Kommentar zum Fall Robert Menasse

Auch Dichter dürfen nicht lügen

Eine Fälschung in der Wirklichkeit wird keine Wahrheit in der Literatur, schreibt unser Gastautor Johannes Franzen über die falschen Zitate des Schriftstellers Robert Menasse.
11.01.2019, 12:10
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Von Johannes Franzen
Auch Dichter dürfen nicht lügen

Der österreichische Schriftsteller Robert Menasse hat den Europapolitiker Walter Hallstein mit Aussagen zitiert, die erwiesenermaßen erfunden sind.

Arne Dedert

Für den Schriftsteller Robert Menasse („Die Hauptstadt“) ist das Projekt einer Europäischen Union, die den Nationalismus überwindet, ein Projekt, für das es sich zu kämpfen lohnt. Nun hat sich jedoch erwiesen, dass Menasse bei diesem Kampf zu unlauteren Mitteln greift. Er hat Zitate des Europapolitikers Walter Hallstein in verschiedenen Zeitungsartikeln und Reden einfach erfunden. Diese Zitate sollten zeigen, dass auch der CDU-Politiker Hallstein bereits frühzeitig ein supranationales Europa propagiert habe.

Um diese Ansicht zu stützen, behauptete Menasse zudem, Hallstein habe seine Antrittsrede als Präsident der Europäischen Union 1958 in Auschwitz gehalten. Auch das ist eine Fälschung. Menasse ließ sich in der „Welt“ mit den Worten zitieren: „Was kümmert mich das ‚Wörtliche‘, wenn es mir um den Sinn geht.“ Als Dichter sei er nicht an die selben Regeln gebunden, die etwa für den Journalismus und die Wissenschaft gelten.

Robert Menasse

Robert Menasse sieht sich Vorwürfen ausgesetzt. Foto: Arne Dedert

Foto: Arne Dedert / dpa

Diese Legitimation erscheint ausgesprochen fragwürdig. Nur, weil man als Autor fiktionaler Romane bekannt ist, heißt das nicht, dass man die Regeln der alltäglichen Kommunikation ignorieren darf. Auch ein Dichter kann in einem Zeitungsartikel einer realen Person nicht kommentarlos Sätze in den Mund legen, die diese gar nicht gesagt hat. Das gilt im Übrigen auch für den Roman „Die Hauptstadt“, in dem die Legende von Hallsteins Rede in Auschwitz ebenfalls vorkommt. Zwar haben fiktionale Texte mehr Freiheiten als andere, aber auch diese Freiheiten sind nicht unbegrenzt.

Man muss sich nur vorstellen, wie man sich selbst fühlen würde, wenn man unter dem eigenen Klarnamen in einem Roman auftaucht und dort Dinge sagt und tut, an die man sich beim besten Willen nicht erinnern kann.

Dichter und Dichterinnen erfinden Figuren, Orte und Ereignisse, dazu sind sie qua Profession berechtigt. Allerdings ist diese Berechtigung davon abhängig, dass sie ihre Fiktionen auch deutlich markieren. Es ist nicht Aufgabe der Leserinnen und Leser, den Wahrheitsgehalt jeder Information nachzuprüfen, die sich als Wahrheit ausgibt.

Das gilt auch und gerade, wenn diese Erfindungen in den Dienst eines sympathischen Projekts wie einer supranationalen Europäischen Union gestellt werden. Da Menasse Hallsteins Rede in Auschwitz in faktualen Texten als Tatsache behauptet hat, wird sie auch im fiktionalen Text zum Problem. Der reale Schwindel kontaminiert auch die erfundene Geschichte: Eine Fälschung in der Wirklichkeit wird keine Wahrheit in der Literatur.

Info

Zur Person

Unser Gastautor

ist Literaturwissenschaftler an der Universität Bonn. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Theorie und Geschichte der Fiktionalität. 2018 erschien sein Buch „Indiskrete Fiktionen“.

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