, ein Ableger Al-Kaida und Ahrar al Sham, eine ebenfalls salafistische Miliz, die mehrere Brigaden hat. Außerdem sind aus Rakka vertriebenen IS-Anhänger in Idlib gestrandet. Sie alle wurden von Saudi Arabien, Katar und den Emiraten unterstützt, die ihre fatale islamistische Ideologie auch in Syrien verbreitet wissen wollten. Deshalb schreit der Mann zwischen den Trümmern auch nach den Arabern. Auch sie haben sich, wie die westlichen Medien, weitgehend aus dem Konflikt zurückgezogen.

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