Zum AfD-Wahlerfolg in Sachsen-Anhalt "Auch in der DDR waren die Menschen homogen"

Jeder Vierte in Sachsen-Anhalt wählt AfD. Was sind die Gründe dafür? David Begrich vom Verein "Miteinander" in Magdeburg führt unter anderem die DDR-Vergangenheit vieler Bürger für den Wahlerfolg an.
16.03.2016, 00:00
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Jeder Vierte in Sachsen-Anhalt wählt AfD. Was sind die Gründe dafür? David Begrich vom Verein "Miteinander" in Magdeburg führt unter anderem die DDR-Vergangenheit vieler Bürger für den Wahlerfolg an.

Was macht die AfD in Sachsen-Anhalt so stark?

David Begrich: In Sachsen-Anhalt gibt es, stärker als in anderen Bundesländern, eine große Frustration in der Wählerschaft. Viele Leute fühlen sich von der etablierten Politik schlicht nicht vertreten. Zu den klassischen postdemokratischen Ohnmachtsgefühlen und Repräsentationsdefiziten kommt noch hinzu, dass das Thema Flüchtlinge im Wahlkampf alles dominierte und die AfD nicht viel falsch machen konnte.

Gibt es im Land einen gewissen Prozentsatz von Bürgern, die von demokratischen Parteien gar nicht mehr erreicht werden?

Ja, und diese Leute werden nicht nur nicht mehr erreicht, sondern sie haben sich völlig aus dem politischen Kommunikationsraum verabschiedet. Sie haben sich in ein Paralleluniversum zurückgezogen, von dem sie Hassblitze senden – aus Frustration, aus Unsicherheit und aus rassistischen Gründen, die in den östlichen Bundesländern viel deutlicher ausgesprochen werden als im Altbundesgebiet. Sie wählen die AfD, damit es den Etablierten endlich mal gezeigt wird.

Der AfD-Landesverband ist nicht nur im Vergleich zu westlichen Verbänden besonders rechtsnational ausgerichtet. Das Wahlprogramm trägt geradezu völkische Züge. Warum schreckt das Protestwähler nicht ab?

Die Wahlprogramme werden von dieser Gruppe gar nicht gelesen. Diese Menschen schauen, was die AfD auf der Oberfläche sagt. Vor meiner Bürotür hängt ein Plakat: „Es reicht! Sachsen-Anhalt wählt AfD“. Das ist so unbestimmt, dass jeder, der sich unwohl fühlt, sich wiederfinden kann: Es reicht mit Flüchtlingen, es reicht mit der Lügenpresse, es reicht mit Niedriglöhnen, es reicht mit der Politik gegen Russland. Auf ihren Veranstaltungen konnte man wiederum beobachten, wie die AfD die Ressentiments der Leute zur Sprache bringt und bedient, ohne politische Lösungen anzubieten.

Sachsen-Anhalt hatte wie kein anderes Land im Osten unter Deindustrialisierung und Umstrukturierung zu leiden. Hat das auch besondere Auswirkungen auf das Wahlverhalten?

Sachsen-Anhalt hat einen hohen Saldo an Abwanderung, der erst in den letzten beiden Jahren zum Stillstand gekommen ist. Wir verlieren vor allem diejenigen an andere Bundesländer, die eine gewisse geistige Beweglichkeit und Kreativität haben. Natürlich spielen die biografischen Erfahrungen der Mittfünfziger bis Endsechziger, die eine große Wähler- und Wählerinnenkohorte stellen, eine Rolle. Viele in dieser Altersgruppe haben eine große Bereitschaft, vor allem den Homogenitätsvorstellungen der AfD zu folgen.

Was heißt das konkret?

Wenn man eine Umfrage zum Thema gesellschaftliche Homogenität macht, dann gibt es zwei Pole: die soziale Gerechtigkeit, die eher links assoziiert wird, da erhält man hier hohe bis höchste Zustimmungswerte wie nirgends in Westdeutschland. Aber dann gibt es noch einen anderen Pol, der oft aus dem Blick gerät, den aber die AfD fest im Blick hat: das ist eine Unduldsamkeit gegenüber lebensweltlicher und kultureller Diversität, die sich auch aus der Geschichte der DDR herleitet. Auch zur Homogenität der Lebensart findet man eine hohe Zustimmung, quer durch alle Parteien. Es gibt ein großes Misstrauen gegenüber Menschen, die eine andere Hautfarbe haben, Kopftücher tragen oder Englisch sprechen. Wir haben hier je nach Region einen Migrantenanteil zwischen ein und drei Prozent.

Es hat schon mal in Sachsen-Anhalt eine Partei gegeben, die auf Homogenität gesetzt hat, und auf Anhieb mit fast 13 Prozent in den Magdeburger Landtag einzog. Wird sich die AfD ähnlich wie damals die rechtsextreme DVU innerhalb einer Legislaturperiode selbst zerlegen?

Nein, das glaube ich nicht. Die AfD lässt sich nicht mit der DVU vergleichen. Die AfD ist in den neuen Bundesländern eine völkisch-nationalistische Partei im Gewand des Rechtspopulismus, die sehr genau einschätzen kann, was sie wann und wie tut. Sie geht mit einem geradezu unglaublichen Geschick vor und ist ja bereits in fast allen Sachsen-Anhalt umgebenden Landtagen verankert. Es wäre schon grob fahrlässig, die AfD weiter zu unterschätzen.

Das Gespräch führte Peter Gärtner.

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